Fridays for Future

Wie eine 20-Jährige die Bremer Politik vor sich hertreibt

Vor einem halben Jahr stand die Klimaaktivistin Frederike Oberheim fast alleine auf dem Bremer Markplatz. Jetzt bewegt sie Tausende und treibt die Politik mit diebischer Freude vor sich her. Wie macht sie das?
19.06.2019, 10:00
Lesedauer: 6 Min
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Wie eine 20-Jährige die Bremer Politik vor sich hertreibt
Von Nico Schnurr
Wie eine 20-Jährige die Bremer Politik vor sich hertreibt

„Die Politiker sind nicht radikal, also müssen wir es sein.“ Frederike Oberheim organisiert die Klimaproteste.

Benedict Neugebauer

Als die Revolution ausgerufen wird, schaut Sascha Aulepp etwas erschrocken von ihrem Tabletcomputer auf. Vor der Landesvorsitzenden der SPD steht eine Frau in einem schwarzen Kleid am Rednerpult. Sie sagt, sie sei mit ihren 20 Jahren noch zu jung, um hoffnungslos zu sein. Die Bürgerschaft müsse aufhören, Entscheidungen gegen ihre Zukunft zu treffen und endlich anfangen, auf die Wissenschaft zu hören.

Es ist der Abend, bevor die Koalitionsverhandlungen beginnen. Frederike Oberheim blickt durch ihre goldumrandete Brille in die erste Reihe des Publikums. Sie sieht, dass sich das Spitzenpersonal der drei möglichen Regierungsparteien in der Eingangshalle des Überseemuseums versammelt hat. An der Decke hängt ein Walskelett, darunter sitzen Politiker auf Holzstühlen, die man aus Klassenzimmern kennt. Das passt zum Anlass. Der Bremer Ableger der Bewegung „Fridays for Future“ hat zu einer „Nachhilfestunde in Klimapolitik“ eingeladen.

Niemand nahm sie ernst

Ein Wissenschaftler soll den Klimawandel erklären. Ein anderer, was Bremen dagegen tun kann. Vorher richtet sich Oberheim, ein Gesicht des Protests, ans Publikum. Sie sagt, es mache sie wütend, wenn Politiker meinen, ein paar begrünte Dächer reichten aus und die Klimakrise sei gelöst. Dann zitiert sie Rosa Luxemburg, ruft ohne eine Spur von Ironie „Viva la Revolution!“, und die erste Reihe schreckt kurz hoch.

An den vorderen Stühlen kleben Schilder mit den Namen der Politiker. Jeder soll sehen, wer fehlt. Der Platz von Bürgermeister Carsten Sieling bleibt frei. Eine Ausnahme, fast alle anderen Spitzenpolitiker sind da. Die Nachhilfestunde lehrt damit vor allem, wie sehr es einer Jugendbewegung gerade gelingt, die Politik vor sich herzutreiben.

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Seit einem halben Jahr demonstrieren Schüler und Studenten auch in Bremen für besseren Klimaschutz. Am ersten Freitag im Januar stand Oberheim mit 15 Jugendlichen und ein paar Pappschildern auf dem Marktplatz. Ein Polizist kam vorbei, nickte kurz und verschwand wieder. Niemand nahm die Sache wirklich ernst. Inzwischen ist das anders.

Gerade will es sich keiner mit der Bewegung verscherzen. Die Klimafrage hat Konjunktur, sie ist das bestimmende Thema. Die Politik ringt um ihr Verhältnis zur Jugend, und die Aktivisten haben in Bremen zweimal 8000 Jugendliche auf die Straße gebracht. „Wir haben jetzt eine Machtposition“, sagt Oberheim. „Wir sind nun sowas wie die Lobbyisten des Klimas.“

Bemerkenswert an der Bewegung ist nicht nur, wie rasant sie gewachsen ist, sondern auch, wie schnell aus Schülern und Studenten Aktivisten geworden sind. „Man rutscht so rein“, sagt Oberheim, „plötzlich war ich voll in diesem Film, sechs Monate im Rausch.“

Oberheims diebische Freude

Am Sonntagabend sitzt Frederike Oberheim im Zug zurück nach Bremen. Sie hat das Wochenende in Dortmund verbracht, in einer Wohngemeinschaft, die für die nächste Zeit die Zentrale der Bewegung sein wird. Im Dortmunder Revierpark richten die Aktivisten ab Ende Juli einen Kongress aus, fünf Tage, Tausende werden kommen. Oberheim sucht die Redner aus. Während sie also im Zug sitzt und im Halbdunkel das Ruhrgebiet vorbeizieht, telefoniert Oberheim einen Konzernchef nach dem nächsten ab, da wird ihr zum ersten Mal seit Monaten klar: „Wow, was mache ich hier eigentlich? Das ist doch komplett crazy.“

Am nächsten Morgen hockt Oberheim, bronzefarbene Haare, Nasenpiercing, Festivalbändchen verdecken das Handgelenk, im Schneidersitz unter einem Baum am Osterdeich. Neben der Psychologie-Studentin sitzt Julius Schlichting, 18, ähnliche Haarfarbe, ähnlich viele Festivalbändchen, das zweite Gesicht der Bremer Klimaproteste. Die beiden reden über die Nachhilfestunde im Museum, Oberheim huscht ein schelmisches Grinsen übers Gesicht. Sie sagt: „Wir hätten einführen sollen, dass alle fehlenden Politiker ein Attest einreichen müssen.“ Oberheim schlägt die Hände vor ihrer Brille zusammen und kichert. Man merkt ihr an, dass sie eine diebische Freude daran hat, die Politik zu verunsichern.

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An einem Abend im März steht Oberheim auf der Bühne des Kriminal-Theaters. Die Bremer Grünen haben sie eingeladen. Kann ja nicht schaden, die Aktivisten vor den Wahlen auf der eigenen Landesmitgliederversammlung zu haben. Oberheim soll etwas zum Klimawandel sagen. Das macht sie auch, aber vor allem zählt sie die Grünen vor versammelter Mannschaft an. Nichts mit Nähe. Angriff. Sie wirft der Partei vor, selbstzufrieden zu sein.

In zwölf Jahren Regierungszeit in Bremen sei „keine einzige Maßnahme radikal genug gewesen“. Dann zitiert sie einen Song des Liedermachers Marc-Uwe Kling und sagt: „Doch die Blumenkinder, wer konnte das ahnen, gingen den Weg aller Bananen: Heute grün und morgen gelb und übermorgen schwarz.“ Oberheim wirft sich ins Gras und lacht, als sie davon am Osterdeich erzählt. Sie mag nervöse Politiker. Und Maike Schaefer, die Spitzenkandidaten der Grünen, sei damals im März ziemlich nervös gewesen. „Ich habe ihre Rede umgeworfen“, sagt Oberheim. „Sie hat dann sechs Minuten schwimmend versucht, sich zu retten. Das war super.“

„Ich war schon immer ein dreistes Kind“

Danach, sagt Oberheim, habe drei Monate kein Kontakt zur Parteiführung bestanden. Kein einziges Wort, bis zum Abend im Überseemuseum. Dort habe Schaefer sie gefragt, wie lange die Nachhilfestunde gehe, mehr nicht. „Die Führungsriege hat vermutlich Probleme mit uns“, meint Oberheim, „wir hacken ja auch so viel auf den Grünen rum, dass ich selbst schon Mitleid habe.“ Wenn man Oberheim, die alle nur Fritzi nennen, die Mails mit „Moini“ beginnt und „Schülis“ statt Schüler sagt, wenn man sie so selbstgewiss und streitlustig reden hört, fragt man sich: Woher nimmt diese 20-Jährige den Mut, die Politik aufzumischen?

„Ich war schon immer ein dreistes Kind“, sagt Oberheim. „Ich wurde so erzogen, mich mit allem anzulegen, womit ich ein Problem habe.“ Ein Teil ihrer Kindheit spielte sich beim Nabu ab, Vogelhäuser bauen, Müll sammeln, solche Sachen. Sie wollte Meeresbiologin werden. Dann erfuhr sie, dass der Job nicht wirklich daraus besteht, auf Schlauchbooten übers Meer zu schippern und ab und an einen Wal zu retten, und verwarf den Plan.

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Was sie mit allen Jugendlichen bei „Fridays for Future“ gemeinsam habe, sei ihr Arbeitspensum. „Wir sind alles heftige Workaholics“, sagt Oberheim, „in der Schule wurden wir krass auf Leistung gepolt. Jetzt haben sie die Kontrolle über uns verloren, und wir investieren unsere Leistung eben nicht mehr in Noten, sondern in einen Aufstand.“ In ihrem Fall bedeutet das: 60 Arbeitsstunden pro Woche, mindestens. Den Takt ihres Tages bestimmen die etwa 30 Whatsapp-Gruppen, in denen sich die Bewegung organisiert.

Ihr Smartphone blinkt ständig, immer neue Nachrichten. Dazu die Sitzungen in Bremen und acht Telefonkonferenzen in der Woche, weil Oberheim auch auf Bundesebene mitentscheidet. Sie ist ständig erreichbar, selbst in der Nacht, sagt sie. Und wenn sie aufwacht, oft vor 6 Uhr, weil ja zu tun ist, dann laufen die Chats schon wieder über vor Nachrichten. Irgendetwas ist immer, wenn man versucht, die Welt zu retten.

Kürzertreten? Unmöglich, nicht jetzt

Manchmal vergesse sie zu essen, sagt Oberheim. „Ich bin nahe an der Burnout-Grenze.“ Sie lacht und kurz will man das für einen Scherz halten, dann erzählt sie von mehreren Zusammenbrüchen, zuletzt nach der Großdemonstration im Mai. Schlichting neben ihr nickt und sagt: „Man setzt sich emotional wahnsinnig unter Druck.“ Oberheim ist Veganerin, sie fliegt nicht, trägt gebrauchte Kleidung. Trotzdem denkt sie immer mit, was ihr andere als Doppelmoral auslegen könnten. Als sie vor dem Abend im Museum merkt, dass sie mal wieder nichts gegessen hat, bittet sie einen Freund, ihr Nudeln von einem asiatischen Fast-Food-Imbiss mitzubringen. Aber bitte in der Tupperdose, muss ja keiner sehen.

Warum hört sie nicht auf, wenn der Druck so groß und alles so viel ist? „Das alles ist zu wichtig, um jetzt kürzer zu treten“, sagt sie. „Unsere Generation erwartet Radikalität, aber die Politiker sind nicht radikal, also müssen wir es sein.“ Sie habe in dem halben Jahr gelernt, dass man nicht zu Prominenten in Anzügen aufsehen brauche. Dass der politische Betrieb zu träge sei für einen schnellen Wandel. Und dass das nicht ihr Weg ist. „Wir sind lieber wahnsinnig dreist“, sagt Oberheim. „Wir denken uns einen Plan aus, eine Demo oder einen Kongress, und dann ziehen wir einfach durch, egal gegen welche Widerstände. Sonst passiert ja gar nichts.“

Sie muss noch Klausuren an der Uni schreiben, dann wird Frederike Oberheim für den Sommer nach Dortmund ziehen. In die Wohngemeinschaft, zusammen mit etwa 20 anderen Entscheidern der Bewegung. „Bald bin ich nur noch unter Wahnsinnigen.“ Sie lässt den Satz wie eine Drohung klingen.

Info

Zur Sache

Bremer Aktivisten in Aachen

Am Freitag wird eine Gruppe von etwa 50 Bremer Klimaaktivisten gegen 5 Uhr nach Aachen aufbrechen. Am kommenden Wochenende werden mehrere Protestaktionen für Klimaschutz in und um Aachen stattfinden. Den Aufrufen von „Fridays for Future“ und dem Aktionsbündnis von „Ende Gelände“ haben sich weitere Gruppen angeschlossen. Die Polizei rechnet mit 20 000 Teilnehmern bei den Klimaprotesten am Freitag. Sie hat ein Großaufgebot für das gesamte Wochenende vorbereitet. Das dürfte vor allem an der Massenblockade im Rheinischen Revier liegen, die „Ende Gelände“ unabhängig von den Klimaprotesten plant. Am 29. Juni wollen die Bremer Aktivisten dann wieder ab 11 Uhr vor dem Hauptbahnhof demonstrieren.

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