Kulturlotsen-Projekt startet

Andere Sicht aufs Quartier

Rainer Weisel ist der erste Quartiersbewohner, der eine eigene Idee in die Tat umgesetzt und den Neustädtern als Kulturlotse Kunst- und Kulturangebote vor der Tür nahegebracht hat - beim Spaziergang.
26.07.2018, 07:30
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Christiane Mester

Neustadt. Verborgen unter dem Haus der Kirche am Franziuseck liegt ein Atombunker. Das verrät nur der stählerne Lüftungsschacht, der vor dem Gebäude unscheinbar aus dem Boden ragt. Und was an der Wilhelm-Kaisen-Brücke aussieht wie ein Fächer aus Verkehrsschildern mit ungewöhnlichen Zeichen, ist eine kunstvolle Spiegelplastik. Die Teilnehmer des Stadtteilspaziergangs von Kulturlotse Rainer Weisel staunen nicht schlecht – so haben sie ihr Quartier noch nie gesehen.

Wer jeden Tag in der Neustadt unterwegs ist, der ist mit seiner Umgebung bald vertraut. Von der „richtigen Weserseite“ aus betrachtet, wie die Neustädter zu sagen pflegen, steht rechts vor der Wilhelm-Kaisen-Brücke der rote Klinkerbau des Wasser- und Schifffahrtsamtes. Dort findet sich die Gruppe zusammen zum ersten Kulturlotsenspaziergang.

Ein paar Schritte weiter unterhält die Hochschule Bremen einen von mehreren Standorten im Stadtteil. Die kleine Kuppel am Gebäude gehört zum Olbers-Planetarium. Nichts Neues für die Neustädter. Doch bei genauerem Hinsehen offenbaren die vermeintlich altbekannten Stadtansichten neue Details. Kulturlotse Rainer Weisel hat sie recherchiert.

Der linke Gebäudeteil des Hochschulbaus mutet an wie eine Schiffsbrücke. Und auf der rechten Seite ragen Schmuckbalkone aus dem Mauerwerk hervor. „Sie erfüllen nicht wirklich eine Funktion, aber sie unterbrechen optisch die lang gezogene Fassade“, erzählt Weisel. Im Inneren schafft der geschickt gestaltete Grundriss Platz für einen quadratisch angelegten Steingarten. Licht dringt in den Raum, das bunte Fensterglas der Gebäudefront entwirft je nach Tageszeit ein anderes Farbspiel im Foyer. „Haben sie keine Scheu einfach mal reinzugehen, öffentliche Gebäude wie dieses stehen jedem offen“, ermuntert Weisel die knapp zwanzig Teilnehmer seiner „Architekturreise“ immer wieder. Er möchte Menschen zusammenbringen, die sich sonst wahrscheinlich nicht kennenlernen würden.

Von Beruf ist Rainer Weisel weder Stadtführer noch Architekt. Er arbeitet im Archiv der Bremer Universität und ist Soziologe, Bankkaufmann und Gärtner. Architektur interessiere ihn seit jeher. Wochenlang hat Weisel Informationen über verschiedene Gebäude auf dem Stadtwerder zusammengetragen.

Als Kulturlotse ist er einer von acht Quartiersbewohnern, die dem Aufruf der Neustädter Stadtteilmanagerin Astrid-Verena Dietze und Renate Heitmann vom Kulturnetzwerk Vis-à-vis gefolgt sind. „Kulturlotsen gesucht!“, las der Universitätsangestellte Ende des vergangenen Jahres im STADTTEIL-KURIER. Das vorgestellte Konzept habe ihn sofort angesprochen, sagt Weisel.

Individuelle Idee

Die Ehrenamtlichen entwickeln entlang ihrer persönlichen Interessen individuelle Programm-Ideen und bringen den Neustädtern Kunst- und Kulturangebote vor der Haustür nahe. Sie sollen interkulturelle Begegnungen und gemeinsames Lernen ermöglichen. Das ist der Plan. Und Rainer Weisel ist der erste Kulturlotse, der ihn in die Tat umsetzt. „Eine tolle Sache“, meint er. Begeistert von dem Gedanken, dass Stadtteilbewohner gemeinsam ihre nähere Umgebung erkunden, hat der 64-Jährige seine erste Führung geplant.

Die gemischte Gruppe von Leuten ganz unterschiedlichen Alters spaziert über den Stadtwerder zur Brücke beim Deichschart. Am Ufer des Werdersees entlang geht es schließlich zum Rotes-Kreuz-Krankenhaus. „Bei der Route habe ich mich von der Foto-Ausstellung ‚Neue Neustadt‘ inspirieren lassen“, erzählt Weisel. Die Arbeiten zum Thema „Menschen, Räume, Architektur“, haben Bremer Architekturstudenten und Fotografen angefertigt. Sie hängen derzeit in einem Gang, der zum Café K führt. Was die Teilnehmer der „Architekturreise“ dort zu sehen bekommen, können Besucher des Klinikgebäudes noch bis in den Herbst besichtigen.

Klassische Architekturaufnahmen zeigen städtische Zusammenhänge, Gebäudegruppen und Straßenzüge der Neustadt. Einige Bilder kontrastieren alte und gegenwärtige Ansichten. Es gibt Detailaufnahmen und Porträts von einzelnen Häusern. Immer wieder ist die „umgedrehte Kommode“ dargestellt.

Das Thema, mit dem sich die Fotografen augenscheinlich auseinandergesetzt haben, beschäftigt auch viele Stadtteilspaziergänger, als sie an Ort und Stelle stehen. „Warum ist hier noch immer nichts Neues drin?“, fragt eine der Teilnehmerinnen in die Runde, als die Gruppe vor dem imposanten roten Gebäude Halt macht. Ein anderer, der gleich nebenan wohnt, erzählt von seinen Beobachtungen.

Erst kürzlich seien „Anzugträger in großen Karossen“ angefahren gekommen und mit aufgerollten Papierplänen unter dem Arm ins Gebäude marschiert. Stundenlang hätten sie sich drinnen aufgehalten. „Herausgekommen ist dabei ganz offensichtlich nichts“, sagt der Mann. Dabei warte doch die halbe Nachbarschaft darauf, dass das Gebäude endlich wiederbelebt werde. „Der Investor macht nichts, das ist so schade“, bedauert er. Die anderen nicken und dann spekulieren sie gemeinsam über die Gründe.

„Die Leute unterhalten sich und lernen sich kennen“, freut Weisel sich. Dieses Ziel hat er erreicht. Würde er seine Führung noch einmal anbieten? „Vielleicht im Herbst, aber jetzt sind erst mal die anderen Kulturlotsen dran.“

Weitere Informationen

Die nächsten Veranstaltungstermine der
Kulturlotsen stehen noch nicht fest. Weitere Informationen zum Projekt sind unter
www.neustadtbremen.de abrufbar. Die Kunstausstellung „Neue Neustadt – Menschen, Räume, Architektur“ ist noch bis zum 21. Oktober 2018 im Café K, Rotes-Kreuz-Krankenhaus,
St.-Pauli-Deich 24, 28199 Bremen, zu sehen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+