Anders als in Niedersachsen Zahl der Gaffer in Bremen gesunken

Schaulustige finden Unfallopfer und Rettungskräfte ganz und gar nicht lustig. In Bremen ist die Lage nach Einschätzung von Polizei und Feuerwehr nicht schlimmer geworden. Aber auch nicht besser.
30.07.2019, 06:00
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Zahl der Gaffer in Bremen gesunken
Von Justus Randt

Während die einen Erste Hilfe zu leisten versuchen, zoomen die anderen mit ihren Smartphone-Kameras das meist blutige Unfallgeschehen nah heran – um es dann nicht selten in alle Welt zu posten. Die allgemeine öffentliche Meinung neigt zum Pfui-Urteil. Aber irgendjemand muss es ja sein, der filmt und fotografiert. Auch in Bremen gibt es offenbar außer dem Live-Publikum bei Unglücken Sofasitzer, die gerne lebendigen Verletzten beim echten Sterben zusehen und überhaupt eine Vorliebe für Tragödien ihrer Mitmenschen zu haben scheinen.

Es kommt immer öfter vor, dass die Polizei an Unfallstellen Sichtschutzwände zum Schutz vor Gaffern und Störern aufbauen muss. „Ich würde nicht sagen, dass sich das dramatisch verschlimmert hätte“, schätzt Michael Richartz, Sprecher der Bremer Feuerwehr, die Lage ein. Das ist auch schon das Erfreulichste, was sich zu dem Phänomen sagen lässt.

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Mehr als eine schwer zu begreifende Erscheinung ist das Gaffen tatsächlich nicht. "Wir erfassen das statistisch nicht", sagt die Bremer Polizeisprecherin Jana Schmidt. Meistens gehe die Unsitte einher mit anderen Straftatbeständen oder Ordnungswidrigkeiten, die dann verfolgt werden könnten.

Die Bedrohung Hilfeleistender, unerlaubte Ansammlung, unterlassene Hilfeleistung, Handynutzung am Steuer", zählt Schmidt als Beispiele auf. "Oder die Verletzung von Persönlichkeitsrechten." Korrekt lautet die Bezeichnung "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches durch Bildaufnahmen". Paragraf 201a des Strafgesetzbuches sieht dafür Geldbußen oder Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren vor.

Allerdings gibt es „keine statistische Erfassung der Tatörtlichkeit“, erklärt Jana Schmidt. Das bedeutet: Es bleibt unklar, ob Verstöße Autobahnunfälle betreffen oder etwa heimlich im Schwimmbad aufgenommene Fotos. Im Land Bremen wurden im vergangenen Jahr 64 Fälle polizeilich erfasst (Aufklärungsquote 76,6 Prozent), im Jahr 2017 waren es 82 Fälle (79,3 Prozent) und 2016 wurden 116 Fälle erfasst (83,9 Prozent).

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Zum Vergleich: Niedersachsens polizeiliche Kriminalitätsstatistik weist für die vergangenen Jahre 857 (im Jahr 2018), 747 und 710 Fälle aus. Die Aufklärungsquote lag im Mittelwert bei 88,4 Prozent. Die steigende Zahl der Anzeigen belege, „dass Gaffen weiterhin ein Problemfeld darstellt“, sagt Werner Steuer, Sprecher des niedersächsischen Innenministeriums. „Belastbare Aussagen zu der Schwere der Verstöße lassen sich jedoch nicht treffen.“

Beispiele für Opfer und Helfer belastende Ereignisse gibt es viele. Im Juni konnten zwei Ersthelfer einen Mann wiederbeleben, der auf der Nordstraße bewusstlos in seinem Wagen saß. Polizei und Feuerwehr lobten Unfallhelfer, brachten aber auch die Gaffer und den ihretwegen notwendigen Sichtschutz zu Sprache. Ein paar Monate vorher hatten 40 Schaulustige die Rettung zweier Frauen aus ihrem demolierten Unfallauto gestört. Von 200 Gaffern war vor einem Jahr nach einem Verkehrsunfall in der Neustadt die Rede.

Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte Betroffener, „gewährleistet die Bremer Polizei ein entschlossenes Handeln“, sagt Jana Schmidt und verweist auf besagte Sichtschutzwände. Die Wände gibt es seit 2013, seit 2018 halten alle regionalen Polizeiabteilungen in Bremen die Sichtschutzelemente vor. Es werde angestrebt, die Wände „oftmals schon präventiv zur Wahrung der Würde der Verletzten und zum Schutz der Einsatzkräfte aufzubauen“. Für Jana Schmidt steht auch ohne Gaffer-Statistik fest: „Die Häufigkeit scheint (...) grundsätzlich zu steigen.“

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Dabei sei zu beachten, dass manche Orte wie der Bahnhofsplatz, Schwimmbäder oder Festgelände „anfälliger“ für das Gaffen seien. „Sofern die Polizei Bremen personell in der Lage ist“, werde sie, falls geboten, Platzverweise aussprechen und durchsetzen. „Die Einsatzkräfte sind gehalten, im Einzelfall Unterstützung anzufordern, benutzte Kameras oder Handys sicherzustellen oder selber Foto- oder Videoaufnahmen der ,Gaffer' zu fertigen“ und so für eine beweissichere Dokumentation zu sorgen – das gilt ebenso auf den Autobahnen. Wie viele Platzverweise allzu hartnäckigen Schaulustigen erteilt worden sind, kann die Polizei nicht sagen.

„Beim neugierig Gucken gibt es unterschiedliche Qualitäten“, sagt Feuerwehrsprecher Michael Richartz. Und unterscheidet zwischen Passanten, die einen oder zwei Blicke auf das Geschehen richten, und den Handyvideografen. „Das ist ein großes Problem, die Leute wissen oft gar nicht, was sie da tun. Einsatzkräfte haben ja auch ihre Persönlichkeitsrechte, aber das Bewusstsein ist in der Bevölkerung gar nicht vorhanden“, sagt er mit Blick auf das, was in sozialen Medien kursiere.

Das Land Niedersachsen hatte gemeinsam mit Baden-Württemberg eine Bundesratsinitiative eingebracht, die vorsätzliche Behinderung von Rettungsarbeiten unter Strafe zu stellen. Die Ergänzung, dies auch auf das Fotografieren Verstorbener auszuweiten und so eine „Schutzlücke“ zu schließen, liegt laut Bundesratsmitteilung nun beim Gesetzgeber, der „Inaktivität“ zeige.

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