Neue Führung bei der „Zeitschrift der Straße“ Zwei Männer und eine Idee

Der Bremer Sozialarbeiter Bertold Reetz und der Bremerhavener Hochschullehrer Michael Vogel gründeten vor zehn Jahren die „Zeitschrift der Straße“ – jetzt geben sie die Leitung ab.
10.02.2020, 06:00
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Zwei Männer und eine Idee
Von Carolin Henkenberens

Sie sind ein ungleiches Paar: Der eine, Ökonom, 52 Jahre, sprudelt vor wirtschaftlichen Ideen, lebte schon in London und Paris, doziert als Professor vor aufstrebenden jungen Leuten. Der andere, Heilpädagoge, 65 Jahre, kennt die Sorgen und Nöte von Obdachlosen in Bremen, begleitete viele Schicksale, arbeitet mit Menschen, die durch das soziale Sicherungsnetz gefallen sind.

Zehn Jahre ist es in etwa her, dass sich der Hochschullehrer aus Bremerhaven, Michael Vogel, und der Sozialarbeiter aus Bremen, Bertold Reetz, kennengelernt haben. Ja, sie sind ein ungleiches Paar, und doch eint sie mehr als nur ihre Verbindung zu Freiburg, wo der eine studiert hat und der andere aufgewachsen ist. Beide verspüren Lust, zu verändern. Der eine mit seinem wirtschaftlichen, der andere mit seinem pädagogischen Wissen. Was herausgekommen ist, als sie beides vereint haben, halten Vogel und Reetz in ihren Händen: die „Zeitschrift der Straße“.

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Vor zehn Jahren wurde die bis heute einzige Straßenzeitung Bremens gegründet. 75 Magazine, einige Krisen und viele Erfolge später sitzen die beiden Gründer in einem Café und erinnern sich. Daran, wie der eine den anderen mit seinem Unternehmergeist angesteckt hat, wie ihnen mehrfach das Geld ausgegangen ist und dann, immer im richtigen Moment, ein Preisgeld die Zeitschrift doch noch rettete.

Die „Zeitschrift der Straße“ ist ein Sozialunternehmen, erzählt Vogel. Unternehmerische Instrumente zur Überwindung sozialer Probleme, Hilfe zur Selbsthilfe. Obdachlose, Drogensüchtige oder auch einfach Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft oder Bildung wenig Chancen auf eine andere Arbeit haben, sollen mit dem Verkauf der Zeitung über die Runden kommen. Ohne Betteln, sondern mit einem Gegenwert.

Von der Studie zur Zeitung

Doch wie fanden die beiden Männer zusammen? „Wir bei der Inneren Mission haben schon in den 90er-Jahren versucht, eine Straßenzeitung zu entwickeln“, berichtet Reetz. Dem Vorstand sei damals das finanzielle Risiko zu hoch gewesen. „Ich hatte das ganze schon abgehakt.“ Im Sommer 2009 standen plötzlich Studierende von Michael Vogel in Reetz‘ Büro und befragten ihn. Sie hatten von ihrem Professor aufgetragen bekommen, eine Studie über die Realisierbarkeit einer Straßenzeitung zu schreiben. Er habe gemerkt, erzählt Vogel, dass seine Studis so stark auf die Tourismuswelt geblickt hätten, dass sie gar nicht wahrgenommen hätten, dass ihre Fähigkeiten auch in ihrem direkten Umfeld gebraucht werden. Das wollte er ändern. Die Studierenden erstellten ihre Arbeit – und verschwanden erst einmal ins Auslandsjahr.

Statt das Papier in die Schublade zu packen, legte Vogel los. Er rief Reetz an, der dachte: Na gut, ich kann diesen Professor ja mal kennenlernen. Und dann waren sie irgendwie mittendrin, die Innere Mission übernahm die Trägerschaft, die Hochschule für Künste stieg ein und kümmerte sich um Fotos, Layout und Designs. Im Februar 2011 erschien das erste Heft. „Das Knistern der Butter“ lautete der Titel, es ging um einen Kochkurs für Blinde, die am Geräusch erkennen können, ob die Pfanne heiß genug ist.

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Das Konzept der Zeitung: Studierende der Bremer und Bremerhavener Hochschulen kümmern sich um Texte, Fotos, Layout und Vermarktung. Dabei lernen sie journalistisches Schreiben, Fotografieren und Geschäftsführung. Die Innere Mission übernimmt alles, was mit dem Vertrieb zu tun hat: Sie stellt den Kontakt zu den Verkäuferinnen und Verkäufern her und verteilt die Hefte im Café Papagei.

Heute liege die Zahl der aktiven Verkäufer bei 70 bis 80, mittlerweile seien darunter viele Rumänen und Bulgaren. Wer Hefte verkaufen will, muss in Vorleistung gehen. „Manchmal schnorren sich morgens Leute das Geld für eine Zeitung zusammen, verkaufen sie, kaufen dann zwei weitere, verkaufen die, und so weiter“, berichtet Vogel. Betteln sei während des Verkaufs untersagt. Aktuell kostet eine Ausgabe 2,80 Euro, die Hälfte behält die Person, die verkauft.

Es geht nicht darum, Mitleid zu erregen

„Die Zeitschrift ist ein Medien-, Lern- und Sozialprojekt“, drückt es Vogel aus. Soweit er weiß, ist es einzigartig, dass eine Straßenzeitung von Studierenden gemacht wird. „Wir haben die Zeitschrift so konzipiert, dass die Menschen Lust haben, sie zu lesen“, erklärt Reetz. Es gehe nicht darum, Mitleid zu erregen oder in den Texten zu jammern. In jeder Ausgabe steht ein bestimmter Ort in Bremen im Mittelpunkt, so seien die Hefte auch Jahre später nicht veraltet.

Reetz und Vogel sprechen, wenn sie erzählen, oft in der Vergangenheitsform. Das hat seinen Grund: Die beiden haben die Leitung des Magazins zu Jahresbeginn abgegeben. Reetz, der viele Jahre die Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission verantwortet hat, ist im Dezember in Rente gegangen; und Vogel hat nach der Gründung eines neuen Studiengangs nicht mehr die nötige Zeit, unter der Woche nach Bremen zu fahren.

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„Zehn Jahre, das ist eine Zeit, die geht unter die Haut“, sagt Vogel. Seine Identifikation mit der Zeitschrift sei sehr hoch. Zehn Jahre, das sei für ihn, der gern aus Nichts etwas Neues macht, schon lang. Er hört aber nicht komplett auf, er wird noch ehrenamtlich das Fundraising und den Anzeigenverkauf leiten. Das schafft er neben seiner Tätigkeit an der Hochschule Bremerhaven, wo er über Innovation und Entrepreneurship forscht und lehrt. Reetz findet es schade, dass die Zeit vorbei ist. Er scheidet ganz aus. „Ich möchte nicht wie so ein alter Greis sein, der im Hintergrund immer alles besser weiß“, sagt er.

Für die Zukunft der Zeitschrift wünscht sich Reetz, dass die Auflage (derzeit 8000) steigt und das Magazin in zehn Jahren seine 150. Ausgabe feiert. Die Zeitung müsse es weiter gedruckt geben – „sonst profitiert kein Obdachloser davon“. Vogel sagt: „Wer die Zeitschrift kauft, muss sich mit jemandem beschäftigen, der arm oder suchtkrank ist.“ Weil aber immer mehr Menschen der Abstieg drohe, sinke die Bereitschaft, jemandem zwei, drei Euro zu geben. Ihm bereite diese Entwicklung hin zur Entsolidarisierung mehr Sorge als die Digitalisierung. Er wünscht sich Innovationskraft. Andere Straßenzeitungen hätten Zentren eröffnet, wo Wohnungslose einfache Tätigkeiten anbieten. Die Zeitschrift solle ein Entwicklungsschritt sein, keine Endstation.

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