Ausstellung in der Weserburg Bremen

Dreidimensionale Kunst in allen Facetten

Die neue Ausstellung Skulptour in der Weserburg präsentiert Bildhauerei als Mitmach-Aktion: Eine Reise durch die Welt eines stark erweiterten Kunstbegriffs und dabei selber etwas formen und gestalten.
01.09.2018, 06:09
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Dreidimensionale Kunst in allen Facetten

Der virtuelle David von Michelangelo agiert als Teil einer erweiterten Realität mit den Besuchern. Wo fängt der Begriff der Skulptur an, wo endet er?

Walter Gerbracht

Mit der neuen Mitmachausstellung „Skulptour – Eine neue Reise in die Welt der Figuren, Objekte und Installationen“ feiert der Verein kek Kindermuseum im Museum Weserburg seine zehnjährige Kooperation mit dem Museum für Moderne Kunst. Das kek Kindermuseum hat auf der Weserinsel einen Ort geschaffen, an dem Kinder Kunst und Kultur erleben können. In den Werkstätten der neuen Ausstellung „Skulptour“ können sie, wie es im doppeldeutigen Wort anklingt, eine Reise durch die Welt der dreidimensionalen Kunstobjekte machen und dabei selber formen und gestalten. Denn die Welt ist plastischer, als man es gemeinhin merkt: Wir sehen zwar Dinge als dreidimensionale Gebilde, seien es Bäume, Bauten oder Menschen, doch den genauen Empfindungen, die sie auslösen, spürt kaum einer nach. Der Künstler jedoch muss es, wenn er statt auf flacher Leinwand oder Papier in der Tiefe arbeitet und sich auf die reale Erfahrung von Raum einlässt. Arbeitete er traditionell noch mit Marmor, Holz, Bronze oder Gips, so nimmt er heute auch Alltagsdinge, Weggeworfenes, das Licht und sogar lebendige Menschen, um räumlich zu gestalten.

Bei der Eröffnungsfeier zeigt der Musiker Thomas Schacht, was man mit Fantasie aus einfachsten Instrumenten herausholen kann: Er entlockt einem Tamburin Klänge, die an ein australisches Didgeridoo erinnern, indem er mit Fingern oder Handfläche nicht nur darauf schlägt, sondern auch schabt und kratzt. Passend zum Mitmachmuseum macht er Mitmachmusik, verwendet Zahnstocher als Rasseln und spielt auf einer Trommel wie ein ganzes Orchester, und das Publikum schlägt mit den Füßen den Takt dazu. Seine Einlagen umrahmen die Grußworte von Carmen Emigholz, Staatsrätin für Kultur.

Der verharrende Mensch als Skulptur

Der Direktor des Museums Weserburg, Peter Friese, wirkt etwas überrascht, als man ihn bittet, für eine Minute selber zur Skulptur zu erstarren – was ihm, in völliger Reglosigkeit posierend, auch hervorragend gelingt – der Mensch wird zur Skulptur, das ist eines der Themen der neuen Ausstellung, die im großen Raum im vierten Stock der Weserburg zum vielfältigen und abwechslungsreichen Mitmachen einlädt: Werkstätten halten Holz, Ton, Steine und Bronzen bereit, an denen Kinder den Unterschied zwischen einer Skulptur und einer Plastik erfahren können. Worin besteht er? Die Plastik ist Aufbauarbeit, bei der Skulptur wird abgebaut: Aus weichem, verformbarem Material wie Ton wird eine Plastik langsam modelliert, während es bei der Skulptur hart zugeht: Massiven, festen Materialien wie Holz oder Stein wird etwas abgeschabt oder abgeschlagen.

„Unsere Devise ist Learning by doing“, sagt Silke Rosenthal, die zusammen mit ihrer Kollegin Eva Maria Vonrüti Moeller die neue Ausstellung konzipiert hat. „Die Kinder sollen mit ihren eigenen Händen begreifen, wie es ist, wenn man Ton formt oder Holz bearbeitet.“ Ein Mädchen schlägt voller Eifer einen Holzhammer gegen den Meißel und vertieft in einem großen Stück Holz eine Rille. Mehrere Kinder scharen sich um eine große hellgraue Landschaft aus weichem Ton, der sich mit Händen formen lässt. Hügel und Täler entstehen, aber auch Wege und Wagen, die darauf fahren. „Für die Steinbildhauerei stehen besonders weiche Ytong-Steine bereit, Kinder dürfen sich aber auch am Marmor versuchen und spüren, wie hart er ist“, sagt Rosenthal.

In den 1960er Jahren hat sich die Auffassung von Skulptur erweitert. Nun gab es praktisch nichts mehr, was nicht Skulptur werden kann - zum Beispiel auch ganz praktische Dinge wie die Strickliesel – wer kennt sie nicht aus der eigenen Kindheit? Jene Holzfigur, bei der man oben einen Wollfaden immer wieder über Metallschlaufen legt und unten eine gestrickte Schnur herauskommt. Skulptour zeigt die Strickliesel in Menschengröße, und entsprechend dick ist das Seil, das unten wächst. Gleich neben der bunt bemalten Puppe ist aus vielen Metern Seil ein Sofa entstanden, in das man sich gemütlich betten kann. „Wir wollen das ganze Spektrum zeitgenössischer Skulpturen vorführen“, sagt Silke Rosenthal, „und dazu gehört auch, dass man selber zur Skulptur werden kann.“ Feiner Nebel, von blauem Licht angestrahlt, macht es möglich, den eigenen Körper wie eine leuchtende Plastik im Scheinwerferlicht erscheinen zu lassen.

Bad in den Tiefen der Assoziation

Die neue Mitmachausstellung sprudelt vor Ideen und kann Kinder für die dreidimensionale Seite der Kunst begeistern. Denn an jeder Station wird die Phantasie entfacht: Kinder würfeln Wörter und setzen die Vorstellung, die aus ihnen entsteht, in Tonfiguren um, den sie formen können – so werden selbst Begriffe zu skulpturalen Gebilden, wenn sie in ein Bad in den Tiefen der Assoziationen nehmen. „Joseph Beuys zeigte, dass umgekehrt auch aus dreidimensionalen Gebilden Wörter entstehen können“, sagt Silke Rosenthal. In einer großen Fühlbox lässt sich ein Gegenstand langsam ertasten und in passende Wörter umsetzen.

Ein Zauber ganz eigener Art wartet auf die Kinder beim Triadischen Ballett, einer Idee, die auf den Künstler Oskar Schlemmer zurückgeht und im Jahre 1926 in Stuttgart als Experiment uraufgeführt wurde. Es arbeitet mit der dreifachen Ordnung von Kostümen, Bewegung und Musik – im Mitmachmuseum sind die Kostüme weiße Kreise oder rote Kegel, die man sich überstülpen kann. Ein Mädchen zieht ein Kleid mit roten Reifringen an, dreht sich schnell um die eigene Achse und lässt im Raum eine rote Blüte entstehen.

Etwas frustriert richtet eine Besucherin ihr Tablet auf ein Podest, auf dem nichts zu sehen ist. Doch auf wundersame Weise erscheint plötzlich auf ihrem Bildschirm der schöne Jüngling David von Michelangelo, der sich sogar bewegt.

So treten in der neuen Mitmachausstellung Menschen als Skulpturen oder auch Skulpturen in Menschengestalt auf. Skulpturen wachsen unter den Händen von Kindern aus rohem Holz oder Stein – in der Weserburg können sie eine phantasievolle Reise in die Welt der drei Dimensionen machen und selber schaffend den Gefühlen nachspüren, die entstehen, wenn man Raum erschafft.

Weitere Informationen

Die Mitmachausstellung Skulptour läuft bis zum 3. Februar 2019 in der Weserburg, Teerhof 20, und ist von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr, Sonnabend und Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Personen ab drei Jahren fünf Euro. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm für Kinder und Erwachsene, das sich unter www.kek-kindermuseum.de findet.

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