Tag der Archive Zeugnisse vom Kampf um die Demokratie

Auch in diesem Jahr nimmt das Bremer Staatsarchiv am kommenden Wochenende am Tag der Archive teil und öffnet seine Türen. Ausgewählte Exponate zeugen von Bremens Geschichte.
02.03.2018, 20:12
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Zeugnisse vom Kampf um die Demokratie
Von Helge Hommers

Fast 500 Jahre ist das Dokument inzwischen alt. Die Seitenränder sind jedoch nur leicht verfärbt, und auch das Schriftbild ist nur ein wenig verblasst. Es hat also kaum an Lesbarkeit eingebüßt – auch wenn wohl nur Historiker die schwungvoll verfassten Buchstaben entziffern können. Das Außergewöhnliche ist aber nicht der gute Zustand des Papiers oder das Siegel, das ihm angehängt ist und einen Petrus mit Bremer Schlüssel zeigt.

Das Besondere ist der saubere Riss in der Mitte der Urkunde, der von einem Dolch stammt – und sie so ungültig machte. Heute gehört sie zur Sammlung des Bremer Staatsarchivs. Am Sonnabend wird das Stück beim Tag der Archive der Öffentlichkeit zugänglich macht. So wie einige andere Exponate, die für gewöhnlich nur für Mitarbeiter zu sehen bekommen.

"Die Urkunde erzählt auf sehr treffende Weise eine einzigartige Geschichte", sagt Konrad Elmshäuser, Leiter des Staatsarchivs. Und zwar die der sogenannten Einhundertvier. Im Januar 1532 haben diese 104 Bremer Bürger vom Bremer Rat das Recht erstritten, zukünftig an so gut wie allen städtischen Beschlüssen beteiligt zu werden. Das ließen sie sich auf der Urkunde bescheinigen.

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Und damit war die erste Bremische Bürgerschaft geboren. Lange hielt sie sich jedoch nicht. Nach nicht einmal einem halben Jahr rissen die alten Eliten die Macht wieder an sich. Einigen der abgesetzten Bürgervertretern erging es ähnlich wie ihrem Schriftstück: Ihnen wurde mit einem Schwert der Kopf abgeschlagen. Elmshäuser und seine rund 20 Mitarbeiter wählten das Exponat auch mit Blick auf das Motto des Tags der Archive aus, das in diesem Jahr "Demokratie und Bürgerrechte" lautet.

"Ein sehr weit gefasstes Motto", sagt Elmshäuser. Verbindlich ist es zwar nicht, doch das Staatsarchiv versucht stets, sich an das Thema zu halten und zugleich die eigene Arbeit zu präsentieren. "Wir zeigen Einzelstücke, die für Bremens Geschichte wichtig sind", sagt er. Ausgestellt werden daher unter anderem das älteste Bürgerbuch Bremens und die Märzpetition von 1848 – Elmshäusers "Lieblingsarchivale", wie er sagt.

Zuletzt kamen rund 400 Interessierte ins Staatsarchiv

Ausgesucht wurden sie aus einem Fundus von rund zwölf Regalkilometern. Jährlich kommen bis zu 120 Meter an Regalen hinzu. Wie viele Dokumente heute im Staatsarchiv aufbewahrt sind, ist schwer abzuschätzen. Allein rund 6000 mittelalterliche Urkunden gehören inzwischen zum Bestand. Einige Stücke haben so ungewöhnliche wie weite Wege hinter sich.

So wie das Bürgerbuch, das im Zweiten Weltkrieg ausgelagert wurde und nach 1945 in sowjetischen Besitz überging. Davon zeugt ein lilafarbener Stempel mit kyrillischen Buchstaben auf der ersten Buchseite. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kam es zurück nach Bremen – nicht ohne massiv gelitten zu haben, sagt Elmshäuser.

Das Staatsarchiv nimmt seit dem ersten Tag der Archive im Jahr 2001 regelmäßig an der Veranstaltung teil, die auf eine Initiative des Verbands deutscher Archivarinnen und Archivare zurückgeht. Der Verband erhoffte sich von einem solchen Tag einen stärkeren Blick der Öffentlichkeit auf seine Anliegen und eine höhere Akzeptanz seiner Arbeit. Beim letzten Mal vor zwei Jahren kamen rund 400 Interessierte ins Staatsarchiv.

Stündlich werden Führungen angeboten

Die bisher gesammelten Erfahrungen sind durchweg positiv, wie Elmshäuser sagt: "Es ist zwar ein kleiner Kraftakt, aber das Feedback der Besucher hat einen tollen Effekt auf die Mitarbeiter." Am diesem Sonnabend öffnet das Staatsarchiv von 10 bis 17 Uhr seine Türen. Stündlich ab 11 Uhr werden 45-minütige Führungen angeboten, bei denen etwa Einblicke ins sonst verschlossene Magazin gewährt werden. Andere Bereiche wie Werkstätten oder die Archivalienaufnahme sind auch ohne Führung zugänglich.

Zudem stehen im Lesesaal auf einem Bücherflohmarkt viele Bremensien zum Verkauf. Weiterhin thematisiert eine Ausstellung im Foyer das Leben der Bremerin Olga Irén Fröhlich (1905-1995). Die jüdische Sängerin und Kabarettistin begann ihre Karriere im Bremer Varieté Astoria. Sie floh jedoch ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in die Schweiz. Später lebte sie wieder in Bremen. Konzipiert haben das Projekt sechs Auszubildende des Staatsarchivs.

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