Freiwillige Feuerwehr Neustadt blickt auf fünf ereignisreiche Jahrzehnte zurück Der „Schwarze Zug“ feiert 50. Geburtstag

Die Freiwillige Feuerwehr Neustadt ist nicht die älteste, aber dafür die größte ihrer Art in Bremen. Mit elf Fahrzeugen im Fuhrpark und 60 aktiven Männern und Frauen helfen sie aber nicht nur dabei, Brände zu löschen. Sie können Giftwolken aufspüren, Ertrinkende retten und im Notfall bis zu 2500 Menschen mit Essen versorgen. In ihrer 50-jährigen Geschichte führten die Einsätze den "Schwarzen Zug" auch ins Bremer Umland und sogar bis nach Frankreich.
06.09.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel

Die Freiwillige Feuerwehr Neustadt ist nicht die älteste, aber dafür die größte ihrer Art in Bremen. Mit elf Fahrzeugen im Fuhrpark und 60 aktiven Männern und Frauen helfen sie aber nicht nur dabei, Brände zu löschen. Sie können Giftwolken aufspüren, Ertrinkende retten und im Notfall bis zu 2500 Menschen mit Essen versorgen. In ihrer 50-jährigen Geschichte führten die Einsätze den "Schwarzen Zug" auch ins Bremer Umland und sogar bis nach Frankreich.

Neustadt. Immer mit einem Fuß in der Wache – so könnte der Wahlspruch bei der Freiwilligen Feuerwehr in der Neustadt lauten. Zumindest erstaunt die hohe Zahl der Einsätze, die die Ehrenamtlichen jedes Jahr absolvieren: "2011 waren es besonders viele, da wurden wir 150 Mal alarmiert", sagt Wehrführer Marcus Schleef. Immerhin zwei- bis dreimal in der Woche. "Wir verpflichten aber Berufstätige nicht, tagsüber an Einsätzen teilzunehmen." Die Arbeitgeber seien zwar überwiegend verständnisvoll, was das zeitraubende "Hobby" ihrer Angestellten anginge, "doch das müssen wir ja nicht überstrapazieren", findet sein Stellvertreter Matthias Schulz.

Wenn der digitale "Pieper" Alarm schlägt, geht es los. "In der Regel brauchen wir nachts sieben und tagsüber maximal zehn Minuten, bis das erste Auto den Hof verlässt", weiß Schleef aus Erfahrung. Der Rekord eines in der Nachbarschaft wohnenden Kameraden liegt bei dreieinhalb Minuten vom Bett bis zur Abfahrt mit dem Wagen aus der Halle. Häufig ist es der "rote Hahn", der die Feuerwehrleute in Bewegung bringt. Als Symbol für einen lodernden Brand hängt auch an der Neustädter Wache das Tier, dessen aufgestellter Kamm an züngelnde Flammen erinnert.

Am 8. September feiern sie intern mit Politikern, Nachbarn, Freunden und Verwandten 50. Geburtstag, und blicken auf ihre Geschichte zurück. Die Gründung der freiwilligen Brandschützer geht kurioserweise auf den Fachkräftemangel der Schornsteinfeger zurück. 1962 sah ein damaliger Bezirksschornsteinfeger der Neustadt die einzige Chance, die frisch ausgebildeten Gesellen nicht sofort an die Bundeswehr "abgeben" zu müssen darin, eine Regieeinheit zum Katastrophenschutz zu gründen, in der die Männer eine Art Ersatzdienst leisten konnten. Der "Schwarze Zug" war geboren. "Bis heute sind immerhin noch fünf unserer 60 Aktiven Schornsteinfeger", sagt Schleef, der selbst beruflich Bremern die Schlote reinigt.

Die Heimat der freiwilligen Helfer aus der Neustadt war von Anfang an das Gelände der ehemaligen Hindenburg-Kaserne am Werdersee. Zunächst schlecht ausgerüstet mit grauen Stoffkitteln und wenig Gerätschaften wurden die Männer in den Anfangsjahren nie alarmiert. Erst in den 1970er-Jahren begann die Berufsfeuerwehr häufiger auch die Freiwilligen aus der Neustadt als Unterstützung anzufordern. "Mittlerweile haben wir die gleiche Ausrüstung wie die hauptberuflichen Kameraden", berichtet Schleef. Lediglich an der zweistelligen Helmnummer können Außenstehende noch erkennen, dass sie einen ehrenamtlichen Brandschützer vor sich haben. Die Neustädter tragen die 42 und sind mittlerweile die größte der 19 Freiwilligen Feuerwehren Bremens.

Die Löscharbeiten in der Lüneburger Heide 1975 war für die beteiligten Neustädter ein Einsatz, der Eindruck hinterlassen hat. In der größten Brandkatastrophe der jungen Bundesrepublik waren über 15000 Feuerwehrleute im Einsatz.

Im Schutt nach Opfern gesucht

In Bremen selbst sind die Baumwollbrände im Hafen in den 1980er-Jahren auf der Wache noch in lebendiger Erinnerung. Für die Aktiven war die Gasexplosion im November 2000 am Geschwornenweg, bei der mehrere Bewohner des Altersheims starben, ein einschneidendes Erlebnis. Zehn Minuten nach dem Ereignis waren die ersten Kameraden vor Ort. Sie sind fünf Tage dort geblieben. "Wir haben im Schutt mit den Händen nach Überlebenden gegraben", erinnert sich Tim-Oliver Schleef, der wie sein Bruder auch bei der Freiwilligen Feuerwehr ist. Besonderer Höhepunkt für alle Einsatzkräfte vor Ort: "Wir konnten tatsächlich noch ein paar Bewohner retten."

Doch es sind längst nicht nur Brände, zu denen die Freiwilligen unterstützend zur Hilfe eilen: Sie können dank spezieller Schutzanzüge Gefahrengut sichern sowie mit hochsensibler Technik in einem Messwagen Giftwolken aufspüren und verfolgen, die im Zweifelsfall Anwohner nach Chemieunfällen oder ähnlichem bedrohen könnten. Darüber hinaus gehört auch ein Boot für den Katastrophenschutz zu dem stattlichen Fuhrpark von elf Fahrzeugen, über die die Ehrenamtlichen mittlerweile verfügen können. Eines davon ist eine etwas spezielle Art von "Essen auf Rädern": Mit einer kleinen Küche und Proviant für etwa 200 Mahlzeiten ausgestattet, kann dieser Transporter innerhalb einer Stunde Rettungskräfte oder Evakuierte versorgen. "Mit etwas mehr Vorlaufzeit bekommen wir mit unserer mobilen Großküche auch 2500 Menschen versorgt", erklärt Schleef die Dimension der Logistik, die hinter solch einem Einsatz steckt.

Zu den Blaulichtfahrten kommen auch noch regelmäßige Übungen, Lehrgänge, Reinigung und Instandhaltung der Geräte sowie viele weitere Stunden ehrenamtliche Arbeit an Abenden und Wochenenden hinzu. Dass dies immer noch einige Menschen gerne auf sich nehmen, um sich für die Allgemeinheit einzubringen, freut den Wehrführer. "Wir haben das große Glück, dass wir über Nachwuchsmangel nicht klagen können." Allein die Hälfte der derzeitigen aktiven 55 Männer und fünf Frauen kommen aus der Jugendfeuerwehr. Dort sind auch aktuell 25 Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren, die neben Jugendfreizeiten und Ausflügen auch bereits ein wenig mit den technischen Geräten herumprobieren dürfen. "Die eigentliche Ausbildung beginnt aber erst mit 18", sagt Schleef. Seine beiden Töchter sind auch schon bei der Jugend dabei. "Das scheint in der Familie zu liegen", sagt Schleef schmunzelnd. Schließlich war sein Vater ebenfalls Wehrführer und leitet heute den Förderverein.

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