Innere Mission

Die Möbel-„Tafel“ wird 15

Das unauffällige Lagerhaus im Industriepark ist bereits der dritte Standort der Inneren Mission. Angefangen hat es vor 15 Jahren an der Gröpelinger Heerstraße und die Nachfrage ist groß, sagt Jürgen Mades.
17.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Gerald Weßel
Die Möbel-„Tafel“ wird 15

Jochen Cordes ist am Empfang tätig und kümmert sich um den Möbelbestand.

Roland Scheitz

Auf den ersten Blick könnte es ein einfaches Lagerhaus sein. Direkt nach wenigen Metern entlang einiger Büros öffnet sich das Gebäude zu einer großen Halle, in der jenseits eines kleinen Empfanges Möbel unterschiedlichster Art abgestellt stehen. Anfangs wirkt es ungeordnet, aber bereits beim zweiten Blick ist das System zu erkennen. Kleinere Möbel sind zusammengebaut, größere in ihre Einzelteile zerlegt. Eng an eng warten diese Stücke aber nicht auf unbestimmte Zeit, bis sie irgendwann einmal der Zeit oder dem Sperrmüll zum Opfer fallen, sondern sie harren darauf erwählt, herausgepickt und in das Zuhause ihrer neuen Besitzer gebracht zu werden. Diese brauchen dringend neue Möbel, doch haben von einer Sache relativ wenig: Geld.

Für hilfebedürftige Menschen – aus welchen Gründen auch immer – ist die Allmende in diesem September bereits 15 Jahre eine Hilfe der besonderen Art, nämlich eine Art Tafel für Möbel. Heute ist das unauffällige Lagerhaus im Lloyd Industriepark bereits der dritte Standort der Inneren Mission. Angefangen hatte es vor 15 Jahren an der Gröpelinger Heerstraße, schildert Jürgen Mades, der damals bereits mit angepackt hatte. Er ist auch heute noch einer der Verantwortlichen für die Allmende, wobei der 58-Jährige aus Peterswerder auch Arbeitszeit bei anderen Sozialprojekten der Inneren Mission, wie dem Sozialkaufhaus in Mitte, verbringt.

„Die Allmende ist als Beschäftigungsprojekt nach der Einführung von Hartz IV gegründet worden“, erinnert sich Mades. Spezieller Fokus lag hierbei auf Personen, die aus der Wohnungslosenhilfe heraus nach Möbeln gesucht haben und zudem einige Stunden einer regelmäßigen Beschäftigung nachgehen sollten – und daran hat sich bis heute nichts geändert. „Viele Menschen haben noch gut erhaltende Möbel, die sie selbst nicht brauchen, die aber auch zu schade für den Sperrmüll sind“, schildert der Anleiter für Beschäftigungsangebote. „Und vor allem Menschen, die vor Kurzem noch wohnungslos gewesen sind, die brauchen natürlich dringend Möbel.“

Von der Gröpelinger ging es dann bald schon an die Holsteiner Heerstraße und von dort dann vor fünf Jahren in den Lloyd Industriepark. Für Abholungen und Auslieferungen von Möbeln rumpelte vor 15 Jahren noch ein Bollerwagen durch die Straßen Bremens, heute verwendet die Allmende einen modernen Transporter, aber ansonsten blieb vieles beim Alten.

Jeder, der hilfsbedürftig ist, kann kostenlos Möbel bekommen. „Wir lassen uns hierfür Einkommensnachweise vorlegen“, erklärt Mades. „Wenn wir diese geprüft haben, bekommt er einen Besucherausweis. Eigentlich gibt es Zeiträume, in denen einfach vorbeigekommen werden kann, „aber momentan geht das nur mit einem festen Termin.“ Doch es geht nicht direkt in das Möbellager. Erst schreibt jeder Interessent genau auf, was er an Möbeln braucht. „Teller und kleinere Dinge nicht, aber bei größeren Stücken wollen wir vorab wissen, in welchen Bereichen Bedarf besteht“, sagt Mades. Im Anschluss wird dem Bedürftigen dann gezeigt, was noch zu haben ist und was nicht. Meist geht es dabei um Betten, Stühle und Tische. „Die Möbel gibt es geschenkt, aber für eine Anlieferung berechnen wir 20 Euro.“ Aufgebaut werden die Möbel beim Abnehmer nicht.

„Wir bekommen die Möbel telefonisch oder per E-Mail angeboten“, beginnt Mades den Zyklus eines jedes Möbelstücks im Lager zu erläutern. „Normalerweise fahren wir dann raus, schauen es uns an und machen eigene Fotos. Momentan lassen wir uns die Fotos schicken.“ Intern entschiede man dann im Team, ob die Allmende das Stück nimmt. Bei einem Ja wird ein Termin zur Abholung vereinbart. Geld gibt es nicht, es kostet sogar eine kleine Aufwandsentschädigung von zehn Euro, aber die Teilnehmer und Mitarbeiter übernehmen dafür den kompletten Transport. „Wir müssen einfach sichergehen, dass wir nicht nur Schrott angeboten bekommen“, erklärt Mades. „Manchmal werden wir leider als Entsorger missbraucht.“ Deshalb schaue man wirklich jedes Stück genau an, ehe die Entscheidung getroffen wird. „Leider sind es auch die reicheren Haushalte, die öfter versuchen, ihren Müll loszuwerden“, bedauert Mades. „Auf dem würden wir sitzenbleiben und müssten ihn auf eigene Kosten auf der Deponie entsorgen.“ Vor Corona hat das Team die Möbelstücke sogar eigens beim Abgeber demontiert, aber derzeit ist dies nicht möglich. Deshalb hole man aktuell nur Auseinandergebautes oder Montiertes ab, das einfach zu transportieren ist. Im Lloyd Industriepark angekommen, werden alle Stücke in eine Datenbank aufgenommen und in der Halle eingelagert. An den auseinandergebauten Möbeln werden Fotos angeklebt, zwei Zettel markieren Ein- und eventuell bereits vereinbarten Ausgang des Artikels. Lange bleibt nichts im Lager. „Normalerweise schlagen wir den kompletten Bestand innerhalb von drei bis vier Wochen einmal um.“ Unter Corona dauere dies etwas länger.

16 Teilnehmer waren am Anfang dabei, heute weist das Projekt zehn Plätze auf, wobei aktuell aber nur acht besetzt sind. „Teilnehmer, genau“, betont Mades. „Es sind keine Mitarbeiter, da diese als In-Jobber bezahlt werden. Es ist keine Anstellung. Das sind die einstigen Ein-Euro-Jobs.“ Die ersten Helfer kamen aus der Wohnungslosigkeit und wurden damals wie heute einzeln dem Projekt zugewiesen, doch die Freude darüber sei bei den Teilnehmern groß, so Mades. „Wenn ich so einen In-Job machen muss, dann bitte bei der Allmende“, wiederholt der Anleiter die häufige Aussage seiner In-Jobber-Kollegen, als das Jobcenter an diese herantrat. „Sie wissen, dass sie hier etwas zurückgeben können. Das ist eine Frage des Stolzes.“

Doch Corona hat auch hier seine Spuren hinterlassen. „Wir haben seit Beginn der Pandemie keinen neuen In-Jobber zugewiesen bekommen“, beklagt der 58-Jährige. „Das ist sehr ungewöhnlich.“ Aber die Gründe sind für ihn klar: Die Jobcenter arbeiten unter stark eingeschränkten Bedingungen und selbst wenn die Zusammenarbeit nicht mit jedem Sachbearbeiter reibungslos verlaufe, so schwer wie momentan sei es noch nie gewesen, neue Teilnehmer zu bekommen. „Dabei brauchen wir dringend Hilfe“, betont er. „Vor allem von Menschen, die tragen können.“

Die Nachfrage vonseiten der Bedürftigen werde von Jahr zu Jahr größer, weiß Mades. „Es ist echt irre, es werden immer mehr Menschen, die um Hilfe bitten.“ Jede Anfrage werde aber genau angeschaut, vor allem wenn Personen in kurzen Abständen kommen. „Wir hatten leider Fälle, wo Leute bei uns Geschirr und Töpfe bekommen haben und damit dann am Wochenende auf dem Flohmarkt standen.“ Seitdem schreiben sie alles auf und sind vorsichtig. „Es muss allen Menschen gegenüber fair zugehen, wir verteilen hier Allmende, zu deutsch Allgemeingut.“ 6000 registrierten Kunden hat die Allmende seit ihren Anfängen schon geholfen.

Und der Dank spricht für sich: Ab und an brächten Kunden sogar Kuchen vorbei. Denn auch wenn sie von einem wenig haben, nämlich Geld, an etwas anderem seien sie reich. „Würde“, beginnt Mades. „Wir erleben hier immer wieder tiefe Dankbarkeit, Stolz und Würde, die die Empfänger der Möbel an den Tag legen.“ Ein weiterer Aspekt, der Mades besondere Freude in der Rückschau bereite, sind vier ehemalige Ein-Euro-Jobber, die mittlerweile sozialversicherungspflichtig bei der Allmende als seine Kollegen beschäftigt sind. „Das sind tolle Geschichten, jede für sich, und ein großer Erfolg für jeden Einzelnen, wie auch für uns als Team.“

Spender, die Möbel abgeben möchten, können sich montags bis freitags von 8.30 bis 15.30 Uhr unter Telefon 52 07 91 01 oder per E-Mail (allmende@inneremission-bremen.de) an das Allmende-Team wenden. Die Kostenpauschale zur Abholung von Möbeln beträgt zehn Euro. Kunden, die Möbel von der Allmende benötigen, müssen telefonisch einen Termin vereinbaren und bei der Abholung die vorgegebenen Hygienemaßnahmen beachten. Eine Lieferung von Möbeln nach Hause kostet 20 Euro.

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