Erste Kommune Bremens

Wo Bohème auf Swinging London traf

Sie war nach eigenen Angaben die erste linke Wohngemeinschaft in der Hansestadt und noch viel mehr: Vor 50 Jahren gründeten junge Bremer einen alternativen Drugstore am Wall. Nun blicken die Beteiligten zurück.
17.11.2019, 06:13
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten
Wo Bohème auf Swinging London traf

Blicken gern zurück: Bettina Wassmann, Klaus Hübotter (vorne sitzend), Ed Kröger (v.l.), Olaf Dinné, Jutta Virus, Volkhard Meyer-Burg, Lore Hübotter, Lolo Dinné.

Torsten Spinti

Den Engel mit dem Sturzhelm könnte man fast übersehen, seit der Gehweg überdacht wurde. Die nackte Schöne, die sich an der Fassade rekelt, war einst ein Skandal am gediegenen Bremer Wall. Sie wurde zur Galionsfigur einer Adresse, die seit einem halben Jahrhundert aus der Reihe tanzt. Im November 1969 eröffnete der Drugstore, und mischte mit seiner Kombination aus Bohème, Swinging London und linkspolitischem Idealismus die Stadt gehörig auf. Junge Bremerinnen und Bremer machten mit dem Jugendstilhaus am Wall 164, was sie wollten: Sie verwandelten es in ein alternatives Kaufhaus und einen unkonventionellen Treffpunkt für Bremens moderne junge Generation. Und obendrauf gründeten sie mit der „Wall-Commune“ die erste Wohngemeinschaft Bremens.

Junge Frauen mit langen Haaren, Plateaustiefeln und Maxi-Mänteln vor den Schaufenstern. Studenten mit Strickpullovern, schachspielend, oder vertieft in ernsthafte Gespräche bei Kaffee und Zigaretten. Kinder, die auf dem Fußboden herumturnen, und im offenen Treppenhaus ein ständiges Auf und Ab: Die zweieinhalbminütige Fernsehreportage aus dem Jahr 1971 gibt einen Eindruck vom Flair der frühen Jahre. „Das Haus war vom ersten Tag an voller Leben“, erinnert sich Bettina Wassmann. „So etwas hatte es in Bremen noch nicht gegeben.“

Von Miele zur Kommune

Als 27-jährige Buchhändlerin war sie kurz vorher aus Berlin in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, und musste nicht lange überlegen, als ihr der Vorschlag über den Weg lief, sich selbstständig zu machen. Winzig war der Laden – aber eben ganz und gar ihr Eigen: Die Regale bis obenhin vollgepackt mit politischer Literatur, aus den Lautsprechern die Rolling Stones.

Lesen Sie auch

Der Bekannte, der ihr bei ihrem Spaziergang am Wall 1969 spontan die Ladenfläche angeboten hatte, war Olaf Dinné. Kurz zuvor war er mit Volkhard Meyer-Burg und Klaus Walgenbach auf die Idee gekommen, den Altbau zu kaufen, in dem sich vorher jahrzehntelang die Generalvertretung der Mielewerke befunden hatte. „Wir streunten am Wall herum und entdeckten das leer stehende Haus. Die Eigentümer schlugen zu, obwohl wir aussahen wie Strolche.“ Was ihm ebenfalls in Erinnerung geblieben ist: „Es gab damals eine Abwrackprämie für alte Häuser. Die Stadt hätte uns für den Abriss 400.000 Mark gezahlt.“

Inspiriert vom Stil der Belle Époque und zeitgenössischer Avantgarde

Die drei jungen Architekten dachten nicht daran. Sie nahmen einen Kredit auf, und machten sich an die Arbeit. Die unteren Etagen wurden entkernt. Beim Innenausbau halfen Freunde und Bekannte. „Die Stahlkonstruktion haben wir nachts zusammengeschweißt“, erzählt Ed Kröger, damals Mitte 20, später einer der bekanntesten Jazzmusiker der Stadt. Inspirieren ließen sich die Bauherren von Stil der Belle Époque, und von zeitgenössischer Avantgarde wie der legendären Biba-Boutique in London. Nach einigen Monaten wurde das Geld knapp – obwohl sich die Handwerker bereit erklärt hatten, für die Hälfte des vereinbarten Lohns zu arbeiten, wie Dinné erzählt. „Aber irgendwann waren die drei Herren pleite“, verrät Klaus Hübotter.

Der Bauunternehmer, heute 89 und Ehrenbürger der Stadt, übernahm das halb fertige Haus und stellte es im Sinne seiner Erfinder fertig: Als Ort, an dem junge Leute leben und arbeiten konnten, wie es ihnen gefiel. Die Ladenflächen waren klein, die Mieten günstig. In die unteren Etagen zogen zum Beispiel Lolo Dinné mit ihrem Mode-Saloon, ein Secondhandladen, die Titanic Beer Bar, die kleine Blumenbörse, ein Geschenkartikelgeschäft und ein Antikladen. Das Kaenguru war das erste Geschäft in Bremen, das sich auf moderne Kinderkleidung spezialisierte. Lore Hübotter, damals selbst junge Mutter zweier kleiner Töchter, gründete den Krokofant mit seinem Sortiment an guten Spielsachen.

Im Untergeschoss eröffneten die Jaccarinos eines der ersten italienischen Restaurants der Stadt. Die oberen Etagen wurden das Zuhause der Wall-Commune – ein Wohnexperiment, das seiner Zeit so unerhört voraus war, dass sich sogar Reporter des Magazins Stern anschauten, wie so etwas funktionieren konnte. 15 Erwachsene und vier Kinder bildeten die Großfamilie, in der Kochen, Putzen, Einkaufen und Kinderbetreuung konsequent geteilt wurden. „Das klappte sehr gut“, kann Ed Kröger bestätigen. „Wir hatten fast nie Krach“. Mittelpunkt des Hauses war das Wall-Café, in dem es selbst gebackenen Kuchen gab, Konzerte, und eine lockere und ungezwungene Atmosphäre.

Weiter in Familienhand

Das Haus am Wall 164 ist in Familienhand geblieben: Die Hübotter-Schwestern Nicola und Julia wohnen oben, und führen unten ihre eigenen Geschäfte. Vor 18 Jahren übernahm die Cocktailbar Lemon Lounge die ehemaligen Räume des Wall-Café. Im Napoli wird noch immer italienisch gekocht. Die originale „Wall-Commune“ zog 1974 ins Viertel, doch bis nach der Jahrtausendwende lebten Wohngemeinschaften im Haus. Bettina Wassmann ist auch heute täglich in ihrem Buchladen zu finden. “Das Sortiment ist ein ganz anderes als früher”, betont sie.

Den nackten Engel – ursprünglich eine Schaufensterpuppe – hatte übrigens zum Einstand ein aufstrebender Künstler namens Bernd Uiberall spendiert, von dem man später in Bremen noch viel sehen und hören würde. Die Hausbewohner beobachten ab und zu Touristengruppen, die sich vor der Sehenswürdigkeit versammeln. „Der Engel muss in irgendeinem asiatischen Reiseführer stehen“, vermutet Nicola Hübotter. Für Kontroversen ist die provozierende Nacktheit noch immer gut, sagt Bettina Wassmann: „Erst neulich regte sich eine Passantin furchtbar auf.“ Das 50-jährige Jubiläum des Drugstore soll am Sonnabend, 30. November, gefeiert werden. Die Unternehmen und Gastronomen planen im und vor dem Haus am Wall 164 Aktionen. Es gibt viel zu erzählen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+