Bürger gegen Häuser in der Nähe von Gräbern

Widerstand gegen Friedhofsbebauung in Huckelriede

Kritik erntet die Stadtplanung für den Vorschlag, einen kleinen Teil des Huckelrieder Friedhofs zu bebauen. Die einen finden es pietätlos, die anderen wollen einen Eingriff in die Natur verhindern.
12.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Widerstand gegen Friedhofsbebauung in Huckelriede

Ein Teil des Huckelrieder Friedhofs soll mit Wohnhäusern bebaut werden - damit sind jedoch nicht alle einverstanden.

Roland Scheitz

Mehrstöckige Wohnhäuser nur etwa 20 Meter von Gräbern entfernt – diese Vorstellung finden die Mitglieder der Bürgerinitiative „Protest Huckelriede“ pietätlos. Auch der Beirat Neustadt ist gegen die Bebauung des nordwestlichen Zipfels des Huckelrieder Friedhofs. Doch genau das haben Stadtplaner im aktuellen Entwurf des B-Plans 2417 vorgesehen. Das Erdlager, das sich dort momentan noch befindet, will der Umweltbetrieb Bremen aufgrund rückläufiger Erdbestattungen aufgeben. Danach könnte das Grundstück verkauft und bebaut werden. Der Umweltbetrieb hatte die Baubehörde nach Auskunft der Stadtplanung selbst darum gebeten, weil er den Erlös für einen modernen Betriebshof an der Habenhauser Landstraße einsetzen will.

„Wir finden die Pläne ungeheuerlich, auch weil der Friedhof denkmalgeschützt und aus unserer Sicht zusätzlich eine Art Naturschutzgebiet für den Stadtteil ist“, sagt Oda von Meding. Sie ist Gründungsmitglied der Bürgerinitiative „Protest Huckelriede“, die sich für eine maßvolle Bebauung in Huckelriede einsetzt. Das Bauvorhaben der Gewoba auf dem Scharnhorstgelände sei bereits mit seinen elf Wohnblöcken massiv genug. „Weitere hohe Blöcke nebenan auf den Friedhof zu stellen, ist für uns einfach in der Summe zuviel“, so von Meding. Ganz im Gegenteil: Der Wunsch in der Nachbarschaft sei groß, das Erdlager-Areal perspektivisch aufzuwerten als grünen Treffpunkt für die Bewohner.

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Konkret wird geplant, zwei Häuser auf dem Friedhofsgelände zu errichten: Ein maximal 16 Meter hohes Gebäude, das bis zu fünf Vollgeschosse aufweisen darf. Und ein maximal 13 Meter hohes Haus mit bis zu vier Vollgeschossen. Außerdem ist eine Tiefgarage vorgesehen sowie eine Straße durch den Gehölzstreifen im Westen, der momentan noch das Grundstück der Gewoba und den Friedhof voneinander trennt.

Drei Bäume müssten zu diesem Zweck gefällt werden, die allesamt geschützt sind. Daher steht bereits heute fest, dass sieben neue Bäume in der Nähe gepflanzt werden müssten, um sie zu ersetzen. Zählt man das Bauvorhaben der Gewoba auf dem Scharnhorstgelände dazu, müssen für die vorgeschlagenen Neubaupläne am Werdersee insgesamt 31 Bäume, davon 20 geschützte, weichen.

Ein pietätvoller Abstand

Aus der Baubehörde heißt es, besonders der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Bremen sei ein Grund, weshalb das Friedhofsgelände an dieser Stelle bebaut werden könnte. Derzeit sei aber noch nichts entschieden. „Für uns wäre das vertretbar, weil dort nie Gräber waren und aus unserer Sicht ein pietätvoller Abstand zu den am nächsten gelegenen Gräbern gewährleistet ist“, sagt Sprecher Jens Tittmann. Der Erdlagerplatz an sich sei im Gegensatz zum restlichen Friedhof ökologisch nur wenig wertvoll. Abgesehen vom prägenden Baumbestand, „und der wird soweit es geht erhalten“, so Tittmann. Und schließlich schirme eine dichte Baumreihe die neuen Häuser vom Gräberfeld ab.

Letzteres sieht auch Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki so. Der in der Nachkriegszeit angelegte Friedhof mit seinen Sakralbauten sei zwar tatsächlich denkmalgeschützt. „Aber eine Bebauung auf dem nordwestlichen Teil, der für die ursprüngliche Anlage quasi keine Rolle spielt, sehen wir grundsätzlich unproblematisch“, sagt Skalecki.

Entscheidend sei für ihn, „dass die Gebäude nicht zu hoch sind und noch von der geschlossenen Baumreihe abgeschirmt werden, damit sie für die Friedhofsbesucher kaum wahrnehmbar sind“, so seine Einschätzung. Das sei mit der nun reduzierten Höhe gegeben. Denn zuvor war an dieser Stelle noch ein bis zu siebenstöckiges Gebäude vorgesehen, davon ist die Stadtplanung bereits abgerückt.

Zwei Wohnhäuser sollen auf dem Erdlager entstehen.

Zwei Wohnhäuser sollen auf dem Erdlager entstehen.

Foto: Google Earth/Illustration: WK

Aus seiner Sicht sei eine Wohnbebauung in unmittelbarer Nachbarschaft zu Friedhöfen nichts ungewöhnliches. „Damit muss man als Großstädter rechnen“, sagt der Denkmalpfleger und nennt Beispiele vom Riensberger und Osterholzer Friedhof.

Dieses Argument will von Meding allerdings nicht gelten lassen: „Die Empörung wäre sicherlich riesig, wenn auf dem Riensberger Friedhof plötzlich hohe Wohnhäuser gebaut werden würden.“ Und selbst im Bürgerpark sei es unvorstellbar, einfach neue Häuser in den Bürgerpark zu bauen, „nur weil die Randbereiche nicht intensiv genutzt werden“, so das Initiativenmitglied.

Eine wichtige grüne Lunge

Der Streit konzentriert sich also auch auf die Frage, ob das Erdlager-Areal wichtig für den Friedhof als Ganzes ist, oder ob es eigentlich gar nicht so richtig dazugehört und daher entbehrlich ist. Ingo Mose (Grüne) hat dazu eine klare Haltung. „Der Friedhof ist in seiner Gesamtheit eine wichtige grüne Lunge für unseren Stadtteil, in die nun trotz des Klimawandels ohne Not eingegriffen werden soll“, sagt der Sprecher des Neustädter Beirates. Er wolle daher auch gegenüber seinen Parteikollegen in der Bürgerschaft dafür eintreten, „dass der Friedhof nicht für weitere Nutzungen zur Verfügung steht, sondern erhalten bleibt“, so Mose. Denn letztendlich entscheidet die Baudeputation darüber, ob neben dem Scharnhorstgelände auch das Friedhofs-Areal bebaut werden soll.

Und noch etwas treibt ihn um. Die Sorge, dass die zwei Häuser nur der Anfang sein könnten. „Das kann man in anderen Kommunen sehen, dass dort an den Friedhofsrändern immer mehr gebaut wird.“ Auch wenn das in Huckelriede bislang nicht absehbar sei, „steht aus Sicht des Beirates der Friedhof als Ganzes nicht als Baufläche zur Verfügung.“

Die Befürchtung der Nachbarn, dass der Stadtteil zu stark bebaut und versiegelt werde, könne er verstehen. Schließlich würden im Ortsteil derzeit viele neue Bauprojekte realisiert. „Das muss Grenzen haben und ich fände es schade, wenn man dieses Anliegen nicht ernst nimmt.“

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