Stele für Gladbeck-Opfer

Bewegende und würdevolle Gedenkstunde

Mit einer bewegenden Gedenkstunde ist am Sonnabend in Bremen nahe der Haltestelle Huckelriede eine Stele zur Erinnerung an die Opfer des Gladbecker Geiseldramas 1988 eingeweiht worden.
30.03.2019, 12:53
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Bewegende und würdevolle Gedenkstunde
Von Detlev Scheil
Bewegende und würdevolle Gedenkstunde

Die Gedenktafel für die Opfer der Geiselnahme von Gladbeck.

Frank Thomas Koch

Es habe lange gedauert, bis der Stadtstaat Bremen eine angemessene Form gefunden habe, wie mit dem Gladbecker Geiseldrama und dem Gedenken an die Opfer umzugehen sei. Das verhehlen Bürgermeister Carsten Sieling und Bürgerschaftspräsidentin Antje Grotheer nicht, als sie am Sonnabend einen Gedenkort in einem Grünstreifen an der Haltestelle Huckelriede einweihen.

Es ist eine bewegende und würdevolle Gedenkstunde, an der auch einige Angehörige der Opfer teilnehmen. Die relativ schlichte Gestaltung des Gedenkortes mit einer 120 Zentimeter hohen, schmalen Granitstele und einem Gingko-Baum dahinter findet bei den Teilnehmern der Einweihungsfeier große Zustimmung.

An dieser Haltestelle hatte am 17. August 1988 gegen 19 Uhr die dramatische Fahrt eines Busses der Linie 53 begonnen, der von zwei Gangstern aus dem Ruhrgebiet gekapert worden war. Das Geiseldrama ging als eine der spektakulärsten Straftaten in Deutschland in die Geschichte ein. Zur Skrupellosigkeit der Täter kamen sensationsgierige Journalisten sowie Polizisten, die hilflos wirkten und teilweise völlig unkoordiniert agierten. Zwei junge Fahrgäste, die 18-jährige Silke Bischoff und der 14-jährige Emanuele De Giorgi, wurden erschossen. Außerdem verunglückte der Polizist Ingo Hagen (31) auf dem Weg zum Einsatz bei dem Geiseldrama tödlich. Die Namen dieser drei Opfer sind auf einer Bronzeplatte der Stele nachzulesen.

Einweihung eines Erinnerungsortes, mit Gedenktafel, für die Opfer der Geiselnahme von Gladbeck - Carsten Sieling

Bürgermeister Sieling sprach bei der Einweihung der Gedenkstele.

Foto: Frank Thomas Koch

Die dramatischen Ereignisse seien auch nach mehr 30 Jahren unvergessen, sagt Bürgermeister Sieling: „Die Geiselnahme hat Spuren in den Herzen der Menschen in Bremen und darüber hinaus hinterlassen." Auch die Bürgerschaftspräsidentin Antje Grotheer sowie die Neustädter Beiratssprecher Ingo Mose und Jens Oppermann hoben hervor, dass sich die Erinnerung an den dramatischen Tag eingebrannt habe. Es gebe neben den zu Tode gekommenen drei Menschen und deren Angehörigen viele weitere Betroffene, die damals zu Opfern geworden seien, gab Sieling zu bedenken. Vor allem die 32 Insassen des gekaperten Busses mussten große Ängste ausstehen und sind teilweise bis heute traumatisiert.

Johnny Bastiampillai, der damals als Kind in dem entführten Bus gesessen hatte, bringt in einer kurzen Ansprache seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass die staatlichen Stellen sich sehr wenig um die Betroffenen gekümmert hätten. "Opfer dürfen nicht allein gelassen werden – das ist in den vergangenen 31 Jahren aber überwiegend passiert", sagt Bastiampillai. Es müsse unbedingt eine Stelle geben, die sich der Opfer annehme.

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Bürgermeister Carsten Sieling bittet im Namen des Senats erneut um Entschuldigung für die Versäumnisse gegenüber den Opfern und auch für die schweren Pannen bei der Polizei, die nach dem Verbrechen von einem Bremer Untersuchungsausschuss schonungslos aufgedeckt wurden. Das Verbrechen hatte mit einem Banküberfall der Täter Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski und anschließender Geiselnahme im nordrhein-westfälischen Gladbeck begonnen und endete nach rund 54 Stunden auf der Autobahn 3 bei Bad Honnef mit einem Zugriff des Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Kölner Polizei. "Als besonders erschreckend muss bewertet werden, dass zum Teil in sehr gedankenloser Weise von zwingenden Dienstvorschriften abgewichen wurde", heißt es im Bericht des Untersuchungsausschusses.

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Bereits bei einer Aussprache in der Bremischen Bürgerschaft anlässlich des 30. Jahrestags des Geiseldramas im vergangenen Jahr hatte sich der Bürgermeister entschuldigt. "Das Geschehene können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir können die Erinnerung an die Opfer hier in Bremen wach halten und den Hinterbliebenen zeigen, dass sie mit ihrer Trauer nicht vergessen sind", so Sieling. Der Sozialdemokrat dankt dem CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Jens Eckhoff, der die Beratung im Parlament angestoßen hatte. Sie führte letztlich im Mai 2018 zu einem fraktionsübergreifend getragenen Beschluss zur Errichtung der Stele.

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Jens Eckhoff erklärt auf Nachfrage des WESER-KURIER, nach dem Anschauen einer Fernsehdokumentation über das Geiseldrama sei er nachdenklich geworden, und es habe sich auch ein schlechtes Gewissen geregt: "Obwohl nicht unmittelbar zuständig, hätte auch ich während meiner Abgeordneten- oder Senatorenzeit schon viel früher etwas unternehmen können, um den Opfern zu helfen." Die Stele sei nun "sehr spät" errichtet worden, "aber besser spät als nie", meint Jens Eckhoff.

Efrain Oscher komponierte eigens für die Gedenkstunde ein aus drei Sätzen bestehendes Musikstück, das er auf der Querflöte spielt und einen eindrucksvollen Rahmen setzt.

++ Dieser Artikel wurde um 17:39 Uhr aktualisiert ++

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