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Wir lieben Werkstoffe

Nach der Stein-, Bronze- und Eisenzeit kommt die Plastikzeit.
20.01.2019, 14:00
Lesedauer: 3 Min
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Wir lieben Werkstoffe
Von Patricia Brandt
Wir lieben Werkstoffe
Sabine Rosenbaum

Nach der Stein-, Bronze- und Eisenzeit kommt die Plastikzeit. Folgerichtig brachte die Bundeszentrale für politische Bildung den Dokumentarfilm „Plastic Planet“ heraus. Das war aber schon 2009. Zehn Jahre später leben wir längst in einem neuen Zeitalter. Das erfährt man, wenn man am Fenster sitzt, Pläne fürs neue Gartenjahr schmiedet und dabei Unmengen von Lebkuchen in sich hineinstopft.

„Hast du jetzt wirklich alle Kekse allein gegessen?“, fragt mein Mann Michael und hält stirnrunzelnd die leere Lebkuchen-Packung (Brezel, Sterne, Herzen, zartbitter) in die Höhe. „Dswoganivl“, sage ich.

Und, als ich geschluckt habe, nochmal: „Das waren gar nicht so viele.“

Aber Michael redet schon weiter: „Die Lebkuchen hier wurden gerade zurückgerufen! Genau diese hier: Brezel, Sterne, Herzen, zartbitter!“

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Ich schlucke nochmal, obwohl mein Mund leer ist. "Wieso denn?“, frage ich alarmiert.

„In einige Packungen sind Plastikteile geraten, es besteht sogar Verletzungsgefahr“, sagt Michael und sieht jetzt sehr besorgt aus.

Die Kekse in meinem Magen verwandeln sich augenblicklich in Stein. Ich spüre, wie der Kunststoff meine inneren Organe aufschlitzt und Blutungen einsetzen. Mit letzter Kraft schreibe ich eine E-Mail an den Hersteller, in der ich mich höflich nach meinen Überlebenschancen erkundige.

Es dauert nur wenige Wochen, bis sich die zuständige Abteilung meldet: Genug Zeit, damit meine inneren Verletzungen verschorfen.

„Sehr geehrte Frau Brandt“, schreibt ihr Kunden- und Ernährungsservice, „vielen Dank, dass Sie uns ihre Erfahrung mitgeteilt haben, denn selbstverständlich legen wir großen Wert auf den wertvollen Austausch mit unseren Kunden.“

Der gefundene Kunststoff soll von einem externen Labor untersucht worden sein, lese ich Michael weiter vor. Und dann juchze ich vor Freude: Die Kontrolleure hätten festgestellt, dass es sich bei den gefundenen Fremdkörpern gar nicht um Plastik handelt! „Ach, gut“, meint Michael. „Was war es dann?“

„Plexiglas“, sage ich.

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Er: „Du hast Plexiglas gegessen?“

Ich überfliege die nächsten Zeilen. „Ja, aber das ist nicht so schlimm.“ Plexiglas, erkläre ich Michael, sei nicht giftig und zudem vielseitig verwendbar. „Hör mal, hier steht: ‚Plexiglas wird auch im medizinischen Bereich als Werkstoff zum Verbleib im Körper eingesetzt. Zum Beispiel im Dentalbereich oder in der Orthopädie.‘“

Bei weiteren Fragen, hat mir Edeka mitgeteilt, könne ich ruhig mal Durchklingeln. Das will ich auch tun. Ich werde mich erkundigen, ob ich den Gutschein, den sie mir geschickt haben, lieber gegen eine Packung zurückgerufene Lebkuchen eintauschen kann.

Ich habe überlegt, dass es eigentlich praktisch ist, dass ich mein eigenes Ersatzteillager bin - falls ich mal einen Oberschenkelhalsbruch erleide. Und wie nützlich wäre es, auch Michael könnte jederzeit auf ein bruchsicheres, nie vergilbendes Provisorium zurückgreifen, falls er sich je einen Backenzahn ausbeißt.

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Und zu Hause können wir die witterungsbeständigen Brezeln auch gut gebrauchen – als Abdeckung für den Carport. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt – im Plexiglaszeitalter.

Info

Zur Sache

Martin Renz von der Stadtbibliothek Bremen empfiehlt:

Wer im „Plastozän“ auf das Ersatzteillager im Gebäck verzichten kann, ist gut beraten, es selbst herzustellen. Backbücher für alle Lebenslagen gibt es zuhauf, auch in der Stadtbibliothek. Beispiele gefällig? „Das Flamingo-Ananas-Kaktus-Wassermelonen-Gute-Laune-Fanbuch“ von Beeke Janson (Naumann & Göbel 2018) mit vielen Ideen zu „Backen, Basteln, Beauty“. Für Liebhaber anderer Spezies gibt es auch „Backen – Das Meerjungfrauen-Fanbuch“ und „Einhorntastisch backen“ von Stephanie J. Rinner (EMF 2017 bzw. 2018). Denn mal ehrlich, Lebkuchen sind ja sowas von Dezember! Passend zum Neustart 2019 auch: „Glücksmomente backen“ von Sarah Zahn, der „Knusperstübchen“-Bloggerin (Frech 2018). Und für Einsteiger: „Basic Backen - Klassiker“ von Tamara Staab, Sara Plavic und Sabrina Sue Daniels (EMF 2018).

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