Shakespeare Company

„Die Wahl“ feiert Premiere

Mit „Die Wahl“ hat sich die Shakespeare Company einiges vorgenommen. Von Politik bis Sucht, von Liebe bis Macht finden diverse Themen ihren Platz. Genau das ist aber leider auch die Schwäche des Stücks.
25.11.2019, 18:24
Lesedauer: 3 Min
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„Die Wahl“ feiert Premiere
Von Alexandra Knief
„Die Wahl“ feiert Premiere

Eine Szene mit Nachhall: Pauline (links, Petra-Janina Schultz) und ihre alkoholkranke Mutter Hanna (Uta Krause) im Stück "Die Wahl" an der Shakespeare Company.

Marianne Menke

Diskriminierung, Krankenhausschließungen, das Verschwinden der politischen Mitte, Migration und Sucht. Dazu noch Themen wie Liebe, Freiheit, Macht, Abhängigkeit und Verlustangst. Ganz schön ambitioniert, was die Shakespeare Company sich für ein einziges Stück vorgenommen hat. Genau das verspricht das Theater allerdings mit seinem politischen Drama „Die Wahl“, das am Freitag seine Premiere feierte. Uraufgeführt wurde es 2018 im National Theatre in London. In der Shakespeare Company feierte „Die Wahl“ nun seine deutsche Erstaufführung.

Das Stück spielt zu verschiedenen Zeiten im Leben von Pauline Gibson (Petra-Janina Schultz) und Marc Gould (Michael Meyer). 1997, zu Studentenzeiten, lernen die beiden sich in einer Bar kennen, lassen sich aufeinander ein. Schnell merken sie allerdings, dass sie zu verschieden sind, um miteinander glücklich zu werden. Pauline sucht die Freiheit, strebt nach Unabhängigkeit. Marc hingegen ist eher traditionell gepolt, will den sicheren Hafen, zeigt aber schon hier, wie wichtig ihm Kontrolle ist.

Zum ersten Mal nach zwölf, zum zweiten Mal nach 22 Jahren stehen die beiden sich auf der Bühne der Shakespeare Company erneut gegenüber. 2009 sucht Pauline, die mittlerweile Assistenzärztin ist, Marc auf, damit er ihre Petition gegen die Schließung des örtlichen Krankenhauses unterschreibt. Marc ist Anwalt, hat früh geheiratet und strebt nach einer höheren Position in der Politik. Pauline ist unverheiratet und will sich für eine Sache einsetzen, an die sie glaubt. Die beiden landen im Bett und machen anschließend genau da weiter, wo sie 1997 aufgehört haben: Sie streiten und merken erneut, dass ihre Interessen und Moralvorstellungen kaum unterschiedlicher sein könnten.

Zwischen den Stühlen

Wieder zehn Jahre später, 2019: Marc strebt mittlerweile den Vorsitz einer Partei an, der man in der Shakespeare Company keinen konkreten Namen gibt. Doch die Stimmen werden immer lauter, dass auch Pauline, mittlerweile unabhängige Abgeordnete, für den Vorsitz kandidieren soll. Sie hat sich durch ihren Einsatz für das Krankenhaus eine Anhängerschaft aufgebaut – und das, obwohl sie eigentlich nicht einmal politisch ist. Und so wird Paulines und Marcs einst privater Konflikt zwischen Tradition und Unabhängigkeit zu einem politischen.

Der englische Originaltitel „I’m not running“ (auf Deutsch: Ich kandidiere nicht) legt nahe, welche Entscheidung Pauline am Ende treffen wird. Doch es gibt mehrere Ereignisse auf ihrem Weg, die die Frau an ihrem Vorhaben zweifeln lassen. Zum Beispiel das Aufein­andertreffen mit der jungen Wani Madorgusch (Sofie Alice Miller), die die Welt verbessern möchte und Pauline ein bisschen an sich selbst erinnert. Und so wird die Frage der Kandidatur zum zentralen Aspekt des Stückes, das von einordnenden Statements durch Paulines Pressesprecher Mika Mynott (Tim Lee) vor einer Horde Journalisten gerahmt wird. Es geht um bestehende Machtgefüge in der Politik sowie in der Gesellschaft im Allgemeinen. Im Zentrum dieser Diskussion steht in der Shakespeare Company aber auch immer die Frage, welche Rollen Frauen selbst bei der Verfestigung männlich geprägter Machtstrukturen spielen.

Drehbuch von David Hare

Das Stück stammt aus der Feder des oscarnominierten Dramatikers David Hare, der unter anderem auch das Drehbuch zu „Der Vorleser“ schrieb. Regie führte in Bremen Oliver Stein. Getragen wird die Geschichte vor allem durch die beeindruckende Leistung der fünf Schauspieler, allen voran Petra-Janina Schultz, der man von der lebenshungrigen Studentin bis hin zur angehenden Politikerin jede Lebensphase ihrer Figur abkauft.

Ein Höhepunkt des Abends ist eine Szene, in der Pauline Ende der 1990er-Jahre ihre alkoholkranke Mutter (unfassbar gut: Uta Krause) besucht, in ihrer Wohnung für Ordnung sorgt, die leeren Schnapsflaschen entsorgt. Ein prägendes Moment, sowohl für das Stück als auch für Paulines weiteres Leben.

Tod, Traumata, Selbstzweifel: Genau genommen könnte man die Liste der Themen in „Die Wahl“ noch um diverse andere grundlegende Menschheitsprobleme ergänzen. Und genau hier liegt das Dilemma des Stückes: Es will zu viel, reißt vieles nur an und schafft es so nur in wenigen Momenten, inhaltliche Tiefe zu erzeugen. Dennoch konnte sich das Premierenpublikum über einen gelungenen Theaterabend freuen, den es am Ende auch mit entsprechendem Applaus belohnte.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen: Sonnabend, 30. November, Freitag, 20. Dezember sowie Freitag, 27. Dezember jeweils um 19.30 Uhr.

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