Von der Weserburg bis zur Kinderwildnis

Film-Spaziergang gegen Corona-Ängste

Die Corona-Pandemie führt bei vielen Menschen zu Belastungen und einem andauernden Gefühl der Unsicherheit. Studierende bieten einen Audiowalk zum Thema „Psychische Erkrankung und Film“ an.
22.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Alte Neustadt. Die Corona-Pandemie führt bei vielen Menschen zu Belastungen und Strapazen, Existenzängsten und einem andauernden Gefühl der Unsicherheit. Solche psychischen Erfahrungen kommen auch in mancher Musik und vielen Filmen zum Ausdruck, und auf sie kann mit verschiedensten Therapieformen reagiert werden - wie, will ein sogenannter „Cinewalk“ zeigen, der von Studenten des Instituts für Kunstwissenschaft, Filmwissenschaft und Kunstpädagogik an der Universität Bremen erarbeitet wurde. Der Spaziergang führt von der Weserburg bis zur BUND-Kinderwildnis beim Café Sand und wird von Podcasts begleitet, die über den Themenkomplex „Psychische Erkrankung und Film“ informieren.

Hell türkisfarbene Stühle an jeder der fünf Station, mit einer Kette gegen Diebstahl gesichert, laden zum Verweilen ein. An den Stationen wird jeweils ein eigenes Thema anhand einer filmischen Darstellung reflektiert.

Das Projekt entstand mit Teilnehmern des Seminars „Krankheit kuratieren“ der Kunst-Medien-Ästhetischen Bildung an der Uni Bremen. „Es möchte die Erfahrungen aus dem Corona-Lockdown spiegeln und zu Bewegung und Interaktion im urbanen und digitalen Raum anregen und damit Erfahrungen der Isolation und Einsamkeit vorbeugen“, sagt Tobias Dietrich, Lektor für Filmwissenschaft und Filmvermittlung an der Uni Bremen.

Kopfhörer auf, Smartphone an - es geht los! Auf dem Weg zur ersten Station hinter der Weserburg fällt der Blick über die Weser auf die Schlachte. Dort geht es meist belebt zu, während auf diesem Abschnitt des „Cinewalks“, durch Wasser vom prallen Leben da drüben getrennt, eher ein Gefühl von Abgeschiedenheit aufkommt. Hat man den Stuhl gefunden, kann man sich einen Musikausschnitt aus dem Film „Das Irrlicht“ von Louis Malle aus dem Jahre 1963 anhören. Die Hauptfigur führt in dem Film einen rebellischen Kampf gegen Monotonie und Bedrücktheit – eine Stimmung, die von der berühmten Gnossienne Nummer 1 von Eric Satie passend zum Ausdruck gebracht wird, einer simplen Melodie voller Melancholie - das passt vielleicht ganz gut zur eigenen Stimmung.

Scharfer Kontrast wartet an der nächsten Station namens „Künstliche Intelligenz“ auf dem Teerhof. Unterwegs setzt sich der experimentelle Kurzfilm „Freedom and Independence“ mit der Verinnerlichung kapitalistischer Werte auseinander. Wo der Stuhl steht, wartet ein kleines Diorama in einem Fenster, das sich mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz für die seelische Gesundheit befasst. Längst gibt es zum Beispiel Selbsthilfe-Apps, die in depressiven Phasen unterstützen und Einsamkeit bekämpfen sollen. Wer will, kann an dieser Station eine kleine Therapie-Session mit „Cimentha“ machen, einer komplett digitalen Psychotherapeutin.

Die nächste Station heißt „Daumenkino“ und lädt ein, sich ein Interview mit der Psychologin Lucia Muriel anzuhören, in dem sie sich mit dem Thema Rassismus in der Psychotherapie befasst. Wieder auf dem Stuhl sitzend, lasse man momenthafte Einblicke in drei Filme auf sich wirken – Fotofilme, in denen Bilder einer Fotokamera hintereinander montiert sind wie in einem Daumenkino.

Auch zum nächsten Halt geht es nicht ohne Podcast: Der verstorbene Autor David Foster Wallace, der selbst schwer unter Depressionen gelitten hat, beschreibt den Arbeitsplatz einer amerikanischen Steuerbehörde und geht der Frage nach, was Langeweile mit den Menschen macht: Sie kann verschwinden, wenn man die gewohnte Umgebung neu erlebt. Dies ermöglichen zum Beispiel „Sky Spaces“, wie sie der Künstler James Turrell entworfen hat: Räume, in einer neutralen Farbe gestrichen, geben durch ein Loch in der Decke den Blick auf den Himmel frei. Hier ist jeder aufgefordert, gleichfalls in den Himmel zu blicken. Wer ihn entdeckt hat, kann ihn mit einem Foto im Internet veröffentlichen.

Am letzten Halt schließlich, der Urban-Gardening Station in der BUND-Kinderwildnis, kann man selbst aktiv werden, nicht ohne aus dem Podcast ein Interview über die positiven Auswirkungen des Gärtnerns auf die Psyche zu hören: Man erfährt, dass die Rückbesinnung auf die Natur und die Arbeit mit den eigenen Händen neue Kräfte verleihen können. Jetzt kann man richtig zupacken: In einer Schublade des Stuhls liegen eine Blumenzwiebel oder eine ganze Pflanze bereit, die darauf warten, mit beigelegter Gartenschaufel in der Kinderwildnis eingepflanzt zu werden. Nach dem Eingraben fülle man eine Gießkanne mit Wasser und sorge damit für ausreichend Bewässerung.

Musik und Natur als Therapieformen können helfen, mit den psychischen Belastungen durch Corona-Maßnahmen besser umzugehen, aber auch neue Blicke auf Gewohntes können befreien. Doch hilft auch eine Therapie mit sprechenden Maschinen?

Der abwechslungs- und ideenreiche „Cinewalk“ rückt das Medium Film auf neue Art in den Mittelpunkt eines Themas, das wohl alle mehr oder weniger betrifft. Der etwas medienlastige Spaziergang lädt zum Verweilen auf fünf Stühlen ein und gibt dabei reichlich Stoff zum Nachdenken, ohne dass Bewegung in frischer Luft zu kurz kommt.

Für den Spaziergang muss die kostenfreie App „Actionbound“ heruntergeladen werden, die einem alles weitere erklärt. Dort lässt sich mit der Suchfunktion der „Cinewalk Bremen“ ausführen, der zu den fünf Stationen leitet, die auch unabhängig voneinander besucht werden können. Weitere Informationen finden sich unter www.instagram.com/cinewalk.Bremen.

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