Integrationslotse Ein langer Weg

George Okoro ist Pastor und arbeitet mit jugendlichen Flüchtlingen. Nach neun Jahren in der Bremer Zionsgemeinde hat der gebürtige Nigerianer endlich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten.
12.07.2018, 20:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sebastian Krüger

Trotz der sommerlichen Temperaturen ist die Luft im Gebetsraum der Zionskirche angenehm kühl. Die Sonne fällt durch die verzierten Buntglasscheiben und wirft ein sanftes Licht auf die roten Backsteinwände.

George Okoro sitzt am Tisch und lächelt zufrieden. Der 57-Jährige besitzt seit Kurzem die deutsche Staatsbürgerschaft. Er hält stets den Augenkontakt, wenn er redet. Dabei wechselt er fließend zwischen Deutsch und Englisch, teilweise in einem Satz. Er ist der Pastor der afrikanischen Gemeinde Living Word Ministries, die sich in der Zionskirche an der Kornstraße trifft. Der pensionierte Pastor Hans-Günter Sanders sitzt neben ihm und hilft aus, wenn ihm mal ein Wort nicht einfällt. Sanders hat Okoro von Anfang an begleitet, seit der gebürtige Nigerianer in Deutschland angekommen ist.

Als Integrationslotsen arbeiten Sanders und Okoro als Tandempartner eng zusammen. "Wir haben unterschiedliche Netzwerke", sagt Sanders. Zu zweit hätten sie einen größeren Effekt auf jugendliche Flüchtlinge. "Ich habe immer gern Jugendarbeit geleistet, aber George kann ganz anders mit denen reden, er kennt deren Probleme besser als ich."

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingszuwanderung vor drei Jahren seien sie direkt in die Unterkünfte gegangen, um den Kontakt herzustellen. Das Ziel sei es stets gewesen, die Jugendlichen dazu zu bewegen, in die Schule zu gehen und eine gute Ausbildung anzustreben. Demnächst planen sie, ältere Menschen und Flüchtlinge zusammenzubringen.

Gemeindearbeit als Hauptjob

"Er ist eine riesige Bereicherung für die Gemeinde", sagt Sanders. Seine Lebenseinstellung jedoch mache es häufig kompliziert: "Er muss ja am Ende des Monats seine Miete bezahlen können." Okoro stimmt ihm zu: "Das Monatsende ist nach wie vor jedes Mal eine schwierige Sache. Aber das ist mir egal." Aufgrund seines Status durfte Okoro nicht auf dem normalen Arbeitsmarkt beschäftigt werden. Geld war dadurch von Anfang an ein Problem für ihn. "Ich habe häufig an allem gezweifelt", erzählt er. "Warum mache ich das? Soll ich wieder zurück nach Nigeria?", habe er sich immer wieder gefragt.

Auch wenn er dafür kein Geld erhalte: Die Gemeindearbeit sei sein Hauptjob. "Ich möchte noch viel in Bremen machen und den Menschen etwas zurückgeben." Sein oberster Grundsatz: "Ich habe den Menschen zu dienen." Seine durchdringenden Augen unterstreichen jeden Satz. Okoro strahlt Leidenschaft und Glaubwürdigkeit aus.

Er mag die Strukturen in Deutschland, sagt er – in seinem Geburtsland Nigeria gebe es praktisch keine. "Hier gibt es das Grundgesetz und eine Ordnung, an die sich alle halten. In Afrika bin ich jahrzehntelang ohne Führerschein Auto gefahren", erzählt er. Dort interessiere sich niemand für Papiere. Deutsche würden sich seiner Meinung nach zu häufig beschweren, dass alles kompliziert und anstrengend sei. "Aber das ist es nicht", findet er. Hier seien alle Menschen registriert. In Nigeria hingegen gebe es keine Datenbank, die erfasst, wie viele Menschen jeden Tag geboren werden oder sterben. "Es stimmt, viele hier beschweren sich über Bürokratie. Aber George gefällt es", sagt Sanders.

Okoro ist am 8. Mai 2009 in Deutschland angekommen. Zuvor hatte er in Togo Kirchenarbeit geleistet. Seine Gemeinde in Nigeria hat Kontakt zur Bremer Zionskirche. Eigentlich sollte er als Missionar nach Deutschland kommen, hat dafür aber kein Visum bekommen. "Es ist schon lustig. Heute sind es afrikanische Missionare, die nach Deutschland kommen", sagt Sanders. Okoros Frau, Oyediya George-Okoro, hatte zu dem Zeitpunkt ein Studentenvisum in Kassel. Als Ehemann konnte er mit einem Besuchervisum einreisen. Sein Aufenthalt war allerdings auf drei Monate begrenzt. Sie haben im hessischen Witzenhausen gelebt. Er musste immer nach Bremen reisen, um in der afrikanischen Gemeinde zu arbeiten.

Mehrfach habe er seinen Aufenthalt um jeweils sechs Monate verlängern lassen und in ständiger Ungewissheit gelebt. Die Okoros zogen nach Woltmershausen und waren der Gemeinde endlich nahe. Zwei Jahre nach seiner Ankunft hat die Kirche eine Anstellung für ihn geschaffen, um ihn hierzubehalten. Dazu musste die Gemeinde einen Verein gründen. Sanders ist nach wie vor der Vorsitzende. Das hat mit den engen Bestimmungen zu tun: Mit Okoros damaligem Status habe Sanders ihm nur eine Anstellung geben können, die sonst niemand anderes in Deutschland hätte ausüben können – als Pastor der afrikanischen Gemeinde in Bremen.

In völlig anderen Verhältnissen

"Als Pastor genieße ich eine wunderbare Bezahlung mit Beamtenstatus", sagt Sanders. Okoro ist auch Pastor, aber lebe in völlig anderen Verhältnissen. "Deshalb habe ich immer versucht, ihm zu helfen." Außerdem habe Okoro ihm häufig seelsorgerisch zur Seite gestanden, erzählt Sanders über seinen Freund. "Ich bin ihm sehr dankbar für Wegweisungen an dunklen Punkten in meinem Leben."

Im November vergangenen Jahres hat Okoro dann eine dauerhafte Staatsbürgerschaft beantragt. Dazu hat er einen Einbürgerungstest sowie einen Sprachtest auf dem Niveau B 1 bestanden. An den 17. Juni erinnert er sich noch sehr genau: Er bekam er Post. In einem Brief stand es schwarz auf weiß – George Okoro ist ab sofort deutscher Staatsbürger. Er habe es nicht fassen können und sich gefragt, ob das wirklich stimmen könnte. "Ich war wie auf Wolke sieben", erzählt er und lächelt breit. Er habe sofort seiner Frau die frohe Botschaft überbringen wollen, aber die war gerade im Flugzeug nach Togo, wo sie mit Straßenkindern arbeitet.

Also habe Okoro den nächsten Menschen angerufen, mit dem er dieses Erlebnis teilen möchte: seinen Freund und Unterstützer Sanders – "Bruder" nennt er ihn liebevoll. "Jetzt ist er frei auf dem Arbeitsmarkt und kann normal Geld verdienen", sagt Sanders. Als Okoro endlich zu Oyediya durchgedrungen ist, habe auch sie sich riesig gefreut. "Unsere Reaktion auf positive Dinge ist immer die gleiche: Preiset den Herrn!"

Kurz darauf konnte er seinen Ausweis in den Händen halten. Dieser Tag bedeute ihm besonders viel – sein Erfolg sei dann greifbar gewesen. Niemand könne ihm wieder nehmen, was er erreicht hat. "Bremen ist jetzt meine neue Heimat", sagt er stolz. Nun habe er wieder mehr Zeit für die Menschen. Er ist sich sicher: Er werde nie wieder daran denken, nach Afrika zurückzukehren. "Es war ein harter, langer Kampf. Aber jetzt bin ich frei und habe keine Angst mehr."

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