Das Kreditpunkte-System in China

Chinas schöne neue Welt

In Europa ist das Pilotprojekt des Kreditpunkte-Systems, das derzeit in China erprobt wird, heiß umstritten. Die Betriebswirtin Madeleine Genzsch schilderte es in Bremen aus chinesischer Sicht.
12.04.2019, 21:06
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Von Sigrid Schuer
Chinas schöne neue Welt

Madeleine Genzsch

Sigrid Schuer

Margot Konetzka spricht mit fester Stimme: „Ich möchte nicht, dass wir solch ein Kreditpunkte-System wie es in China zurzeit getestet wird, auch in Deutschland bekommen. Ich möchte frei sein und keine Vorgaben gemacht bekommen, wie ich zu leben habe“. Die überzeugte Kommunistin ist mit ihren 91 Jahren das älteste aktive Mitglied des Bremer Friedensforums. Mit Konetzka waren viele Vertreter des Friedensforums in das Gemeindezentrum der Zionskirche gekommen.

Sie wollten den Vortrag von Madeleine Genzsch hören, der an diesem Abend polarisierte. Bei der anschließenden Diskussion ging es hoch her. Die Aachener Betriebswirtin und Politökonomin, die seit 20 Jahren intensive geschäftliche und persönliche Kontakte zum Reich der Mitte pflegt, 15 Jahre dort gelebt hat und als eine der profundesten China-Kennerinnen in Deutschland gilt, sprach über das Thema: „Das neue Kreditpunkte-System in China. Soziale und ökologische Verhaltensanreize oder Überwachungsalbtraum? Ein Beitrag zum Verständnis Chinas“. Sie musste sich vereinzelt heftige Vorwürfe anhören, dass sie als gelernte Marketing-Fachfrau versuche, das strittige Thema schön zu reden. Ein weiteres Argument, das aus dem Publikum ins Feld geführt wurde: Die Europäer seien stolz darauf, dass sie sich das Widerstandsrecht gegen staatliche Autoritäten erkämpft hätten und das gelte es zu schützen. Der monatelange Protest der französischen Gelbwesten-Bewegung sei der beste Beweis dafür.

Madeleine Genzsch und der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Wolfram Elsner entgegneten, dass in China auch gestreikt werde und dass es sehr wohl Aktivisten gebe, die sich kritisch hinsichtlich Privatsphäre und Datenschutz mit dem Kreditpunkte-System ausein­andersetzten, das zurzeit in 40 Pilotprojekten in ganz China erprobt wird. Genzsch stellte verschiedene Systeme vor, die soziale und ökologische Verhaltensanreize bieten sollen. Zu Beginn ihres Vortrages monierte sie, dass westliche Medien ausschließlich negativ berichteten: So befürchtet der „Tagesspiegel“ die Errichtung einer „digitalen Diktatur“ und die Londoner Times titelte: „Big brother is rating you“.

Rudolph Bauer betonte, dass gerade auch im Westen das Modell des gläsernen Menschen an der Tagesordnung sei, und zwar trotz Datenschutzgrundverordnung. Das Anliegen von Madeleine Genzsch war es nun, das Kreditpunkte-System aus Sicht der chinesischen Kultur des Konfuzianismus zu beleuchten. Sie unterstrich, dass das Modell laut einer Studie der FU Berlin immerhin bei 80 Prozent aller Chinesen auf Zustimmung stoße. Nach einem längeren Exkurs über die Jahrtausende alte Geschichte des Reichs der Mitte, in dem sie auch die Demütigungen der chinesischen Kulturnation durch die westlichen Kolonialmächte schilderte, Stichwort Opiumkrieg, skizzierte sie den Weg der Chinesen vom eher altruistisch geprägten Konfuzianismus hin zum westlichen Ideal des Materialismus.

Das unter ihnen weit verbreitete Misstrauen solle auch mit Hilfe des Kreditpunkte-Systems verbessert werden. Parallel dazu gelte es, das Rechtsbewusstsein zu stärken. Schließlich kam die Ökonomin auf die Zukunftspläne Chinas zu sprechen, die bis ins Jahr 2049 reichen: „Ziel des zentral geführten Riesenreiches ist es, die Gesellschaft wie einen Fischschwarm zu formen und zu harmonisieren“. Zwar wäre das Bruttoinlandsprodukt von 1978 bis 2018 um das Fünfzigfache gestiegen, dieses Wachstum habe allerdings seinen Preis gehabt. Bedingt durch die Umweltverschmutzung wären einer Studie der Weltbank von 2012 zufolge 1,4 Millionen Chinesen pro Jahr an den Folgen exzessiver Umweltverschmutzung vorzeitig gestorben. „Der 13. Fünf-Jahresplan, der 2015 in Kraft trat, berücksichtigt vermehrt soziale und ökologische Themen“, resümierte die Betriebswirtin.

Nun sollten die verschütteten Tugenden des Konfuzianismus wie Anstand und Empathie in einem Lenkungsmechanismus wieder belebt werden. „Ziel des Kreditpunkte-Systems ist es, Ehrlichkeit und auch andere tugendhafte, moralische und sozial verträgliche Verhaltensweisen zu belohnen und Fehlverhalten zu sanktionieren“, erläuterte die China-Expertin. Das gelte nicht nur für Privatpersonen, sondern im besonderen Maße für Beamte und Unternehmer. Wenn die beispielsweise Umweltsünden begingen oder in Korruptionsfälle verstrickt seien, wie es in der Vergangenheit oft der Fall war, gebe es Minus-Punkte im Kreditsystem. Sanktionen könnten beispielsweise die Streichung von Flugreisen ins Ausland sein, eine Belohnung etwa der schnelle Abschluss eines Arbeitsvertrages. Wenn sich jemand aber beispielsweise rührend um seine Eltern bemühe und sie pflegen würde, werde er mit Pluspunkten belohnt.

Elsner merkte in seinen einführenden Worten an, dass es ja zuweilen beim sozial verträglichen Verhalten auch in Bremen durchaus Defizite gebe – Stichwort Vermüllung öffentlicher Grünflächen. Unheimlich wird es der Referentin allerdings, wenn sie an die Fehlerhaftigkeit von Algorithmen denkt, die solch ein System steuern könnten. „Es wird alles von den Parametern abhängen und von der Cleverness und moralischen Integrität, derjenigen, die sie kontrollieren“, betonte sie. Nach dem offensichtlichen Scheitern des amerikanischen Traumes lohne es sich in einer globalisierten Welt, zumindest über alternative Denkmotive zu diskutieren, resümierte Madeleine Genzsch abschließend: „Ich sehe viele Parallelen zwischen der Lebensphilosophie der Nachhaltigkeitsbewegung in Deutschland und den Lehren des Konfuzianismus der vollkommenen Harmonie von Mensch und Natur“.

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