Vortrag über Rechtsextremismus

Ausstieg aus dem braunen Sumpf

Wer die rechtsextreme Szene verlassen möchte, muss häufig sein ganzes Leben zurücklassen. Ein Vortrag erklärt, mit welchen Problemen Aussteiger auf ihrem Weg zu kämpfen haben.
24.10.2018, 19:43
Lesedauer: 4 Min
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Ausstieg aus dem braunen Sumpf
Von Sebastian Krüger
Ausstieg aus dem braunen Sumpf

Sollte ein Aussteiger sich das Überdecken eines Tattoos nicht leisten können, kümmert sich die Organisation "Reset" um ein Cover-Up.

Sebastian Kahnert/dpa

Ein Lachen ging durchs Publikum, einigen Zuschauern jedoch blieb es im Halse stecken. Christian Pfeil berichtete von einem Aussteiger aus der rechtsextremen Szene. In zehn Jahren aktiver Zugehörigkeit habe sich der Rechtsextremist angewöhnt, jedes Telefonat zu beenden mit den Worten: „Die Juden sind unser Unglück. Heil Hitler.“

Als er die Szene endgültig verlassen wollte, habe er sich diese strafbare Angewohnheit mühsam wieder abgewöhnen müssen. Pfeil ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Oldenburg. Dort arbeitet er in der pädagogischen Arbeitsstelle Rassismus, Fundamentalismus und Gewalt (ARFG) und ist spezialisiert auf den Ausstiegsprozess aus der rechtsextremen Szene.

Im Kukoon am Buntentorsteinweg hielt er einen Vortrag zum Thema. Eingeladen dazu hatte die Beratungsstelle „Reset“, die Aussteigern im Land Bremen dabei hilft, die Szene zu verlassen. Gründe, in rechtsextremen Kreisen aktiv zu werden, gebe es viele, sagte Pfeil.

„Es war halt in, rechts zu sein“

Meist seien entsprechende Denkmuster und Meinungen im Bekannten- und Freundeskreis bereits verbreitet. „Es war halt in, rechts zu sein“, zitiert Pfeil einen weiteren Aussteiger.

Gruppenzwang, gepaart mit sozialem Neid und Vorurteilen gegenüber Ausländern und Migranten würden häufig am Beginn einer rechtsextremen Karriere stehen.

Aber: „Nur wenige Personen steigen als überzeugte Rechtsextremisten in die Szene ein, die meisten werden dazu gemacht.“ Die Szene an sich bezeichnete er als Auslaufmodell – zu dynamisch seien die rechtsextremen Zusammenhänge heutzutage, als dass er von einer homogenen Szene sprechen wolle.

Verlockende Kameradschaft

Daneben hätten viele rechtsextreme Neulinge mit privaten Problemen zu kämpfen. Kaputte Familien, soziale Kälte oder abwesende Väter habe er häufig beobachten können. Ein fehlendes Gefühl von Zugehörigkeit lasse rechtsextreme Gruppierungen, die mit Zusammenhalt und Kameradschaft werben, umso positiver erscheinen.

Zugleich forderte Pfeil, Rechtsextremisten durch solche persönliche Schicksale nicht einfach als „Versager“ abzutun – zum Rechtsextremisten werde nur derjenige, der es auch so möchte.

Für den Ausstieg gebe es ebenfalls eine Vielzahl an Gründen. Nur selten führe ein einzelnes Ereignis dazu, sich von der Szene zu lösen. Meist beginne der Ausstieg mit „Störgefühlen“, wie Pfeil sagte – die Szenegänger seien genervt, aber könnten nicht genau sagen, wovon eigentlich.

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Manche Aktivisten würden Frustration und Desillusionierung der Szene gegenüber verspüren. Bei anderen sei beispielsweise der Wunsch ausschlaggebend gewesen, eine eigene Familie zu gründen und eine bürgerliches Existenz aufzubauen. Ein Dasein als rechtsextremer Straftäter sei damit unvereinbar.

Immer wieder hätten Aktivisten mit der Szene gebrochen, nachdem sie ins Gefängnis mussten. Von der vorher versprochenen Kameradschaft sei plötzlich nichts mehr zu spüren gewesen, da vor Gericht jeder seine eigene Haut retten wollte.

Der Mikrokosmos JVA kann auch auf andere Weise ein Umdenken bewirken: Dort müssten Rechtsextremisten zwangsweise mit Migranten zurechtkommen und würden positive Erfahrungen machen.

Folgen eines Ausstiegs können verheerend sein

Manches Feindbild würde dadurch ins Wanken geraten. Gefängnisaufenthalte könnten die politische Überzeugung in anderen Fällen allerdings auch verstärken. Die Folgen eines Ausstiegs können verheerend sein: soziale Isolation, Depression, Angstzustände, sogar Selbstmordgedanken.

Das gesamte Leben finde häufig innerhalb der Szene statt, der ganze Bekanntenkreis sei Teil davon. Daher bräuchten Aussteiger Alternativen zu ihrem bisherigen Leben. Auch würden sie ihre Ideologie trotz Ausstiegswunsch nicht augenblicklich ablegen, sondern mitunter erst nach Jahren. „Aussteigen ist ein schwieriger Prozess, der lange dauert“, fasste Pfeil zusammen.

Titel der Veranstaltung war die Frage, ob jeder eine zweite Chance verdient habe. Für ihn eine klare Sache: „Ja, jeder hat eine zweite Chance verdient. Auch eine dritte, vierte oder fünfte.“

Konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen

Die freiheitlich-demokratische Gesellschaft müsse bereit sein, die Aussteiger wieder aufzunehmen und sich konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen, um ihrem eigenen Anspruch gerecht zu werden.

Anschließend an Pfeils Vortrag erzählte der Ausstiegsberater Ole Völkel von der Arbeit, die „Reset“ in Bremen leistet. Manche Aussteiger hätten in ihrer Vergangenheit Straftaten verübt, darunter auch Gewaltverbrechen. Für ihn sei Ausstiegsarbeit daher vor allem Straf- und Opfervermeidung.

Im Kukoon in der Neustadt ging es um die Probleme, mit denen Aussteiger aus der rechtsextremen Szene zu kämpfen haben.

Im Kukoon in der Neustadt ging es um die Probleme, mit denen Aussteiger aus der rechtsextremen Szene zu kämpfen haben.

Foto: Vasil Dinev

Für einen gelungenen Ausstieg müsse ein Klient auf Gewalt verzichten, sich mit seiner Vergangenheit kritisch auseinandersetzen, sich von rechtsextremen Ideologien distanzieren und sich letztlich wieder der demokratischen Gesellschaft zuwenden.

Klienten müssten ihren Ausstiegswunsch glaubhaft rüberbringen und das ganze Programm durchlaufen. Da „Reset“ durch die Kinder- und Jugendbehörde gefördert wird, arbeiten Völkel und seine Kollegen nur mit Klienten bis 27 Jahren zusammen.

Er betonte, dass sich das Angebot an Sympathisanten und Mitläufer der Szene richte, nicht an hochrangige Kader.

Eine Frage des Vertrauens

In 80 Prozent der Fälle würden die Aussteiger sich nicht selbst an „Reset“ wenden, sondern Verwandten, Freunden, Lehrern oder Trainern den ersten Schritt überlassen. Ist der Kontakt hergestellt, finde das erste Treffen zwischen Berater und Klient aus Sicherheitsgründen im öffentlichen Raum statt, in einem Café etwa.

Als Berater müsse er zum Aussteiger ebenso viel Vertrauen haben können wie andersherum. Da viele Klienten weitere Probleme mit sich herumtragen würden, arbeite „Reset“ eng mit anderen Beratungsstellen zusammen, etwa bei Drogenabhängigkeit.

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Manche Aussteiger hätten sich im Laufe ihrer Mitgliedschaft Tätowierungen stechen lassen mit strafbarem Inhalt – mitunter eine große Hürde, wenn der Klient auf den Arbeitsmarkt zurückgeführt werden soll und neue Bekanntschaften aufbauen muss außerhalb seines alten Umfelds.

Könne es sich ein Aussteiger nicht leisten, ein Tattoo aus eigener Tasche von einem Tätowierer überdecken zu lassen, kümmere „Reset“ sich auch um ein sogenanntes Cover-up. Eine Entfernung per Laser sei leider zu kostspielig.

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