Anti-Kriegs-Denkmal auf Bremer Stadtwerder

Altes Mahnmal wieder hochaktuell

Die IG-Metall-Jugend will ein Zeichen setzen gegen Aufrüstung und rechtsradikale Parolen: Auf dem Stadtwerder stellen die jungen Menschen daher ein neues Anti-Kriegs-Mahnmal auf.
28.08.2019, 17:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Altes Mahnmal wieder hochaktuell

Horst Otto (Denkorte-Initiative, v. l.), Olan Scott Pinto (Lidice-Haus) und Volker Stahmann (IG Metall) nehmen ein letztes Mal das marode Denkmal am „Kuhhirten“ in Augenschein.

Scheitz

„Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ Das ist kein Slogan, es ist ein Schwur. Geprägt haben ihn die Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald, die durch Truppen der USA am 11. April 1945 aus ihrer Gefangenschaft befreit wurden. Bereits zum zweiten Mal sorgt nun die IG-Metall-Jugend dafür, dass diese Haltung in der Neustadt sichtbar bleibt.

Bereits 1995 hatten junge Gewerkschaftsmitglieder auf dem Stadtwerder ein selbst angefertigtes Denkmal mit diesem Schriftzug errichtet, um 50 Jahre nach Kriegsende an die zahlreichen Opfer der NS-Diktatur zu erinnern. Der Platz war damals gegenüber der Gaststätte „Der Kuhhirte“ gewählt worden, weil im hinteren Grundstücksbereich eine Jugendbildungsstätte der IG-Metall beheimatet war. Doch die gibt es seit einigen Jahren nicht mehr.

Vielleicht auch deshalb war das dreieckige Mahnmal letzthin etwas in Vergessenheit geraten und nur noch mit Mühe auffindbar. Zugewuchert rostete es hinter Altglascontainern gegenüber der Gaststätte am Rande des Parkplatzes vor sich hin. „Ein würdeloser Anblick, der der Bedeutung des Mahnmals nicht mehr gerecht wird“, sagt Horst Otto von der Neustädter Denkorte-Initiative zu dem Zustand der Eisenkonstruktion.

Neuen Standort vorgeschlagen

Auch bei der IG-Metall denkt man offenbar bereits seit Längerem darüber nach, wie die Erinnerung an das geschehene Unrecht der Nationalsozialisten wieder mehr in die Öffentlichkeit und ins Bewusstsein gerückt werden kann. „Zunächst wollten wir das alte Denkmal zum zweiten Mal aufarbeiten und den Platz drumherum erneuern“, sagt Volker Stahmann. Der Geschäftsführer der IG-Metall beschreibt es aber als „glückliche Fügung“, dass die Neustädter Denkorte-Initiative einen neuen Vorschlag ins Spiel gebracht hat: einen neuen Standort am Lidice-Haus.

Denn die Arbeit in der Jugendbildungsstätte passe thematisch wunderbar: „Es geht dort ganz viel um antifaschistische Jugendarbeit und dorthin kommen wirklich viele junge Menschen, da ist unser Denkmal wunderbar aufgehoben“, findet Stahmann. Im Sinne der damaligen IG-Metall-Jugendbildungsstätte könne so besser als zuvor an die geschichtlichen Erfahrungen und Zusammenhänge erinnert werden.

Zugleich wird die neue Anlaufstelle am Weg zum Krähenberg 33A eingebettet in den bereits bestehenden Neustädter Erinnerungslehrpfad der Denkorte zu Naziverbrechen. Denn reichlich Spuren vom NS-Unrechtsregime sind auch direkt vor Ort zu finden: Immerhin wurde in Nähe des Lidice-Hauses bereits 1937 bis 1938 ein großes Sportgelände mit zugehörigen Gebäuden und Schießständen errichtet. Vorausgegangen waren ab Herbst 1934 bis 1936 am nahe gelegenen Niedersachsendamm bereits der Bau der Cambrai-, der Hindenburg- und der Scharnhorst-Kaserne. Alles zusammen habe der „aktiven Aufrüstung und Vorbereitung der bereits durch deutsche Strategen geplanten Eroberungskriege“ gedient, so wird es auf einer Info-Stele neben dem neuen Denkmal zu lesen sein.

Opfer dieser Kriege seien auch französische, belgische und serbische Kriegsgefangene gewesen, hat die Denkorte-Initiative recherchiert. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht gerieten sie in Gefangenschaft und wurden auf dem Stadtwerder am Standort des heutigen Lidice-Hauses in einer großen Sporthalle eingesperrt. Das Lager war als Außenkommando 1236 dem Stammlager Xc in Nienburg unterstellt. „Von 1940 bis 1945 wurden durch das Stalag Xc etwa 45 000 Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter im Raum Bremen und Weser-Ems deutschen Interessen unterworfen“, steht auf der Stele über das Ausmaß der unmenschlichen Praxis. Als stumme Zeugen der damaligen NS-Verbrechen gelten bei den Spurensuchern auch drei Skelette, die in den 1970er-Jahren etwa auf Höhe des heutigen Lidice-Hauses gefunden wurden. Die Neustädter Denkorte-Initiative geht davon aus, dass es sich um die Überreste von drei französischen Kriegsgefangenen gehandelt haben muss. Die Ursachen für den Tod und das anschließende Verscharren der Leichen könne aber wahrscheinlich nicht mehr geklärt werden, so Otto.

Einweihung eines neuen Denkmals

Anlässlich des neuen Denkortes haben junge Auszubildende der IG-Metall-Jugend in ihrer Lehrwerkstatt bei Arcelormittal nun ein neues Mahnmal gefertigt, das sie am kommenden Sonntag unter Beteiligung von prominenten Festrednern einweihen werden (siehe Infotext unten).

Die feierliche Enthüllung steht außerdem im Kontext eines Veranstaltungsreigens des Bremer Friedensforums und des DGB rund um den 1. September. Seit 1957 erinnern jedes Jahr bundesweit Gewerkschaften und Friedensgruppen an diesem Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen 1939 an die schrecklichen Folgen von Gewalt und Faschismus, Aufrüstung und Krieg.

In dem aktuellen Aufruf der Bremer Veranstalter anlässlich des 80. Jahrestages heißt es: „Wir leben heute in einer Welt, in der unser gewerkschaftlicher Einsatz für eine starke Friedensbewegung besonders gefordert ist. Die aktuelle Weltlage ist geprägt durch Unsicherheit und Instabilität.“

Stahmann ist daher hoch erfreut über die Zusage vom Europaabgeordneten Joachim Schuster (SPD) als Gastredner während der Denkmal-Einweihung. „Wir haben gezielt einen Europapolitiker eingeladen, denn das Thema Frieden und Abrüstung ist kein nationales, sondern eines, dass uns als Europäer angeht“, sagt Stahmann.

Horst Otto von der Denkorte-Initiative verweist außerdem auf das Erstarken faschistischer Kräfte in Ungarn, Italien und der Ukraine. „Und auch bei uns in Deutschland formieren sich rechtsradikale Kräfte und versuchen, mittels alter Parolen die politische Achse nach rechts zu verschieben.“ Genau deshalb sei das alte und auch das neu errichtete Mahnmal „leider hochaktuell“.

Der Aufbau des neuen Denkmals und der Stele der Denkorte-Initiative Neustadt wurde ermöglicht durch Mittel der IG-Metall Bremen, des Beirats Neustadt und durch Spenden. Das Layout der Stele wurde aus Programmmitteln Soziale Stadt finanziert.

Weitere Informationen

Die Einweihung des Anti-Kriegs-Denkmals der IG-Metall-Jugend findet am Sonntag, 1. September, ab 10.30 Uhr am Lidice-Haus, Weg zum Krähenberg 33A, statt. Als Gastredner wird unter anderem der Europaabgeordnete Joachim Schuster (SPD) erwartet. Weitere Informationen zu den Denkorten in der Neustadt unter www.spurensuche-bremen.de.

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