Bremer Shakespeare Company plant Klima-Stück Was das Theater für das Klima tun kann

Bremer Shakespeare Company plant Uraufführung zum Thema für die nächste Spielzeit
18.03.2021, 05:00
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Was das Theater für das Klima tun kann
Von Sigrid Schuer

Antje Boetius und Frank M. Raddatz glauben an die Kraft des Theaters, die es vermag, der Natur eine Stimme zu verleihen. „Eine Stimme, die sie sonst nicht hat“, fügt der prominente Theatermacher hinzu. Vielleicht einmal abgesehen von der von der jungen Schwedin Greta Thunberg begründeten „Fridays for Future“-Bewegung. Mit deren Zielen sympathisiert Antje Boetius, das hatte die Direktorin des Alfred-Wegener-Institutes in Bremerhaven im vergangenen Herbst in dem Vortrag betont, den sie in der Friedenskirche hielt, kurz bevor der Forschungseisbrecher „Polarstern“ von seiner einjährigen „Mosaic“-Expedition in die Arktis zurückkehrte.

Der promovierte Theatermann und die Professorin für Meeresbiologie gründeten 2019 das an die Berliner Humboldt-Universität angegliederte Theater des Anthropozän, mit der Absicht, der Natur eine Stimme zu geben. Ihre ausdrückliche Warnung: Es gibt keinen Plan B, wir haben nur diesen einen Blauen Planeten. Raddatz wundert sich doch sehr, dass „sich die Theater so wenig mit der für uns allen so elementaren Bedrohung der ökologischen Verheerungen thematisch beschäftigen. Denn die geht uns schließlich alle an“.

Die Bremer Shakespeare Company nimmt hier nun eine Vorreiter-Rolle ein. Sie ließ sich von Boetius und Raddatz inspirieren und plant nun in der nächsten Spielzeit eine Uraufführung zum Thema Klimawandel auf die Bühne am Leibnizplatz zu bringen. Simone Stehr, frühere leitende Schauspiel-Dramaturgin am Theater Bremen, soll es schreiben, Regisseur Ralf Siebelt soll es in Szene setzen. Pandemiebedingt sendet die Bremer Shakespeare Company ihr Programm weiterhin virtuell. So auch die zweite Folge der Netzgespräche, in die sich Interessierte am Dienstagabend via „Zoom“-Konferenz zuschalten konnten.

Ziel von Vortrag und Diskussion war es, auf das geplante Klima-Stück hinzuführen. Neben Frank M. Raddatz war auch Gunnar Spreen, Leiter der Arbeitsgruppe „Fernerkundung der Polarregionen“ an der Universität Bremen, zu Gast. Er gab mit spektakulären Bildern aus der Polarnacht einen Einblick in eine der aufwendigsten Forschungs-Expeditionen, die in den letzten Jahrzehnten ins ewige Eis unternommen wurden. Rund 450 Forscherinnen und Forscher aus 20 Nationen, die an rund 70 Instituten arbeiten, machten eine besorgniserregende Entdeckung: Das einstmals ewige Eis wird zunehmend poröser und löchriger. Das stellten sie anhand von Vermessungen von Eisoberflächen via Laserscannern und mit Hilfe von Eiskernbohrungen fest.

Die Eisdecke in der Arktis schmilzt unter dem Einfluss des Klimawandels rasant, momentan habe sie den zweitniedrigsten Wert, der je gemessen wurde, so Spreen. Und das schlage sich unmittelbar in dem Auftreten extremer Wetterereignisse und dem Auftauen der Permafrostböden nieder. Eine Forscherin zog sogar einen Dorsch aus einem Eisloch, der sonst eigentlich nur im Atlantik vorkommt. Die „Polarstern“ dockte an einer Eisscholle an, ließ sich einfrieren und ein Jahr durch das Polarmeer driften. Die binational besetzten Forscherteams stellten in der Eiswüste ihre Mess- und Forschungs-Geräte auf. „Atemberaubend, erschreckend und spannend“, so das Fazit von Renate Heitmann aus der Führungsriege der Shakespeare Company. Regisseur Ralf Siebelt empfindet die von Spreen geschilderten Eindrücke von der Eisdrift und Eisschollen, die unter lautem Knirschen zerbersten und sich zu meterhohen Eisblöcken auftürmen, diesen dynamischen Prozess des „Werdens und Vergehens“, so Spreen, per se als „ungemein theatralisch“.

Heitmann stellte einen direkten Zusammenhang zwischen Klima, Leben und Theater her: Auch das Denken und somit das Theater habe sich stets an die veränderten Lebensumstände der Menschen angepasst und sie aufgegriffen. „Nur so kann starke Kunst entstehen“, betonte sie. Ihr Kollege Peter Lüchinger wollte wissen, ob die Ergebnisse der Expedition denn öffentlich zugänglich gemacht werden würden. Darauf Gunnar Spreen: „Die einzelnen Institute werten jetzt die Ergebnisse aus, geplant ist, dass sie Anfang 2023 der Öffentlichkeit, also auch Theaterleuten zugänglich sein werden“.

Antje Boetius ist als Wissenschaftlerin an der Berliner Volksbühne schon selbst in der Rolle des blinden Propheten Theiresias in dem antiken Drama „Ödipus“ oder als warnende Kassandra aufgetreten. Gemeinsam mit Raddatz hat sie am Theater des Anthropozäns die szenische Lesung „Requiem für die Welt“ mit passenden Texten von Heiner Müller und dem Gilgamesch-Epos herausgebracht. „Theater des Anthropozäns“, der Name ist Programm.

Eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern rief im Sommer 2016 das Erdzeitalter des Anthropozäns aus, ein neues geologisches Zeitalter, das vom Menschen bestimmt ist. Denn der Mensch greift seit Beginn der industriellen Revolution vor rund 200 Jahren so massiv in die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ein, dass die Auswirkungen noch in 100.000 bis 300.000 Jahren zu spüren sein werden. Das ist die Erkenntnis der Wissenschaft. Das Anthropozän wäre damit das Erdzeitalter, in dem der Mensch über die Erde bestimmt. Das war nicht immer so. Denn der Mensch ist erst rund 200.000 Jahre alt, Erdzeitalter dauern aber Jahrmillionen. Raddatz brachte es am Ende der Veranstaltung lakonisch auf den Punkt: „Der Mensch ist nur ein Zweig der Evolution und wenn dieser Zweig abbricht, dann war's das eben“. Deshalb plädieren Antje Boetius und er dafür, dass es allerhöchste Zeit sei, einen rechtlich bindenden Vertrag zwischen Mensch und Natur zu schließen.

Die dritte Folge der Netzgespräche ist für den 10. Mai geplant, dann, so hoffen die Company-Mitglieder, wieder im Theater am Leibnizplatz.

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