Atelierbesuch bei Silke Mohrhoff „Es ist ein innerer Drang zu tun, was ich tue“

Was das Menschsein eigentlich ausmacht, ist eine Frage, mit der sich die Künstlerin Silke Mohrhoff auseinandersetzt. Dabei spart sie auch den Tod nicht aus.
28.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gerald Weßel

Der Gang durch das Atelier der freischaffenden Künstlerin Silke Mohrhoff gleicht dieser Tage dem Besuch einer Ausstellung. Es gibt viele fertige Werke zu entdecken – vor allem Figuren. Bei der näheren Betrachtung einiger Exemplare stellt sich eine Frage unversehens: Sind sie tot? Eine Figur wirkt wie erfroren, die andere offenbart Gesichtszüge, die den Anflug von ewiger Ruhe zeigen. Und dann ist da noch der nackte Schädel eines Menschen, der die Frage bildlich beantwortet. Der Tod ist kein leichtes Thema – auch für sie nicht, sagt Silke Mohrhoff. Aber gerade deshalb reize sie die Auseinandersetzung damit besonders.

Beschäftigt hat sie sich unter anderem mit der Abgrenzung zum kurzzeitigen Ausruhen. „Ich musste den Schlaf untersuchen, denn oft ist er dem Tod nicht unähnlich.“ Welche Wirkung der Anblick eines Schlafenden entfalte und welche Gefühle das auslöse, hänge für sie auch vom Alter ab. „Bei Kindern wirkt er friedlich wie eine Pause vom Alltag, aber je älter wir werden, wird er für mich dem Tod immer ähnlicher.“

Kunstobjekte aus formbaren Materialien

Grundsätzlich widmet sie sich Themen, „die jeder von uns kennt“, erläutert Mohrhoff ihre Kreationen. Oftmals stünden diese erstmal unbewusst im Raum, bis dann unter ihren Händen aus formbaren Materialien Kunstobjekte entstehen – und das meist in Serie.

Silke Mohrhoff wurde 1972 in Minden, Nordrhein-Westfalen, geboren. Sie hat von 1995 bis 1999 in Ottersberg Bildende Kunst mit dem Schwerpunkt Bildhauerei und Kunstpädagogik studiert, zuvor hatte sie eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert. „Ich wollte schon immer gerne studieren“, begründet sie ihre Entscheidung umzusatteln und sich nach der Lehre an der Hochschule zu bewerben. „Ich musste einige Wartesemester anhäufen sowie das Mindestalter für das Studium erreichen.“

Nach dem Abschluss und einigen Arbeitsaufenthalten im Ausland verschlug es sie erst einmal nach Bremerhaven und später dann nach Bremen, wo sie heute im Süden der Hansestadt als freischaffende Künstlerin arbeitet. „Ich kann nicht anders, es ist ein innerer Drang zu tun, was ich tue. Es ist meine Berufung, bewusste Entscheidungen und vor allem auch unbewusste Impulse zu oft nicht sofort greifbaren Themen kreativ zu verarbeiten.“

Ton, Porzellan und Kunststoff als bevorzugte Werkstoffe

Bei der Wahl ihrer Materialien hat sie im Laufe der Zeit eine Wandlung durchgemacht. War anfangs vor allem Holz ihr bevorzugter Werkstoff, beschäftigt sie sich inzwischen meist mit Ton, Porzellan und Kunststoff. „Ich arbeite aber auch mit Haaren oder allem Möglichen, was halt zum Menschen dazugehört.“

Ihr Thema ist der Mensch mit seinen Sehnsüchten und Verletzlichkeiten. „Meine Kunst hat das Menschsein in Gänze im Fokus“, sagt sie. Um so zu arbeiten, sei Empathie unabdingbar: „Je empfindsamer der Erschaffer ist, desto authentischer sind auch seine Arbeiten.“

Über ihre Arbeitsergebnisse sagt Silke Mohrhoff selbst: „Meine Arbeiten sind auf dem ersten Blick nicht schön, steigen aber direkt in einen Dialog mit dem Betrachter ein. Es ist aber ein Dialog, den die Betrachter vielleicht im initialen Augenblick gar nicht so wollen.“ Diese Grenzüberschreitung fordert zwar heraus, eines möchte sie jedoch nicht: „Ich arbeite bewusst nicht provokant, ich ziele nicht auf eine bestimmte Reaktion der Betrachter ab.“ Maßgeblich sei für sie nicht, eine bestimmte Aussage zu treffen, sondern ihr eigenes Empfinden auszudrücken. „Ich arbeite innerhalb meiner Formen der Ästhetik, die ich wunderbar finde.“

Silke Mohrhoff sucht die Abwechslung

Bei ihrer Tätigkeit im Atelier sucht Silke Mohrhoff stets die Abwechslung. „Ich arbeite eigentlich immer an mindestens zwei Serien parallel.“ Hierbei unterscheidet sich dann aber nicht nur das Thema, sondern vor allem die Ausführung. „Ich kann nicht immer fein und genau arbeiten.“ Als Ausgleich dienen dann weniger ausgearbeitete Kreationen, in denen noch mehr der Fantasie überlassen bleibt. „Hier ist dann die Formensprache viel reduzierter.“ Die eine Serie bedingt die andere – nahezu zwangsläufig. „Ich lasse mich künstlerisch treiben.“ Das bedeute, beim Erschaffen des Kunstwerkes auch selbst einen Dialog mit den Materialien einzugehen, bis sich ein Objekt nach und nach herausschält. Nicht immer ist das Thema von Beginn an klar, sondern manchmal brauche es auch Zeit, bis es sich herauskristallisiert, sagt sie.

„Zeit“ ist ein Stichwort, das dieser Tage ein Gespräch fast unweigerlich auf den Stillstand des öffentlichen Lebens im Zuge der Corona-Pandemie lenkt. „Es ist schrecklich, viel ist weggebrochen.“ Praktisch bedeutet das: „Ausstellungen wurden abgesagt, ich musste mich finanziell neu aufstellen.“ Und auch der künstlerische Prozess blieb davon nicht unberührt. „Eine Ausstellung heißt ja nicht nur Geld, es ist auch ein Ziel, auf dass man als Künstlerin mitunter ein Jahr lang hinarbeitet.“ Zudem falle der Dialog mit den Besuchern weg.

Doch inzwischen arbeitet sie wieder an „zarten Planungen“ von Ausstellungen, wie sie sagt. „Für April ist derzeit die erste geplant.“ Doch egal wie sich die Pandemie und die Verordnungen zur Eindämmung in den kommenden Wochen entwickeln, ein Ort bleibt ihr immer: „Mein Atelier, das ist Heimat, hier darf ich sein, das ist Liebe, es ist meine Oase, in der die Welt in Ordnung ist.“

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Künstler in Reihe

In unseren „Atelierbesuchen“ stellen wir in
loser Reihenfolge Menschen vor, deren künstlerisches Schaffen nicht nur Berufung,
sondern vor allem auch Beruf ist.

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