Schulzentrum nutzt leere Wohnung

Eine Insel im Schulalltag

Günstige vier Zimmer mit Küche und Bad in der Bremer Neustadt: Das ist keine Wohnungsanzeige, sondern die Beschreibung der Räume, in denen die Schüler des Schulzentrums Neustadt künftig Rat und Hilfe finden.
29.06.2019, 07:23
Lesedauer: 3 Min
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Von Karin Mörtel

Die Fäuste sind in der Familie mal wieder geflogen, der Prüfungsstress ist nicht mehr auszuhalten, die Flüchtlingsunterkunft ist zu laut für Hausaufgaben oder die Bewerbungsunterlagen brauchen noch den letzten Schliff: Die Probleme sind vielfältig, die die Schulsozialarbeiter des Schulzentrums Neustadt zu hören bekommen. Künftig müssen die Schüler ihre teils sehr persönlichen Anliegen nicht mehr auf dem Flur oder im unruhigen Vorraum eines Klassenzimmers besprechen. Sondern sie steuern einfach die ehemalige Hausmeisterwohnung auf dem Schulhof an, die kürzlich als neuer Rückzugsort unter dem Namen „Insel“ für die Schüler eröffnet worden ist.

Dorthin sind auch die Schulsozialarbeiter Jens Fleigl und Claudia May mit ihren Büros umgezogen. Außerdem haben dort auch die Sozialarbeitsstudentin Sevtap Durgun, sowie Ulrike Kramer, die ihr Anerkennungsjahr an der Schule verbringt, ihren Arbeitsplatz. „Wir sind jetzt alle an einem Ort ansprechbar, das senkt die Hemmschwelle der Schüler sehr, zu uns zu kommen“, hat May beobachtet. Der Standort außerhalb der drei großen Schulgebäude sei dafür sehr wichtig. Eine Insel der Ruhe und Entspannung eben, außerhalb von Notendruck und Schulalltag.

Die Psychologin kümmert sich hauptsächlich um die psychosozialen Probleme der Schüler. „Viele haben traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit erfahren oder empfinden den Familienalltag als belastend“, berichtet May über Themen, die an sie herangetragen werden. Sie hört zu, tröstet und sucht Lösungsansätze. Manchmal begleitet sie die Hilfesuchenden auch, bis sie einen Therapieplatz gefunden haben.

Jens Fleigl übernimmt die Fragen zur Berufsorientierung und versetzt die Schüler dazu in die Lage, ihren Berufswunsch zu formulieren und ihre Bewerbung angemessen vorzubereiten. „Denn auch wenn hier viele Berufsschüler sind, sind trotzdem viele unsicher über ihre Möglichkeiten und Wünsche, was in ihrem Arbeitsleben machen wollen“, sagt Fleigl.

1100 Schüler lernen an der Delmestraße in 15 verschiedenen Bildungsgängen. Längst nicht alle von ihnen suchen Kontakt zu den Sozialarbeitern, aber der Bedarf steigt offenbar. „Insbesondere bei den Schülern mit Fluchterfahrung ist der Unterstützungsbedarf sehr groß“, berichtet Fleigl. Außerdem helfen die Fachkräfte bei finanziellen Fragen wie Bafög-Anträgen oder beraten auch die Lehrer zu Problemlösungen, wenn es um Konflikte mit Schülern geht.

Die Beratungsangebote sind für viele Schüler wichtig, damit ihre persönlichen Probleme nicht übermäßig ihren Erfolg in der Schule gefährden. Doch es gibt in der „Insel“ auch Lösungen für Probleme ganz praktischer Art, die vielen Schülern den Alltag erleichtern. Im ehemaligen Wohnzimmer des Hausmeisters stehen Sofas zum Entspannen und Teetrinken, Tische zum gemeinsamen Lernen in ruhiger Atmosphäre, aber auch mehrere PC-Arbeitsplätze mit Drucker und Kopierer. „Unser Schülerbüro wird schon eifrig benutzt“, sagt Fleigl und zeigt stolz die neue Technik.

Viele seiner Schützlinge haben keinen Internetanschluss oder einen eigenen Laptop zu Hause. Aber auch der Drucker und Kopierer sind in der „Insel“ heiß begehrt. „Das Schöne ist, dass die Schüler uns jetzt nicht mehr fragen müssen, ob wir beispielsweise gemeinsam die Bewerbung an meinem Computer schreiben. Sie können das hier weitgehend selbstständig machen und lernen dabei, dass sie mehr können, als sie sich anfangs vielleicht zugetraut hätten“, erklärt der Schulsozialarbeiter.

Perspektivisch ist auch ein Projekt geplant, bei dem die jungen Erwachsenen ihren Mitschülern bei Hausaufgaben helfen. „Aber nicht das Programm steht im Vordergrund, sondern das Selbstverständnis, dass hier die Tür offen steht, durch die jeder kommen kann, der mag“, sagt Fleigl.

„Für unsere Schule ist es toll, dass wir nun einen geschützten Raum haben, wo wir Lehrer die Schüler hinschicken und die Schüler auch von sich aus Hilfe suchen können“, zeigt sich Schulleiterin Judith Mahlmann begeistert von der umgewandelten Wohnung. Sie sei der Schulaufsicht dankbar, „dass sie den Bedarf gesehen und möglich gemacht hat, den Leerstand zu nutzen“, so die Schulleiterin.

Einfach ist es wohl nicht gewesen, die „Insel“ in die Hausmeisterwohnung zu bekommen, lassen die Schulsozialarbeiter durchblicken. „Da mussten wir richtig dicke Bretter bohren und viele Rückschläge hinnehmen“, sagt May. Auch an anderen Schulen im Stadtteil wie der Grundschule Oderstraße oder der Wilhelm-Kaisen-Oberschule ist in der Vergangenheit zu hören gewesen, dass die eigentlich naheliegende Idee, leere Hausmeisterwohnungen für schulnahe soziale Angebote zu nutzen, mit unerwartet hohen Hürden verbunden gewesen ist.

Doch am Schulzentrum Neustadt zeigen sich die Schulsozialarbeiter einhellig davon überzeugt: „Es hat sich absolut gelohnt, hartnäckig zu bleiben, und wir können das nur empfehlen.“

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