Gewappnet gegen den Enkeltrick Bremer Polizei sensibilisiert Senioren für Begegnung mit falschen Polizisten

Seniorentheater, Handpuppeneinsatz und Rollenspiele sollen Ältere fit machen für die Begegnung mit falschen Polizisten und Enkeln. Das Angebot richtet sich auch an Angehörige, die Senioren von morgen.
15.01.2019, 20:12
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bremer Polizei sensibilisiert Senioren für Begegnung mit falschen Polizisten
Von Justus Randt

Erst traf es einen 88-jährigen Huchtinger, dann hatte eine 89 Jahre alte Frau aus Horn-Lehe einen falschen Polizisten am Telefon. Der Mann erkundigte sich, ob Wertgegenstände und Bargeld im Haus seien. Ähnliche Meldungen gab es in diesem Jahr bereits aus der Vahr und aus Kattenturm, die Betrugsmasche variiert: Falsche Handwerker, Gasableser oder vorgebliche neue Nachbarn, die überraschend an den Wohnungstüren alter Leute klingeln, beschäftigen die echte Polizei nahezu pausenlos.

Dass der 88-Jährige und die 89-Jährige stutzig wurden und mit einem Notruf Schlimmeres verhindern konnten, ist beispielhaft: In vielen Fällen bleibt es beim Versuch, alte Menschen zu betrügen. Ob das an der Aufklärungsarbeit der Polizei liegt, kann nicht mal ein Profi wie Claudia Hallensleben (50) genau sagen.

Bei der stellvertretenden Sachgebietsleiterin laufen die Fäden zusammen, aus denen das Präventionszentrum der Polizei ein Sicherheitsnetz knüpft. Gegenwärtig sind 13 Beschäftigte in drei Teams auf die Schwerpunkte Verhaltensweisen, Straßenverkehr und Einbruchschutz konzentriert.

Lesen Sie auch

Sie widmen sich unter anderem Diebstahl und Betrug, den am stärksten verbreiteten „Straftaten zum Nachteil älterer Menschen“, im Polizeijargon Säm genannt. Die „Abteilung Verhalten“ hat beispielsweise das Seminar „Starkes Auftreten statt starker Fäuste“ ersonnen: Einmal im Monat und nach Terminabsprache wird ein Training mit Rollenspielen angeboten, wie sich sonderbare oder gar bedrohliche Situationen meistern lassen.

Einbruchschutz und Smart-Home-Sicherheit

Die Straßenverkehrsschulungen sind Dauerbrenner, der Einbruchschutz ist Thema eines Polizeistandes auf den Messen „Hansebau“ und „Altbautage“ vom 18. bis zum 20. Januar in der ÖVB-Arena. Regelmäßige Vorträge sind fester Bestandteil im Polizeiprogramm. Im aktuellen Polizei-Newsletter „Augen unserer Stadt“ geht es um Einbruchschutz und Smart-Home-Sicherheit. Rund 1200 Abonnenten hat die Monatsmail. Im Februar, sagt Hallensleben, werden „Straftaten zum Nachteil älterer Menschen“ der Schwerpunkt sein.

Im Monat darauf ist die polizeiliche Kriminalitätsstatistik für das Jahr 2018 zu erwarten. 2017 war die Zahl der Säm-Delikte im Vergleich zum Vorjahr um 660 auf 1488 gestiegen – in gut 73 Prozent der Fälle blieb es beim Versuch, 400 Mal gelangten die Täterinnen oder Täter zum Ziel. Kriminelle beackern das weite Säm-Feld offenbar erfolgreich weiter. Auch wenn im Dezember in Bremen zwei Männer zu Haftstrafen verurteilt wurden, weil sie versucht hatten, mit dem Falsche-Polizisten-Trick alte Leute um Bargeldsummen und Schmuck zu betrügen.

Wann immer eine Masche auffällt, so wie jetzt die Polizisten-Tour, bedient das Präventionsteam den stadtweiten E-Mail-Verteiler, über den Altenheime erreicht werden und ambulante Pflegedienste, die Menschen vor den neuesten Umtrieben warnen können. „Auch die Kontaktbeamten gehen in die Heime und informieren über aktuelle Phänomene“, sagt Claudia Hallensleben. „Und es gibt eine regelmäßige Bankenrunde, bei der die Mitarbeiter für verdächtig hohe Barabhebungen sensibilisiert werden.“ Speziell beim Enkel-Trick werden vermeintliche Großeltern um Finanzhilfe in der Not gebeten – damit die Sache nicht auffliegt, wird dann ein „Freund“ geschickt, um das Geld abzuholen.

Lesen Sie auch

„Das Ganze ist ein schambehaftetes Thema, niemand gibt gerne zu, gutgläubig gewesen und hereingefallen zu sein“, sagt Claudia Hallensleben. „Deshalb kommen wir oft nicht so leicht an unsere Zielgruppe heran. Es ist schwierig, Menschen zu erreichen, denen etwas unendlich peinlich ist. Aber wenn plötzlich jemand vor der Tür steht, sind Vorsätze schnell vergessen.“

Handpuppenspieler und ehrenamtliche Theatergruppe

Deshalb sei „ständige Wiederholung“ besonders wichtig, glaubt Hallensleben. Und dabei geht die Polizei unterschiedliche Wege. Es gibt beispielsweise einen Handpuppenspieler, der in Altenheimen auftritt, und eine ehrenamtliche Säm-Theatergruppe mit Darstellern älterer Semester. Fürs erste halbe Jahr habe diese Gruppe allerdings erst drei Anfragen bei der Präventionsstelle, sagt Claudia Hallensleben. Keine allzu große Resonanz hätten auch die Säm-Seminare.

Allemal skeptisch ist die Senioren-Vertretung Bremen, wenn sie auf das vergangene halbe Jahr zurückblickt: Nachdem zeitweilig mehrere Beamte der Präventionszentrums in die Ermittlungsgruppe zur Bremer Stelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) abgeordnet worden waren, wurden Öffnungszeiten und Angebot des Zentrums vorübergehend eingeschränkt.

Lesen Sie auch

„Wir haben zur Zeit keinen Kontakt und bekommen auch keine Informationen von dort, was in großem Maße bedauerlich ist“, sagt Dirk Mittermeier, Mediensprecher der Seniorenvertretung. Nach Angaben der Polizeipressestelle sind bis auf zwei mittlerweile alle Präventionskräfte wieder an ihrem angestammten Einsatzort.

Claudia Hallensleben hofft unterdessen auf „Offenheit für neue Impulse“, auch wenn es um das immer Gleiche geht: wach zu bleiben und nicht zu meinen, „mir kann so etwas nicht passieren“. Seminare richteten sich mit Bedacht auch an Familienangehörige. „Die heute 50-jährigen Kinder werden ja selbst unsere Zielgruppe – und haben das bis dahin hoffentlich für sich selbst verinnerlicht.”

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+