Parking Day

Eine Spur weniger für die Autos

Beim Parking Day hat sich die Friedrich-Ebert-Straße am Freitag in einen Raum für alle Verkehrsteilnehmer verwandelt. Die Autos mussten ausnahmsweise mit einer Spur weniger auskommen.
22.09.2019, 14:42
Lesedauer: 3 Min
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Von Kim Böß
Eine Spur weniger für die Autos

Beim Parking Day zeigte sich, wie die Friedrich-Ebert-Straße auch genutzt werden kann – als eine Verkehrsader, die nicht nur den Autos freie Fahrt beschert.

Karsten Klama

Die Sonne scheint, Kinder malen mit Kreide auf dem Boden und um sie herum sitzen Menschen mit einem Kaffee in der Hand und essen Kuchen. Auf dem Boden liegt ein „Zebrastreifen“ aus Stoff quer über Fuß- und Radweg, darüber hängt eine Leine mit Pappfüßen auf denen Sprüche stehen und auf dem Boden sind Fahrräder und Füße in bunten Farben gesprayt. Und das alles mitten auf der Friedrich-Ebert-Straße in der Neustadt. Die Menschen tummeln sich auf dem Fußweg, dem Radweg und auf den Parkplätzen zur Straße hin. Die Fahrradfahrer weichen auf eine Spur der Straße aus, die für Autos gesperrt ist, während die Fußgänger bequem Platz haben, zwischen den Ständen hindurchzugehen.

Am Freitag war internationaler Parking Day. Seit 2005 findet der Parking Day an jedem dritten Freitag des September statt. Aktivisten für den Fuß- und Radverkehr wandeln die Parkplätze in vielen Großstädten in Cafés, Grünflächen oder Fahrradabstellflächen um. Bisher wurde diese Aktion in Bremen nur punktuell und häufig privat durchgeführt, aber in diesem Jahr haben die Organisatoren sich etwas Größeres ausgedacht als einzelne Parkplätze mit Stühlen oder Fahrradstellplätzen zu versehen. In den Jahren zuvor gab es immer nur kleine Aktionen, häufig von Privatpersonen, erzählt auch Lisa Tschink vom BUND. In diesem Jahr wird der Tag vom Verein autofreier Stadtraum Bremen organisiert, gemeinsam mit vielen anderen Organisationen wie dem BUND, dem ADFC und dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) wurden drei Stunden lang Parkflächen alternativ genutzt.

„Wir haben alle unterschiedliche Blickwinkel, aber ein gemeinsames Ziel“, sagt Malte Halim vom VCD. Als weiteres gutes Beispiel für die Arbeit an einer Stadt, die menschen- statt autofreundlich sein soll, nennt er das neue Fahrradmodellquartier in der Neustadt. Auch hier arbeiten unterschiedliche Bündnisse zusammen, die Hochschule Bremen hebt er bei dem Projekt besonders hervor. Viele der Forderungen des Parking Days würden dort schon aufgegriffen.

Manifest zur Förderung des Fußverkehrs

2017 haben der VCD, der ADFC, der Fachverband für Fußverkehr und der BUND außerdem das Bremer Bündnis für eine Verkehrswende gegründet. Darin formulieren sie gemeinsame Ziele und Maßnahmen, die das Autofahren unattraktiver und den Fuß- und Radverkehr attraktiver gestalten wollen. Innerhalb der nächsten vierzehn Tage soll dazu eine Broschüre herausgebracht werden, von der am Parking Day schon die Titelblätter verteilt wurden. Zudem wurde ein „Geht-doch-Manifest“ verfasst, das die Förderung des Fußverkehrs zum Thema hat.

Die gesamte Parkfläche auf der Friedrich-Ebert-Straße bis zur Hausnummer 63 soll zeigen, wie die Stadt aussehen könnte, wenn Parkfläche anderweitig genutzt werden würde. Im Rahmen der europäischen Mobilitätswoche bildet der Parking Day einen Höhepunkt. Die Aktivisten möchten „Aufmerksamkeit erregen“ und „zum Nachdenken“ anregen, sagt Malte Halim. Die Reaktionen auf ihre Aktion seien mehrheitlich positiv, auch in der Politik würden sie mit dem Thema inzwischen „offene Türen einrennen“. Politisch passiere jetzt endlich etwas, der Koalitionsvertrag der neuen rot-grün-roten Regierung würde schon einige ihrer Forderungen aufnehmen, so Halim.

Auch Angelika Schlansky vom Fachverband Fußverkehr Deutschland hat das Gefühl, die neue Regierung würde ihre Forderungen ernst nehmen. Ihr Verband ist in Deutschland die einzige Lobby für den Fußverkehr. Schlansky sagt, die Prioritäten hätten bisher viel zu stark auf den Autos gelegen. Da der Fuß- und Fahrradverkehr „ins Hintertreffen“ geraten seien, möchte Schlanky, dass die „Leute angeregt werden über das Verkehrsgeschehen nachzudenken“. Mit der Aktion wollen die Organisatoren einen Erkenntnisprozess anstoßen. Die Menschen sollen sehen, dass „öffentlicher Raum noch für anderes da ist als nur für Parken“. Denn mit einer alternativen Nutzung des Raums könne die Aufenthaltsqualität erheblich gesteigert werden.

Sitzplätze nach draußen verlegt

Viele Anwohner scheinen den neu gewonnenen Raum zu genießen, Cafés haben ihre Sitzplätze nach draußen verlegt, die Auslagen wurden vor die Tür erweitert, ein Kiosk schenkt vor der Tür Kaffee aus und eine Friseurin aus der Straße hat einen Sektausschank angekündigt. Ebenfalls angekündigt hat sich ein Schauspieler der nahegelegenen Shakespeare Company, der kurze Texte vortragen möchte. Vor einem Hauseingang baut „Three Below“ ihre Instrumente auf, eine junge Band aus Anwohnern. Nach und nach finden sich immer mehr Menschen auf der Straße ein, haben Essen und Trinken mitgebracht und sitzen gemütlich beisammen, dazu kommen die letzten Klimaaktivisten von der Fridays-for-Future-Demonstration, die ihre Schilder in die Höhe halten oder sich auf ihren Stoffbannern dazu setzen. Um Klimaschutz, Platzfragen und Barrierefreiheit für alle Bürger geht es den Aktivisten heute vor allem, mit ihrer „freundlichen Aktion“, wie Köhler-Naumann sie bezeichnet, wollen sie vor allem Aufmerksamkeit erregen und ihr Thema einer menschenfreundlichen Stadt bei ihren Mitmenschen in Erinnerung rufen.

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