Politikunterricht

Wie Schule junge Demokraten formt

Was tun Schulen, um junge Menschen zu Demokraten zu erziehen? Unter anderem dient dazu der Politikunterricht, der Oberschule am Barkhof reicht das aber nicht, da aktuelle politische Fragen oft zu kurz kommen.
19.05.2019, 06:00
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Wie Schule junge Demokraten formt
Von Silke Hellwig
Wie Schule junge Demokraten formt

Der Pädagoge Jannes von Bestenbostel diskutiert mit seinen Schülern an der Oberschule am Barkhof so oft es geht aktuelle politische Themen.

Frank Thomas Koch

Hinten links am Vierer-Tisch wird engagiert diskutiert. Zwei Jungen sind für die Bebauung des Rennbahngeländes, zwei dagegen. „Wir werden die Wohnungen nicht an Investoren verkaufen, die die Mieten erhöhen“, verspricht ein Schüler. „Ein Park mit Fußballplatz und Skaterbahn wäre trotzdem besser“, sagt ein anderer. Die Debatte wogt hin und her, die Schüler engagieren sich, sie amüsieren sich auch.

Die vier Diskutanten einer Lösung für das Rennbahngelände sind Achtklässler der Oberschule am Barkhof. Der erste Unterrichtsblock an diesem Morgen gilt dem Fach GuP, Gesellschaft und Politik, bestehend aus den Fächern Geschichte, Politik und Geografie. Lehrer Jannes von Bestenbostel hat aktuelles Unterrichtsmaterial mitgebracht: Der Volksentscheid zur Rennbahnbebauung und der Zwist um die Platanen am Deich beschäftigen die Klasse. Die Schüler sollen Pro- und Kontraargumente sammeln, sich eine Meinung bilden und sie gegenüber ihren Mitschülern vertreten. Die beiden Themen veranschaulichen die Lerneinheit „Demokratie in Deutschland“, die in den achten Klassen auf dem Lehrplan steht. Nach den Osterferien habe er mit dem Thema begonnen, sagt Jannes von ­Bestenbostel, behandelt werde es bis zu den Sommerferien.

Was kann, was muss Schule tun, um junge Menschen zu Demokraten zu erziehen und Politikmüdigkeit vorzubeugen? „Demokratie fällt nicht vom Himmel, sie muss stets neu begründet werden – auch und gerade in Schule und Hochschule“, appelliert die deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft. 2018 sahen sich Soziologen der Uni Bielefeld den Politikunterricht in der Sekundarstufe in Nordrhein-Westfalen an. Fazit: „Im Durchschnitt entfallen pro Schulwoche im Unterricht bestenfalls 17 bis 20 Minuten auf politisches Lernen. Jeder Jugendliche hat rechnerisch wöchentlich etwa 20 Sekunden Zeit, um seine politische Position vorzutragen und mit anderen darüber zu sprechen.“

Und in Bremen? „Das bremische Schulgesetz benennt explizit die Bereitschaft, politische und soziale Verantwortung zu übernehmen, als Bildungs- und Erziehungsziel“, sagt Annette Kemp, Sprecherin des Bildungsressorts. Die sogenannte Kontingentstundentafel für die Sekundarstufe I der Oberschule sehe verteilt über die Jahrgänge 5 bis 10 im Lernbereich GuP 17 Schulstunden vor, 15 Unterrichtsstunden für das Gymnasium (Jahrgangsstufen 5 bis 9). Obendrein würden politische Themen in den Lernfeldern Wirtschaft, Arbeit, Technik sowie Religion und Philosophie behandelt. Insgesamt sei das Stundenkontingent in beiden Schulformen mehr, als die Kultusministerkonferenz vorgebe. Die Schulen hätten ebenfalls die Möglichkeit, im Wahlpflichtbereich, im Wahlbereich und im Bereich Profil und Ergänzung weitere Stunden zu verwenden. „Das wird auch gemacht“, so die Sprecherin weiter.

Die Oberschule am Barkhof wendet für die Demokratieerziehung mehr Zeit auf als vom Bildungsressort vorgesehen: Der GuP-Unterricht umfasst hier 18 Stunden. Darüber hinaus beteiligt sich die Schule nach Auskunft ihrer Leiterin Nicola Roggendorf an Projekten wie der Juniorwahl oder Jugend debattiert. „Es ist unser Anspruch, dass die Schülerinnen und Schüler, die unsere Schule verlassen, sich in der Demokratie sicher bewegen und an ihr aktiv beteiligen können. Dafür wünschte ich mir oft noch mehr Zeit.“ Fächer, die Werte und Haltung vermittelten, dürften nicht zu kurz kommen. „Werteerziehung ist mir eine Herzensangelegenheit“, sagt Nicola Roggendorf.

Politikunterricht werde im Verhältnis zu Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) nicht genug gewichtet. Diese Meinung vertritt Christian Gloede, Landesvorstandssprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bremen. „Das steht meiner Meinung nach in einem Missverhältnis.“ Es gebe zu wenig Politikleistungskurse, „sie passen oft nicht in das Profil der Schulen“. Auch außerschulisch geschehe zu wenig, unter anderem weil es an Geld für „spannende Projekte“ fehle. Zur Wahl werde an den Schulen einiges unternommen, stellten sich Politiker beispielsweise Schülern in Podiumsdiskussionen. Das liege dann oft bis zur nächsten Wahl brach, bedauert Gloede. „Meist fehlt im Schulalltag die Zeit dazu. Der Druck, den vorgeschriebenen Stoff durchzunehmen, ist immens.“

„Die Kinder bekommen in den Nachrichten alles mit, sie sitzen dann hier mit Fragezeichen, verstehen vieles nicht und würden gerne darüber reden.“ Sofern das Elternhaus keine Antworten gebe, müsse dafür in den Schulen Raum geschaffen werden, sagt von Bestenbostel. Deshalb mag sich das Kollegium am Barkhof auch mit einer Stunde mehr GuP-Unterricht nicht zufrieden geben. „Wir haben in GuP viele Themen zu behandeln. Was die Kinder erwarten, nämlich auf aktuelle politische Ereignisse einzugehen, schaffen wir dort oft nicht. Wir brauchen eine kontinuierliche Auseinandersetzung“, sagt der Pädagoge. Nun erprobt die Schule ein Projekt namens „Welt im Klassenrat“. Beim Klassenrat handelt es sich um eine Art Konferenz, zwei Schulstunden pro Woche, bei der Schüler und Lehrer behandeln, was akut anliegt. Ein Teil der Zeit wird derzeit probehalber für politische Fragen verwandt, mit denen die Schüler im Alltag konfrontiert werden.

Schüler Til Pätzmann begrüßt den Modellversuch. „Dort können wir aktuelle Themen besprechen, die wir aus den Medien kennen, die uns etwas angehen und uns erschüttern“, so der 14-Jährige. „Wir setzen uns mehr mit aktuellen Themen auseinander als früher“, sagt seine Klassenkameradin Leyla Zurabov. „Das finde ich sehr gut. Was ich nicht verstehe, kann ich hier ansprechen.“

Hinten am Vierer-Tisch bahnt sich ein Kompromiss an: „Sechs Hektar Bebauung, höher gehe ich nicht.“ Nach ein paar Minuten einigen sich die vier Schüler doch noch: auf 6,5 Hektar bebaubare Fläche.

Info

Zur Sache

Auftakt für die Juniorwahl

78 Schulen aus Bremen und Bremerhaven nehmen nach Angabe der Landeszentrale für politische Bildung in diesem Jahr an der sogenannten Juniorwahl teil, damit mehr als vor vier Jahren (67 weiterführende Schulen). Ziel des Projekts, das an diesem Montag beginnt, ist nach Angaben der Landeszentrale das Üben und Erleben von Demokratie. Seit 1999 wird die Juniorwahl bundesweit zu Europa-, Bundestags- und Landtagswahlen veranstaltet. Seit 2011 ermöglicht die Landeszentrale für politische Bildung in Bremen als einzigem Bundesland allen weiterführenden Schulen die Teilnahme. Eingebunden sind neben der Landeszentrale und dem Bildungsressort die Bremische Bürgerschaft sowie das Innenressort. Das Ergebnis der Wahl zu Übungszwecken wird am 26. Mai um 18 Uhr unter www.juniorwahl.de veröffentlicht.

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