Der Werdersee

Ein Idyll im Stadtzentrum

Der Werdersee ist das wichtigste Naherholungsgebiet Bremens – und das lohnt sich zu schützen, vor allem vor Lärm und Verschmutzung. Gleich mehrere Initiativen hat der Verein „Dein Werdersee" in den vergangenen Jahren deshalb angestoßen.
28.10.2016, 12:29
Lesedauer: 4 Min
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Von Lisa-Maria Röhling
Ein Idyll im Stadtzentrum

Der Werdersee mit der Vogelinsel ist ein von vielen Bremern genutztes Naherholungsziel.

Mikhail Galian

Biegt man vom Deichschart in den Fußweg, an dem die Kleine Weser in den Werdersee übergeht und folgt diesem für einige Minuten, ist weit und breit nur Natur zu sehen. Ruhe. Das Wetter ist herbstlich diesig, die Sonne schaut ein wenig durch die Wolken hindurch. Bei einem Blick über die linke Schulter ist nur die Spitze der umgedrehten Kommode hinter den Baumwipfeln erkennen, geradeaus sind wenige Häusergiebel in der Ferne zu sehen.

Die Gestaltung des Werdersees gehört zum Werk des Landschafts- und Gartenarchitekten Wilhelm Hübotter. Ab 1953 wurde die Flutrinne der Kleinen Weser vertieft und verlegt, um den Hochwasserschutz zu verbessern und das Weserwehr zu entlasten. „Vom Stadtkern in die Landschaft“ lautete das Schlagwort zur Werderseeanlage und zum parkartigen Ausbau der Umgebung. Noch heute ist der Werdersee das wichtigste Naherholungsgebiet in Bremen. Durch die offenen Flächen unterstützt der See zusätzlich die Durchlüftung des Stadtgebietes. Wenn man zusammen mit Bomhoff am Ufer entlang schlendert, erzählt er mit viel Enthusiasmus vom Werdersee: „Im Roten Kreuz Krankenhaus direkt an der Kleinen Weser wurde ich geboren. Am See habe ich das Schwimmen gelernt, die erste Zigarette geraucht, das erste Mädchen geküsst.“ So versteht man sofort, warum er dieses Gebiet so sehr schützen will.

Ein schützenswertes Gut

Selbst an diesem kühlen Herbsttag spazieren viele Menschen am Ufer entlang. Radfahrer werden für einen kurzen Moment langsamer und lassen den Blick über den See schweifen. „Wenn es jetzt noch ein bisschen nach Kuhmist riechen würde“, sagt Bomhoff und lacht, „denkt man, man sei mitten auf dem Land.“ Landidylle mitten in der Stadt, das zieht viele Menschen an. Im Sommer ist der Werdersee besonders belebt: Die Juliushöhe, gegenüber vom Deichschart, liegt noch bis in die frühen Abendstunden im Sonnenschein, sodass auch der ein oder andere nach Feierabend die laue Luft am See genießen kann. Folgt man dem Weg am nördlichen Ufer, passiert man die Kleingartensiedlung und trifft dann auf den beliebten Badestrand.

Lässt man den hinter sich, taucht im rechten Blickfeld die Vogelinsel auf, vor der die Regattastrecke entlangführt. Am anderen Ufer, direkt hinter dem Weserdeich, steht eine Baumreihe. Die dahinterliegenden Häuser sind jetzt im Herbst wegen der entlaubten Bäume gut zu sehen, im Sommer sind die dortigen Balkone komplett verdeckt. Natürlich finden hier im Sommer auch zahlreiche Veranstaltungen statt. Außerdem ist der Werdersee auch in der Grillsaison und für die Kohlfahrten ein beliebtes Ziel.

Müll, Lärm und Einweggrills

Gerhard Bomhoff ist erster Vorsitzender des Vereins „Dein Werdersee".

Gerhard Bomhoff ist erster Vorsitzender des Vereins „Dein Werdersee".

Foto: Mikhail Galian

Die starke Nutzung des Sees und die entsprechende Lautstärke führe schnell zu einem Konflikt zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen – und zu einem Ungleichgewicht in der Natur. Zum Beispiel wären auf der Vogelinsel in diesem Jahr keine Nester zu sehen gewesen. Und die Enten werden immer wieder mit Brot gefüttert, obwohl zahlreiche Hinweisschilder das untersagen. Die Tiere erhalten genug Nahrung aus ihrem natürlichen Umfeld und lassen das Brot liegen – das wiederum lockt Ratten an, die dann die Küken der Enten fressen. Gar nicht so idyllisch.

Der Spaziergang geht weiter, die Luft ist frisch. Passiert man den Friedhof Huckelriede und läuft auf Habenhausen zu, eröffnet sich zur Rechten eine große Freifläche – direkt neben dem Friedhof Huckelriede, im Norden grenzt sie an den Weserdeich und im Süden an die Habenhauser Landstraße. Hier soll bald die „Gartenstadt Werdersee“ entstehen. Eine attraktive Baufläche. Bomhoff gehört zu der Bürgerinitiative „Grüne Lunge Werdersee“, die sich gegen das Bauvorhaben einsetzt. Die Bebauung dieser Grünfläche sieht er als Gefahr für die Querdurchlüftung der Stadt. „Wir können nicht alle am Wasser wohnen, aber die Wiese können alle nutzen. Ist sie bebaut, dann schauen vielleicht 100 Menschen von Ihren Fenstern auf den See, aber für viele Tausend andere, ist die Wiese und der Blick in die Weite für immer verloren.“ Die Umweltbehörde betont, dass Bremen dringend mehr Wohnraum und entsprechende Bebauungsflächen benötigt. Und wenn nicht am Werdersee gebaut würde, müssten irgendwann wesentlich größere Grünareale außerhalb der Stadt in Betracht gezogen werden. Und das sei noch wesentlich schlechter für die Durchlüftung der Stadt.

Scouts für die anstehenden Kohltouren gesucht

Dass dieser Ort der Ruhe mitten in der Stadt ein schützenswertes Gut ist, da stimmen Bomhoff und die Umweltbehörde allerdings überein. Dazu trägt vor allem die Arbeit des Vereins „Dein Werdersee“ bei. Denn neben den Containern und den festen Grillflächen haben Bomhoff und seine Kollegen zahlreiche weitere Initiativen angestoßen. So sind in der Grillsaison die „Grillscouts“ unterwegs, die Informationen über die Nutzung der Grillflächen, der Container und den ökologischen Umgang mit dem Werdersee verteilen und die Menschen gezielt ansprechen. Doch mit dem Ende der Sommersaison hört die Arbeit des Vereins nicht auf: Bald stehen die Kohlfahrten an. Auch hierfür suchten sie wieder Scouts, sagt Bomhoff, denn auch da wird der Werdersee stark belastet.

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