Pflegeausbildung

"Wir müssen uns neu erfinden"

Bremen organisiert die Ausbildung seiner Pflegefachkräfte neu. Was das für ein Kraftakt ist, und warum jetzt alle an einem Strang ziehen sollten, erklären Alexander Künzel und Agnes-Dorothee Greiner.
04.07.2018, 19:08
Lesedauer: 4 Min
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Von Antje Stürmann
"Wir müssen uns neu erfinden"

Die neue Praxisausbildung wird gleichermaßen im Altenheim, in der Kinderklinik und in den großen Krankenhäusern stattfinden.

dpa

Statt Altenpfleger, Kinder- und Krankenpfleger werden künftig allgemein Pflegefachleute ausgebildet. Was bedeutet das für die Pflegeschulen und -anbieter in Bremen?

Alexander Künzel: Wir müssen uns neu erfinden. Eine notwendige Grundlage der zukünftigen Ausbildung ist die Kooperationen mit anderen Ausbildungszweigen und anderen Praxisträgern. Die neue Praxisausbildung wird ja gleichermaßen im Altenheim, in der Kinderklinik und in den großen Krankenhäusern stattfinden. Jetzt gibt es die Chance, dafür Strukturen zu entwickeln, die, bei aller gepflegter Konkurrenz, die Kooperation auf Platz eins setzen. Und da erlebe ich in Bremen, dass wir noch mutiger werden müssen. Es ist bei vielen Trägern altes Lagerdenken vorhanden: „Wir für uns und dort die anderen.“

Agnes-Dorothee Greiner: Wir als Schule bereiten uns auf den Start der generalistischen Ausbildung im Jahr 2020 intensiv vor. Vor uns liegen große Herausforderungen. Das Curriculum ist neu, die gesamte Organisation verändert sich. Jeder Pflegeschüler muss Praxiseinsätze in verschiedenen Bereichen absolvieren. Wir fragen uns: Wie kriegen wir das hin, für diese große Menge an Pflegeschülern bis 2020 diese Einsätze zu organisieren. Gravierende Engpässe gibt es im Bereich Kinderheilkunde und Psychiatrie. Wenn wir gegeneinander arbeiten, dann bekommen wir unglaubliche Probleme. Manche Schulen haben schon jetzt Angst um ihre Existenz.

Warum genau?

Greiner: Die Ausbildungskapazität in der Altenhilfe ist hochgefahren worden. Sie ist jetzt einigermaßen bedarfsdeckend. Die Kurse voll zu bekommen, ist nicht ganz einfach. Wenn Schulen es nicht schaffen, mit ihren wenigen Mitteln die Lehrpläne umzustellen oder geeignete Lehrkräfte zu finden, melden sich zu wenige Schüler an und dann müssen diese Schulen schließen. In der Krankenpflege dagegen müssen die Ausbildungskapazitäten noch deutlich erhöht werden. Sowohl in der Altenhilfe als auch in der Krankenpflege können wir es uns nicht erlauben, dass Träger von Einrichtungen sagen: Das ist mir alles zu kompliziert mit der Generalistik, ich bilde nicht mehr aus. Oder dass Schulen sagen: Das ist uns zu schwierig, wir müssen zumachen.

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Was schlagen Sie also vor?

Künzel: Die unterschiedlichen Träger von Altenhilfe, egal ob gewerbliche, gemeinnützige oder die Bremer Heimstiftung sowie die Krankenhäuser sollen miteinander ins Gespräch kommen. Wir glauben, dass die Umstellung der Ausbildung eine Chance ist, die Strukturen radikal neu zu denken.

Gibt es ein Vorbild?

Künzel: In Berlin hat der Bildungsträger Wannsee-Schule für Gesundheitsberufe alle Pflegeschulen integriert. Wir plädieren für eine Bremer Weser-Schule. Das Stichwort lautet: Kooperieren, um Energie zu bündeln, anstatt sie in die gegenseitige Abgrenzung fließen zu lassen. Morgen brauchen wir ja doch den anderen, weil die Heimstiftung zum Beispiel nicht in Kinderpflege ausbilden kann und die Geno oder das Diako nicht in Altenpflege. Man ist aufeinander angewiesen, um gut ausbilden zu können. Für eine Kooperation spricht auch, dass der Druck, Pflegefachkräfte zu finden, in den nächsten Jahren wachsen wird. Wir wollen gemeinsam junge Menschen gewinnen, diesen Beruf zu erlernen.

Generalistische Pflegeausbildung - Gespräch Bremer Heimstiftung

Agnes-Dorothee Greiner und Alexander Künzel von der Heimstiftung.

Foto: Christina Kuhaupt

Greiner: Die Unterstützung in der praktischen Ausbildung durch eine starke Trägerorganisation würde manch kleinen ambulanten Pflegedienst dabei bestärken, weiter auszubilden, obwohl die Anforderungen mit der generalistischen Ausbildung deutlich steigen. Inhaltlich ist das absolut notwendig.

Wer muss Ihrer Meinung nach die Initiative ergreifen?

Künzel: Wir appellieren an die Gesundheitssenatorin, einen Runden Tisch zur Ausbildung einzuberufen. Dessen Mitglieder sollten sich trauen, groß zu denken.

Wer soll an diesem Runden Tisch Platz nehmen?

Künzel: ... die fünf Träger der Altenpflegeschulen, die zwei Krankenpflegeschulen des Klinikverbundes Gesundheit Nord und die eine der Gemeinnützigen. Im zweiten Schritt auch die Praxispartner.

Welche Organisationsform soll die Bremer Weser-Schule haben?

Künzel: Es soll ein Verein gegründet werden mit einer gemeinsam gewählten Geschäftsführung. Diese Geschäftsführung soll die Ressourcen der Mitglieder zusammenführen. Wir glauben, dass auf diese Weise viele althergebrachte Konflikte vom Tisch kommen. Aber es muss eine Bereitschaft zum Neustart geben.

Kann ein solches Kooperationsmodell zusätzliche Fachkräfte für den Bereich Pflege generieren?

Künzel: Zur Sicherung einer leistungsfähigen Pflege in Krankenhäusern, Heimen und ambulanten Diensten werden jährlich für die gesamte Stadt Bremen geschätzt knapp 1000 Pflegeschülerinnen und Pflegeschüler benötigt. Die Gretchenfrage wird sein: Bekommen wir für 1000 Schüler stadtweit und trägerübergreifend eine gute Praxisbegleitung organisiert. Und da hat eine große Verbundschule ganz andere Ressourcen und Möglichkeiten. Sie könnte auch kontrollieren, ob alle Schüler gut ausgebildet werden.

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Was werden die Bewohner von Pflegeheimen und ihre Angehörigen von der Umstellung der Ausbildung mitbekommen?

Künzel: Bei der Heimstiftung werden viel mehr Schüler aus anderen Bereichen auftauchen. Es wird Gewusel geben, wenn in bestimmten Bereichen, die alle Schüler durchlaufen müssen, nicht nur die 150 Schüler der Heimstiftung lernen, sondern noch 150 aus der Krankenpflege dazukommen.

Greiner: Das ist eine Herausforderung.

Künzel: Ich sehe das sportlich: Jeder dieser Schüler lernt uns kennen und ist vielleicht unser Mitarbeiter von morgen. Lieber ein paar zu viel als zu wenig.

Greiner: Die fachliche Kompetenz besitzen dann ja alle Pflegeschüler, auch wenn sie eine Affinität zu einem bestimmten Bereich haben.

Wie geht es jetzt weiter?

Künzel: Wir hoffen, die Politik nimmt den Ball auf, werden aber auch selbst noch in diesem Jahr ein Symposium organisieren. Die Berliner sollen uns präsentieren, was sich viele Bremer noch nicht vorstellen können.

Die Fragen stellte Antje Stürmann.

Info

Zur Person

Alexander Künzel

Der Seniorvorstand der Bremer Heimstiftung arbeitet seit 1987 für die Stiftung, davon 29 Jahre als Vorstandsvorsitzender. Künzel engagiert sich im Kuratorium Deutsche Altershilfe. In Bremen ist er unter anderem im Aufsichtsrat der Sparkasse und im Kuratorium Rotes Kreuz Krankenhaus.


Agnes-Dorothee Greiner

Die gelernte Altenpflegerin und Diplompädagogin Pflege ist seit drei Jahren stellvertretende Leiterin des Bildungszentrums der Bremer Heimstiftung. Zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit. Thema: Entscheidungen in der Altenpflege.

Info

Zur Sache

Generalistische Ausbildung

Wesentlicher Grund dafür, dass der Gesetzgeber ab 2020 eine gemeinsame Ausbildung von Kinderkrankenpflegern, Alten- und Krankenpflegern vorschreibt, ist die relativ große Schnittmenge der Ausbildungsinhalte. Außerdem soll die Ausbildung attraktiver werden und die ausgelernten Fachkräfte sollen flexibler einsetzbar sein.

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