Den Konsum überdenken Kirchen rufen zum Klimafasten auf

„Soviel du brauchst“ ist das Motto einer ökologischen Fastenzeit, zu der die evangelische und die katholische Kirche aufrufen. Im Rahmen der Aktion „Klimafasten“ finden auch verschiedene Veranstaltungen statt.
15.02.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Matthias Holthaus

Klimaschutz ist ein Thema, das durch die Corona-Pandemie zeitweise in den Hintergrund gerückt ist. Auch deshalb wollen die katholische und die evangelische Kirche es wieder in den Fokus rücken. Gemeinsam rufen sie zum „Klimafasten 2021“ auf. „Soviel du brauchst“, ist das Motto des mehrwöchigen Programms, das an Aschermittwoch beginnt und am Samstag vor Ostern endet. Diese Zeit ist in sieben Themengebiete unterteilt, und die erste Aktionswoche steht ganz im Zeichen des Wassers.

„Wenn man in die Runde fragt, wie hoch der eigene tägliche Wasserverbrauch ausfällt, dann kommt im Durchschnitt die Zahl 110 Liter“, sagt Susanne Fleischmann, Klimaschutzmanagerin der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK). „In Deutschland verbrauchen wir aber pro Kopf 4000 Liter pro Tag und die sind versteckt in den Produkten, die wir nutzen. Die Leidtragenden befinden sich in den Ländern, die diese Produkte herstellen.“

Wo kommt der Kaffee her?

Die weltumspannende Produktionskette zu reflektieren, ist Teil der Aktion, und Fleischmann gibt auch gleich eine Anregung: „Muss es zum Beispiel ein Kaffee aus einer wasserarmen Gegend sein oder ägyptische Baumwolle? Da gibt es viele Aspekte, und es geht darum, sich eine Woche Gedanken zum Thema zu machen.“

Wer an der ökologischen Fastenaktion teilnehmen möchte, dem wird ein umfassendes Informationsangebot an die Hand gegeben. Im Internet auf www.klimafasten.de und in den sozialen Netzwerken sind für jede Woche Verhaltenstipps aufgeführt: Es gibt etwa Zahlen und Fakten sowie Umfragen zum Thema Wasserverbrauch, verschiedene theologische Impulse und Vorschläge zur praktischen Ausgestaltung der Fastenwoche.

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Verbraucher können auf der Grundlage des eigenen Bedarfs die Größe ihres Wasser-„Fußabdrucks“ bestimmen oder sich über Anbaumethoden und Herstellung verschiedener Lebensmittel oder Produkte informieren. Um anschließend Alternativen dafür zu finden. Empfohlen wird auch, für den Zeitraum einer Woche auf tierische Produkte oder auf ein Vollbad zu verzichten. „Die Idee dabei ist, dass jeder Mensch seine Stärken und Schwächen hat, Vorlieben und Abneigungen“, erklärt Fleischmann die verschiedenen Ansätze.

Sparsam heizen

In der zweiten Woche steht das sparsame Heizen auf der kirchlichen Agenda. „Ein Grad weniger heizen bedeutet sechs Prozent Energiekosten sparen“, rechnet Fleischmann vor. Und meint: „Da fällt es gleich leichter, die Heizung nicht hochzudrehen.“ Die dritte Woche steht ganz im Zeichen der vegetarischen Ernährung – hier kann man sich vornehmen, an drei Tagen in der Woche auf Fleisch zu verzichten. Oder tierische Produkte insgesamt zu meiden, denn die vegane Lebensweise auszuprobieren, kann ein weiterer Baustein des Klimafastens sein. In diesem Fall könnten Hafer- oder Sojamilch die Kuhmilch ersetzen.

Doch man müsse ja auch nicht vegetarisch oder gar vegan leben, es reiche bereits aus, zu sagen: „Ich leiste mir ein tierisches Produkt, wo das Tier bestmöglich gelebt hat.“

Bei dieser Art des Fastens gehe es weniger um Verzicht, sondern eher um ein Umdenken auf Probe. „Dinge verändern und schauen, wie viel Überfluss ich eigentlich brauche und prüfen, wo ich mich einschränken kann“, erläutert Fleischmann.

Eine weitere Woche beschäftigt sich damit, das Nutzungsverhalten von Internet und Smartphone zu reflektieren. Als Anregung können Fragen dienen, wie: Wie lange halte ich mich in sozialen Netzwerken auf? Kann ich die Onlinezeit um die Hälfte reduzieren? Und wäre es vielleicht möglich, stattdessen Informationen in Büchern, Radio und Gesprächen mit anderen Menschen zu finden und vielleicht auch längst ausgemusterte CDs oder gar Schallplatten anzuhören?

Einfache Lebensweise

Die Entschleunigung des Alltags verspricht das Wochenthema „Einfaches Leben“, wobei auch Spaziergänge zum Klimafasten dazugehören können oder ein Inspektionsgang durch die Wohnung – was brauche ich nicht mehr, was kann ich spenden? „Anders unterwegs sein“ soll hingegen die Nutzung des Autos beleuchten und Alternativen aufzeigen: Zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren wäre da möglich, aber auch Fahrgemeinschaften zu bilden, könnte eine Lösung darstellen. Und muss es eigentlich unbedingt immer eine Flugreise im Sommer sein?

Den Abschluss bildet „Neues wachsen lassen“. In dieser Woche kann man sich gleich überlegen, mit welchem Verkehrsmittel es jenseits des Flugzeugs in die Sommerfrische gehen könnte. Überprüfbar ist aber auch, inwiefern die Hausbank oder die eigene Versicherung ethisch-nachhaltig investiert. Auf welche Weise kommt die Rendite für die Altersvorsorge zustande? Praktisch umsetzbar sind die Vorschläge des Mottos „Neues lernen“: ein Hochbeet anlegen ein Musikinstrument oder schnitzen lernen.

Zu den einzelnen Themenwochen bietet die Bremische Evangelische Kirche auch verschiedene Veranstaltungen an. Am Mittwoch, 17. Februar, geht es um 18.30 Uhr los mit dem Thema „Hotels für Insekten“. Gefolgt von „Virtuelles Wasser“ am 22. Februar, und am 3. März findet eine Informationsveranstaltung zum Thema „Vegan leben“ statt. Alle Angebote sind online zu verfolgen. Über die Internetseite der Bremischen Evangelischen Kirche unter www.kirche-bremen.de können sich Interessierte dafür anmelden.

Info

Zur Sache

Eine Zeit der Besinnung

In der Fasten- oder Passionszeit erinnern sich Christen zwischen Aschermittwoch und dem Samstag vor Ostersonntag an das Leid und das Sterben Jesu. Verzicht und Askese standen dabei ursprünglich im Mittelpunkt, doch mittlerweile gilt die Fastenzeit bei vielen Gläubigen als Zeit der Einkehr, der Spiritualität und der Besinnung. Und, wie etwa bei der Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ der evangelischen Kirche, als Versuch des Verzichts auf scheinbar Unentbehrliches – dem Fernseher, der Tafel Schokolade, dem Auto.

„Fasten bedeutet, zur Besinnung zu kommen, aus dem Alltagstrott auszubrechen, Raum für einen Neuanfang zu schaffen“, heißt es seitens der Evangelischen Kirche in Deutschland, die katholische Kirche meint auf ihrer Website dazu: „Für die Fastenzeit werden den Christen drei Dinge mit auf den Weg gegeben: zu beten, zu fasten und zu geben. Die Gläubigen sollen sich in der Fastenzeit besonders gegen Not und Ungerechtigkeit einsetzen.“

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