Vorwürfe gegen Sicherheitsdienst

Zentrale Aufnahmestelle: Wachpersonal soll geprügelt haben

Vor der Sozialbehörde hat das Aktionsbündnis Together we are Bremen gegen Vorfälle in der Zentralen Aufnahmestelle demonstriert. Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes sollen Geflüchtete attackiert haben.
28.05.2019, 21:04
Lesedauer: 4 Min
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Zentrale Aufnahmestelle: Wachpersonal soll geprügelt haben
Von Frank Hethey
Zentrale Aufnahmestelle: Wachpersonal soll geprügelt haben

Vor der Sozialbehörde am Bahnhofsplatz demonstrieren am Dienstag Geflüchtete gegen die ­Vorfälle in der zentralen Landeserstaufnahme in Bremen-Nord.

Christina Kuhaupt

Die Vorwürfe wiegen schwer: In der Zentralen Aufnahmestelle (Zast) für Asylbewerber und Flüchtlinge in Bremen-Nord soll es vor wenigen Tagen zu schweren Übergriffen durch das Sicherheitspersonal gekommen sein. Das Bündnis Together we are Bremen spricht von „massiven und mehrfachen körperlichen“ Attacken auf junge schwarze Geflüchtete. Um gegen die Zustände in der Erstaufnahmestelle zu protestieren, demonstrierten Betroffene am Dienstag vor der zuständigen Sozialbehörde am Bahnhofsplatz.

Deren Sprecher Bernd Schneider bestätigte „ernst zu nehmende Hinweise“ auf Provokationen und Tätlichkeiten einzelner Mitarbeiter des Wachpersonals. Der Geschäftsführer des Sicherheitsdienstleisters Procertus, Karim Bader, erklärte, die Vorfälle würden in enger Zusammenarbeit mit dem Sozialressort untersucht. Von Ausländerfeindlichkeit distanzierte sich Bader. „Bei uns wird Rassismus nicht geduldet.“

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Im krassen Gegensatz dazu stehen die Angaben der Betroffenen. „Wir fühlen uns bedroht“, wird einer von ihnen vom antirassistischen Bündnis zitiert. „Der Sicherheitsdienst eskaliert bewusst Situationen, greift uns schwarze Jungs an, wirft uns zu Boden.“ In Gruppenstärke hätten Sicherheitsleute Einzelne verfolgt, sie bedroht und körperlich angegriffen. Mehrere Security-Mitarbeiter seien einer Person ins Bad gefolgt und hätten sie gewürgt. Mit Hinweis auf den Tod eines Geflüchteten in Hamburg fordert das Bündnis von der Sozialbehörde, den Vertrag mit dem Sicherheitsdienst sofort zu kündigen.

So weit will die Behörde vorerst nicht gehen, sie ist allerdings alarmiert. Übergriffe einzelner Wachleute „können wir nicht akzeptieren“, sagte Ressortsprecher Schneider. „Wir erwarten vom Wachdienst ein absolut professionelles und in Konflikten deeskalierendes Verhalten.“ Gegenüber Tätlichkeiten gebe es null Toleranz. Zu den Vorfällen soll es gekommen sein, als Hausverbote durchgesetzt werden sollten. Derzeit seien die Untersuchungen noch im Gange, aber die Hinweise seien „sehr, sehr ernst zu nehmen“. Und weiter: „Wer sich nicht strikt an die Regeln hält, kann in einem so sensiblen Bereich wie einer Flüchtlingseinrichtung nicht eingesetzt werden.“

Hartes Durchgreifen bei Bestätigung der Anschuldigungen

Das sieht auch Procertus-Geschäftsführer Bader so. Noch könne er allerdings keine abschließende Bewertung vornehmen. Die Vorfälle würden gerade recherchiert, es liefen Gespräche mit allen Mitarbeitern. „Jetzt müssen wir erst einmal gucken, wie die Situation zustande gekommen ist.“ Völlig ausschließen will er nicht, dass an den Vorwürfen etwas dran sein könnte. „Menschen sind halt Menschen, da kann immer mal eine Kurzschlussreaktion passieren.“ Sollten sich die Anschuldigen bewahrheiten, kündigte Bader ein hartes Durchgreifen an. „So etwas würden wir sofort im Keim ersticken.“

Allerdings kann sich Bader ein solches Fehlverhalten seiner Mitarbeiter kaum vorstellen. „Das wäre sehr verwunderlich“, sagte er. Immerhin durchlaufe das Sicherheitspersonal immer wieder Schulungen, es gebe eine enge Kooperation mit der Sozialbehörde, der Polizei und der Arbeiterwohlfahrt (Awo) als Betreiberin der Unterkunft. Schon seit drei Jahren sei Procertus vor Ort, seitdem habe es keinerlei Negativschlagzeilen gegeben. Bader: „Ich denke, die Zeit spricht eher für als gegen uns.“

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Ganz anders sieht das Bündnis die Lage. In den Augen der Menschenrechtsaktivisten sind die jüngsten Vorfälle nur der vorläufige Höhepunkt in einer ganzen Kette von Ereignissen. „Vorausgegangen waren monatelange Provokationen und rassistische Übergriffe.“ Nun sei die Situation nicht mehr auszuhalten. Zumal die Angriffe unter den Augen der Awo stattfänden. „Sie duldet diese nicht nur, sondern tut die vielen Beschwerden der Bewohner ab.“

Und das sei noch nicht alles. Zu den alltäglichen Bedrohungen und Angriffen kämen menschenunwürdige Bedingungen in der Einrichtung. In einem Zimmer lebten bis zu elf Personen, es gebe keinerlei Ruhe und Privatsphäre. Außerdem könnten die Fenster nicht geöffnet werden, die Luft sei stickig. Elektrizität und Heizung sind laut Bündnis teils defekt. „Obwohl die Einrichtung als Erstaufnahme gedacht ist, wohnen die Betroffenen mehrere Monate oder länger unter diesen Bedingungen.“ Das Bündnis fordert daher eine sofortige Verbesserung der Wohnverhältnisse. Wie die Awo die Dinge sieht, muss fürs Erste dahingestellt bleiben: Der Wohlfahrtsverband war für eine Stellungnahme nicht mehr erreichbar.

Politische Stimmungsmache

Umso mehr hatte Procertus-Geschäftsführer Bader zu sagen. Er argwöhnt, das antirassistische Bündnis wolle vor allem politische Stimmungsmache betreiben. „Es ist immer schade, dass man für so etwas benutzt wird.“ Sicherheitsdienste seien immer beliebte Buhmänner. Für ihn schon deshalb grotesk, weil er selbst einen tunesischen Migrationshintergrund habe. Abgesehen davon gebe es auch farbige Kollegen in seinem Unternehmen.

Procertus präsentiert sich auf seiner Website als Zusammenschluss mehrerer Dienstleistungsunternehmen aus dem norddeutschen Raum. Seit 2016 sei die Procertus Sicherheits- und Dienstleistungs GmbH ein „Branchen-Schwergewicht mit mehr als 30 Jahren Expertise“. Das Unternehmen beschäftigt nach eigener Angabe rund 150 Mitarbeiter in den Bereichen Sicherheit, Objektschutz und Dienstleistungen. Diversität gibt der Sicherheitsdienstleister als seinen besonderen Vorzug an. „Verschiedenste Charaktere mit unterschiedlichen – auch kulturellen – Hintergründen sind unsere Stärke.“

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Das Aktionsbündnis Together we are Bremen ist aus dem Shut-down-Gottlieb-Daimler-Bündnis hervorgegangen – eine Initiative, die sich vor einem Jahr gründete, um gegen die Unterbringung junger Geflüchteter in der provisorischen Flüchtlingsunterkunft an der Gottlieb-Daimler-Straße zu kämpfen. Im Sommer vergangenen Jahres hatte ihr Umzug in die Landeserstaufnahme im ehemaligen Vulkan-Verwaltungsgebäude an der Lindenstraße in Vegesack begonnen. Die Schließung der umstrittenen Unterkunft an der Gottlieb-Daimler-Straße sieht das Bündnis als direktes Ergebnis seiner Aktivitäten an.

In den vergangenen Monaten hat das Bündnis vor allem gegen Abschiebungen protestiert. Die zentralen Forderungen von Together we are Bremen lauten Bleiberecht, Zugang zur Schule, angemessene Gesundheitsversorgung und würdige Wohnverhältnisse.

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