Bremer Lidice-Haus Eine tschechische Tragödie

In einer Ausstellung erinnert das Lidice-Haus daran, wie das Dorf Lidice 1942 dem Erdboden gleichgemacht wurde und 340 Menschen umgebracht wurden.
26.05.2018, 18:06
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Von Jörn Hildebrandt

Eine riesige Explosionswolke liegt über der Landschaft, ein Dorf wird in Schutt und Asche verwandelt. Dieses Foto aus dem Jahre 1942 hält den Moment der Vernichtung einer ganzen Siedlung fest, der die Auslöschung seiner Bewohner vorausgegangen war – Lidice ist bis heute ein Symbol des Schreckens der deutschen Nazi-Herrschaft.

Denn Lidice war nur eine von tausenden von Dörfern und Städten, die zu Zeiten der deutschen Okkupation in ganz Europa vernichtet wurden: Auch in Lettland, Norwegen, der Ukraine, aber auch in Griechenland, den Niederlanden oder der Slowakei reichte manchmal der Aufenthalt weniger Widerstandskämpfer im Ort, um alle Männer hinzurichten und Frauen und Kinder ins KZ zu schicken. Im Lidice-Haus auf dem Stadtwerder wird mit einer aktuellen Ausstellung der grausamen Tat von Lidice gedacht. Das Foto mit der Explosionswolke nimmt die erste von sieben Tafeln ein, die in Texten und Bildern die Geschichte des Ortes nachzeichnen, die Tafeln zeigen Bilder der Vernichtung, aber auch der anschließenden Erinnerungskultur.

340 Menschen ermordet

Lidice war ein Dorf in Tschechien wie viele andere auch, mit mehreren Bauernhöfen, einer Mühle, aus der das Mehl fürs Brot kam, drei Lebensmittelgeschäften und drei Gaststätten, beim Metzger kaufte man Fleisch und Wurst, der Schmied beschlug die Pferde mit Hufen, ein Friseur schnitt die Haare, und es gab auch einen Heimatverein mit einer Bücherei, sowie eine Feuerwehr, einen Fußball- und Eishockeyverein und sogar ein kleines Amateurtheater. Das alles wurde ausgelöscht: Am 10. Juni 1942 wurden insgesamt 340 Männer, Frauen und Kinder von den deutschen Nazis ermordet und anschließend die gesamte Siedlung zerstört. Vorausgegangen war die Besetzung Tschechiens durch das nationalsozialistische Deutschland im Jahre 1939, wobei die Bevölkerung teils heftigen Widerstand leistete. Denn Tschechien wurde praktisch zu einer deutschen Kolonie degradiert.

Im Mai 1942 wurde Reinhard Heydrich zum Reichsprotektor Böhmen und Mähren ernannt und fiel durch seine besondere Brutalität auf, mit der er gegen die Bevölkerung vorging. Zwei tschechische Fallschirmspringer verübten gegen ihn ein Attentat in Prag, das er nicht überlebte. Angeblich führte die Spur der Mörder nach Lidice. Adolf Hitler selbst befahl, an den Dorfbewohnern ein Exempel zu statuieren. Er ordnete an, alle männlichen Einwohner zu erschießen, alle Frauen in ein Konzentrationslager zu überführen und die Kinder zu sammeln und an SS-Familien ins Reich zu geben, sofern sie „eindeutschungsfähig“ waren. Der Plan wurde radikal und konsequent umgesetzt, das Dorf niedergebrannt, als hätte es den Ort nie gegeben. Im Nachhinein ergab sich keinerlei Bestätigung des Verdachts, dass die Bewohner von Lidice etwas mit dem Attentat zu tun hatten.

Mit der grausamen Tat wollten die Nazis ein Warnzeichen setzen, doch sie war eher ein Signal, sich gegen die NS-Unterdrückung zu vereinen. Besonders in Lateinamerika waren die Reaktionen auf das Verbrechen heftig, zahlreiche Plätze, Straßen, Parks und ganze Städte sind nach Lidice benannt.

Wenige Wochen nach der Befreiung von Hitlerdeutschland beschloss die tschechoslowakische Regierung, das Dorf Lidice neu aufzubauen, woran sich viele Jugendliche auch aus anderen Ländern der Welt beteiligten. Die große Gedenkstätte im Tal von Lidice wurde mit Rosenstöcken aus 25 Ländern bepflanzt, und in den Jahren 2001 bis 2007 wurde die Gedenkstätte rundum erneuert, zum Beispiel der Waldpark aufgeräumt oder barrierefreie Zugänge geschaffen, und auch der alte Rosengarten wurde mit 24 000 Rosen rekonstruiert.

„Die Wanderausstellung ist direkt in Lidice, entstanden“, sagt Olan Scott Pinto vom Lidice Haus auf dem Stadtwerder, „doch weil Bremen eine besondere Beziehung zu dem Ort hat, kommt sie als erstes hierher. Und schließlich haben Bremer die Gedenkstätte in Lidice mit aufgebaut.“ Aktuell sind vier Modelle für ein Denkmal im Entwurf zu sehen, das Jugendliche aus dem Bremer Lidice-Haus kreiert haben. Sie zeigen eine Geschichtswerkstatt in einem Bürocontainer, einen Stein in Form eines Briefes und auch eine Person, die traurig und hilflos auf einer Bank sitzt sowie die Idee, in einem Raum des Lidice Hauses in Bremen den Grundriss des Dorfes durch Klebebänder zu symbolisieren: Die auf dem Fußboden verlaufenden Linien machen bewusst, dass von einem ganzen Ort nichts als ein leerer Platz übrigblieb. „Besucher können über die vier Modelle abstimmen, und die Idee, die am meisten Zustimmung erfährt, wird anschließend in unserem Haus auf dem Bremer Stadtwerder realisiert werden“, sagt Olan Scott Pinto.

Weitere Informationen

Die Wanderausstellung „Tragödie von Lidice“ ist bis zum 15. August in der Jugendbildungsstätte Lidice-Haus, Weg zum Krähenberg 33 a, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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