Vortrag von Autor Timo Daum

„Es gibt ein starkes Bedürfnis nach einem Grundeinkommen“

Er sei ein Sympathisant und Unterstützer der Idee eines Grundeinkommens, sagte Buchautor und Hochschullehrer Timo Daum bei seinem Vortrag im Gemeindezentrum Zion. Doch er warnte auch vor negativen Folgen.
01.10.2020, 05:00
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Von Gerald Weßel
„Es gibt ein starkes Bedürfnis nach einem Grundeinkommen“

Timo Daum bei seinem Vortrag im Gemeindezentrum Zion in der Neustadt.

Roland Scheitz

Nicht weniger als eine „tektonische Verschiebung historischen Maßstabs“ rief der Autor und Hochschullehrer Timo Daum während seines Vortrages am Freitagabend im Gemeindezentrum Zion in der Neustadt aus. „Wir haben leider ein Dilemma vor uns“, gab er Ausblick auf den Themenkomplex rund um ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE).

Die Ziele dahinter – etwa eine Befreiung des Menschen von Verpflichtungen, um Einkommen zum Überleben zu erhalten, wie er es formulierte – seien unzweifelhaft zu begrüßen, sagte Timo Daum. Aber doch gebe es verwandte Aspekte, die ein ganz anderes Licht auf das Grundeinkommen werfen würden und die Schatten dahinter fielen weitaus tiefer, als im ersten Moment zu erahnen sei. Dabei stand es in Zeiten der Corona-Krise selten besser um die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, oder?

Der Titel seines Vortrags „Emanzipatorisches Grundeinkommen oder digitaler Turbokapitalismus?“ gab bereits erste Hinweise auf die Argumentation von Daum. Die Arbeitsgemeinschaft „Genug für alle“ (Attac) hatte pünktlich zum Start einer europaweiten Petition für ein bedingungsloses Grundeinkommen dazu eingeladen. Unterstützung erhielten sie dabei von der Initiative Bedingungslose Grundeinkommen in der Bremische Evangelischen Kirche und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Timo Daum stieg mit der aktuell herrschenden Pandemie in seinen Vortrag ein. Denn in gewisser Weise habe die derzeitige Krisenlage den Staat in manchen Bereichen gezwungen, bestimmte Leistungen annähernd bedingungslos zu machen: Der Zugang zu Hartz IV sei vereinfacht worden, und die Hilfen, die teils auch nicht zurückgezahlt werden müssten, könnten zwar nicht per se als Grundeinkommen definiert werden, aber sie stellten Zugeständnisse vonseiten des Staates dar: Bürger erhalten Geld vom Staat, ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu erbringen.

Selbstständige unter Druck

„In gewisse Weise ist es ein temporäres Grundeinkommen für Selbstständige“, erklärt Timo Daum und verweist auf deren Notlage – auch vor Corona: „Wir haben 2,2 Millionen Soloselbstständige in Deutschland, davon sind viele nur wenige Wochen von einem Bankrott entfernt, sobald ihnen die Einnahmen ausfallen.“ Nach seiner Erfahrung würden noch sehr viele Leute intuitiv annehmen, dass Selbstständige als Unternehmer mindestens zur gehobenen Mittelklasse zählen. Dies sei heutzutage schlichtweg falsch.

Ein emanzipatorisches bedingungsloses Grundeinkommen, wie es von immer mehr Menschen gewünscht werde und von vielen Vereinen wie Attac seit Langem gefordert wird, würde jedem erwachsenen Menschen sein Leben lang pro Monat einen gewissen Betrag zur Verfügung stellen. Damit dieser emanzipatorisch wirkt, also getreu seinem Wortursprung der „Freilassung eines Sklaven“, müsste diese Summe so hoch sein, dass niemand mehr arbeiten muss, um zu überleben, sich zu bilden und um damit seine gesellschaftliche Teilhabe gewährleistet ist, erklärte Daum das Konzept.

„Es gibt ein sehr starkes Bedürfnis nach einem Grundeinkommen“, so der Autor weiter. Doch erst mal gelte: Ganz gleich, welcher Agenda es nütze, das Thema sei komplex und beinhalte weit mehr als nur eine simple Geldzahlung. Denn wenn der Staat Dinge – Beispiel ÖPNV – kostenlos zur Verfügung stellt, brauche er dafür kein Geld verteilen.

BGE als zivilisatorischer Fortschritt

„Ich bin absolut ein Sympathisant und Unterstützer der Idee eines BGE“, formulierte Timo Daum seine persönliche Position aus. „Es stellt einen wichtigen Fortschritt unserer zivilisatorischen Entwicklung dar.“ Doch es gebe Schattenseiten. Diese haben aber nicht in erster Linie mit dem BGE an sich zu tun, sondern mehr mit der Motivation hinter seiner gewünschten Einführung, wie Daum analysierte. „Chefs von Unternehmen, wie Tesla, Google oder Uber sind für ein Grundeinkommen.“ Doch sie wollten es in erster Linie, um einen Zusammenbruch der Sozialsysteme zu verhindern, den sie selbst mitverursachten. Denn der moderne digitale Kapitalismus brauche nur wenig klassische Arbeitnehmer.

Viel bequemer für diese Unternehmen sei der sogenannte Prosumer – ein Verbraucher, der zugleich auch Produzent ist. Jede Interaktion mit einem der genannten Tech-Unternehmen generiere Daten und die seien bares Geld wert. Oder wie es amerikanische Autor Douglas Rushkoff 2019 in einem Artikel formulierte, auf den Daum Bezug nahm: „Das Geschäftsmodell vieler dieser Unternehmen der Digitalwirtschaft basiert darauf, den gesamten Wert aus den Märkten zu ziehen, in die das Unternehmen eintritt. Das bedeutet, Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten gleichermaßen auszubeuten, nur um weiter zu wachsen.“

Wenn die Menschen mit der Zeit zu arm würden, um weiter als Fahrer zu arbeiten oder für Fahrten zu bezahlen, liefere das Grundeinkommen das nötige Geld, damit das Unternehmen weiter bestehen könne, so die Analyse. „Wir müssen eine neoliberale Ausbuchstabierung eines BGE unbedingt verhindern“, trat Timo Daum zum Ende seines Vortrages einer solchen Dystopie eines Grundeinkommens entgegen. Der Nutzen könnte enorm sein, aber nur, wenn es zum Wohle der Menschen eingeführt werde.

Der Vortragsabend im Gemeindezentrum Zion platzierte sich passend inmitten zweier Aktionstage und einer seit Kurzem laufenden Petition. „Unser Ziel ist die Einführung bedingungsloser Grundeinkommen in der gesamten EU, welche jedem Menschen die materielle Existenz und die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe sichern, als Teil ihrer Wirtschaftspolitik“, so schreibt es die Initiative, die dafür auf ihrer Website bis zum 25. September 2021 um Unterschriften wirbt.

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