Corona-Krise

Wie ein Bremer Altenheim mit dem Besuchsverbot umgeht

Das Virus ist in Altenheimen angekommen, Einrichtungen stehen unter Quarantäne, überall herrscht Besuchsverbot. Was heißt das für die Bewohner? Über ein Heim, das ankämpft gegen die Angst vor der Ansteckung.
18.04.2020, 09:16
Lesedauer: 4 Min
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Wie ein Bremer Altenheim mit dem Besuchsverbot umgeht
Von Nico Schnurr
Wie ein Bremer Altenheim mit dem Besuchsverbot umgeht

„Ich versuche, etwas Normalität zu bewahren“: Thomas Gerbert-Jansen leitet ein Altenheim in der Corona-Krise. Die Virus-Situation sorgt für gravierende Veränderungen im Alltag der Heimbewohner.

Frank Thomas Koch

Elvis nimmt den Mundschutz ab. Es singt sich leichter ohne Maske, und der Abstand ist ja eingehalten. Den Sänger und sein Publikum trennt eine Rasenfläche, zehn Meter vielleicht. Elvis wackelt durch einen Bremer Garten, hinter ihm Laptop und Lautsprecher, ringsherum Blumen. Elvis, ein untersetzter Typ mit Tolle, heißt eigentlich Werner Thier und kommt aus Martfeld. Thier ist Unterhalter, Paraderolle Elvis Presley, aber weil im Bremer Garten gerade anderes gefragt ist, brummt der Mann im Elvis-Kostüm nun Lieder von Peter Alexander. Vor dem Refrain wogt Thier zum Laptop und drückt auf Pause, die Musik setzt aus. Und einige Dutzend Senioren, die unter Sonnenschirmen auf einer Terrasse sitzen oder an den Fenstern ihrer Zimmer schunkeln, rufen ihm zu: „Beim Schneewalzer Arm in Arm wird dir und wird mir auch im Winter so wohlig warm.“

Woltmershausen, ein Apriltag nach Ostern. Gegenüber vom Tabakquartier liegt das Haus Weserhof, ein Altenheim. Während mehrere Pflegeheime in Bremen unter Quarantäne stehen, weil das Coronavirus in den Einrichtungen angekommen ist, schiebt sich an diesem Nachmittag ein Elvis-Imitator durch den Garten vom Haus Weserhof. Die Pfleger tanzen mit Mundschutz zwischen den Bewohnern umher. Die Senioren klatschen, singen, prosten mit Limonade.

Das Virus beendet Rituale

Thomas Gerbert-Jansen schaut sich die Feier von oben an. Der Heimleiter, 53, steht auf einem Balkon im dritten Stock des Hauses, ein Mundschutz baumelt am Namensschild, das er sich ans Hemd gesteckt hat. Er will erklären, warum er einen Elvis ins Heim bestellt hat, doch der hat gerade noch etwas aufgedreht, seniorengerechte Lautstärke. Die Musik dröhnt aus den Boxen bis auf den Balkon und verschluckt die Sätze des Heimleiters. Gerbert-Jansen versucht es noch einmal, er spricht mit ganzer Stimmkraft gegen den Schlager an: „Ich versuche hier, etwas Normalität zu bewahren, deswegen ist der Elvis da.“

Normal ist im Heim von Gerbert-Jansen nicht mehr viel. Corona verändert den Alltag, in Altenheimen noch mehr als anderswo. Wer im Haus Weserhof wohnt, gehört zur Risikogruppe. Ein Besuchsverbot soll die mehr als 130 Bewohner schützen, die alt sind und oft auch krank. Das Virus trennt die Bewohner von ihren Angehörigen, und es beendet Rituale. Kein Spaziergang mehr mit der Familie, kein Bingo-Nachmittag im Heim, keine Gruppen beim Gedächtnistraining. Keine großen Skatrunden, kein Singen mit der Cellistin, kein Tanztee mit dem Ersatz-Elvis. „Menschen brauchen aber Rituale, besonders in unsicheren Zeiten“, sagt der Heimleiter, „der Alltag kann nicht nur aus Angst bestehen.“ Also darf Elvis singen, draußen zwar statt drinnen, einige Meter entfernt von den Bewohnern, die auch Abstand zueinander halten. Anders als sonst, aber immerhin: Elvis singt. Und kurz geht es mal nicht nur um Corona.

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Während Gerbert-Jansen das erklärt, wirkt er nicht wie einer, der leichtfertig entscheidet. Der Heimleiter will seine Bewohner schützen, aber er will auch, dass ihr Leben lebenswert bleibt. Natürlich kennt Gerbert-Jansen die Zahlen, er weiß, dass sich immer mehr Bewohner in Heimen infizieren. Und er glaubt: „Die Frage ist nicht, ob uns das Virus erreicht, sondern, wann es uns erreicht.“ Doch er sagt auch: „Ich kann diese Menschen jetzt nicht einsperren, das wäre Freiheitsberaubung.“

Ein Vormittag in der Woche vor Ostern. Thomas Gerbert-Jansen sitzt im Aufenthaltsraum. Der Heimleiter wirkt unruhig, er schiebt ein Schreiben über den Tisch. Ein offener Brief, Angehörige haben ihn geschrieben. Der Heimleiter liest vor: „Glauben Sie mir, als es hieß, dass wir unsere Oma nicht mehr besuchen dürfen, hatten wir große Angst und kämpften mit den Tränen.“ Gerbert-Jansen holt tief Luft. „Wird sich genug gekümmert? Isst sie genug? Ob sie uns vermisst? Und die wichtigste Frage: Werden wir sie überhaupt wiedersehen?“ Und dann steht da noch: „Wir bitten Sie von tiefstem Herzen: Bleiben Sie zu Hause.“ Die Bitte richtet sich an andere Angehörige. Das Besuchsverbot wird regelmäßig umgangen.

Angehörige kommen immer wieder vor das Heim

Was macht man da als Heimleiter? Gerbert-Jansen zuckt mit den Schultern. „Manche Angehörige bereiten uns Sorge, ich bin etwas ratlos“, sagt er, „es geht hier um Leben und Tod, doch das verstehen einige nicht.“ Der Heimleiter hat es mit Briefen versucht. Er hat die Eingangstüren plakatiert. Er hat auf mehreren Computern im Heim den Videochat-Dienst Skype eingerichtet. Trotzdem stehen immer wieder Angehörige eine Straßenecke weiter und warten auf die Bewohner. Kurz vor den Feiertagen befürchtet Gerbert-Jansen Schlimmes. „Meine Sorge ist, dass wir nach Ostern das Virus im Haus haben.“

An Ostern haben die meisten Angehörigen das Heim dann doch gemieden, keine Infizierten also, noch nicht. Was aber, wenn sich das ändern sollte? Gerbert-Jansen steht auf dem Balkon, von unten wehen Elvis-Songs hoch, „Viva Las Vegas“ auf voller Lautstärke. Er überlegt etwas, dann sagt er: „Wenn hier viele Bewohner sterben sollten, wäre das für alle eine Belastung, vor allem für die Pflegekräfte.“ Sollte es so kommen, bräuchte sein Personal psychologische Hilfe. Sie begleiteten viele Bewohner seit Jahren, da seien Bindungen entstanden. Er verabschiede sich stets von jedem Bewohner, sagt der Heimleiter. Sobald er vom Tod erfahre, gehe er ins Zimmer des Bewohners, denke an gemeinsame Momente, an Geschichten, die er mit ihm geteilt habe. „Hier leben Menschen mit beeindruckenden Biographien, das könnte ich nicht mal eben abhaken, wenn sie Corona kriegen und plötzlich nicht mehr da sein sollten.“

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Der Heimleiter beugt sich über den Balkon, unten die feiernden Senioren. Er deutet auf zwei Männer, beide knapp 70, deutsch-amerikanische Zwillingsbrüder, Vietnamkrieg-Veteranen. Beide litten noch immer unter den Kriegserfahrungen. Jetzt sitzen sie in der Sonne und nicken mit dem Kopf zur Musik. Dann zeigt er auf eine Frau im Rollstuhl, Mitte 70, Sudetendeutsche. Sie habe noch immer damit zu kämpfen, dass sie früher wegen ihres Akzents ausgegrenzt worden sei. Jetzt klatscht sie im Takt und singt mit. Und dann ist da die Frau in der blauen Jacke, noch keine 60, Alzheimer, spätes Stadium. Die Frau wisse nicht mehr, wie sie heiße, könne kein Besteck mehr halten. Jetzt tanzt sie über die Terrasse des Heims, gekonnte Schritte, sie dreht sich, schmeißt die Arme in die Luft. Und Elvis spielt noch einen Song.

Info

Zur Sache

Diskussion über Besuchverbote

In Niedersachsen wird eine Lockerung der corona-bedingten Besuchsverbote von Bewohnern in Pflegeheimen diskutiert. Anlass dafür sind entsprechende Überlegungen der Landesregierung. Für Erleichterungen sprach sich die Diakonie Niedersachsen aus. Der Schutz vor Ansteckung dürfe nicht zu psychischer Isolation mit ebenfalls gesundheitsgefährdenden Folgen führen. Die Pflegekammer Niedersachsen warnte dagegen vor einer uneingeschränkten Öffnung der Heime, dafür sei es zu früh.

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