Verkehrssicherheit in Bremen

„Es müssen mehr Radwege her“

Radfahren macht Spaß, ist gesund und auch noch gut für die Umwelt. Aber diese Argumente reichen bei weitem nicht, um mehr Menschen davon zu überzeugen, dem Auto abzuschwören, findet Katja Leyendecker.
18.01.2019, 18:59
Lesedauer: 3 Min
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Von Emma Gasster
„Es müssen mehr Radwege her“

Nur farblich abgegrenzte Schutzstreifen, wie sie der ADFC hier am Buntentorsteinweg in einer Aktion aufgemalt hat, hält die Fahrradaktivistin und Ingenieurin Katja Leyendecker für nicht ausreichend, um das Radeln attraktiver zu machen.

Roland Scheitz

„Wir sehen wirklich eine Zerstückelung der Gesellschaft. Das Individuelle steht dem Kommunalen gegenüber, insbesondere, wenn wir uns Verkehrssicherheitsthemen angucken“, sagt Katja Leyendecker bestimmt. Wie zur Untermalung ihrer Worte haut ein Baby, dass mit seinen Eltern im Publikum sitzt, dreimal hörbar auf den hölzernen Bühnenrand. Unbeirrt führt Leyendecker fort, im Straßenverkehr gelte generell das Credo: „Jeder passt auf sich selbst auf“, aber so gehe das nicht mehr weiter. Die Diplom-Ingenieurin hat am vergangenen Mittwoch im Café Karton ihre Dissertation vorgestellt, und scharfe Kritik parat gehabt für Verkehrspolitiker, Planer und sogar einige Radfahr-Aktivisten.

Forschung in Bremen und Newcastle

Aus den Lautsprechern im Café Karton klingt leise Reggae-Musik. Im Raum verteilt stehen Sofas, Stühle und große Wohnzimmersessel. Das Publikum ist klein, aber kompetent: Wissenschaftler von der Universität Bremen sind da, Vertreter vom Bremer ADFC, Gründer von Bürgerinitiativen und Mitglieder der Geographischen Gesellschaft Bremen, die Veranstalter ist. Vor manchen steht ein volles Bierglas, andere trinken Bio-Limonade. Alles im Karton deutet darauf hin, dass dies eine andere Art von wissenschaftlicher Vortrag werden wird.

Katja Leyendecker

Katja Leyendecker

Foto: Wuppermann

Leyendecker ist Diplom-Ingenieurin. Sie arbeitet und forscht für ihre Dissertation in Newcastle, an der Northumbria University. Das Thema lautet: „Mobilität, Politik und Aktivismus, Die Rolle von Gender in Radwege-Kampagnen in Bremen und Newcastle, UK.“ Sie vergleicht darin die Radwege der beiden Städte und untersucht, warum Radwege-Aktivistinnen mit ihren Belangen nicht vorankommen.

Die 45-jährige zählt sich selbst auch zur Gruppe der Radwege-Aktivistinnen hinzu. Durch ihren Vortrag zieht sich ein klarer roter Faden: Nur zu propagieren, wie toll das Fahrrad doch ist, reicht nicht, um Menschen von dem Verkehrsmittel zu überzeugen. „Wir wollen uns über den öffentlichen Raum unterhalten, wir wollen wissen, wie wir ihn besser und fairer gestalten können, sodass mehr Menschen zu Fuß und mit dem Rad unterwegs sind.“

Sie ist aus einem ganz bestimmten Grund auf dieses Thema gestoßen: „In Newcastle gibt es keine Radwege.“ Das sei auch der Grund für die sehr niedrige Quote von Radfahrern in der Stadt. „Radwege sind ungeheuer wichtig. Das sage ich auch aus Erfahrung: Bei 50 km/h auf der Straße mit dem Rad mitzumischen macht wirklich keinen Spaß,“ sagt Leyendecker.

Im Vergleich zu Newcastle ist Bremen eine wahrhaftige Fahrradstadt: Statt nur einem Prozent beträgt der Anteil von Radfahrern am Gesamtverkehr in der Hansestadt etwa 25. Trotzdem wollte sie die beiden Städte vergleichen, weil sie bereits Aktivistinnen in Bremen kannte und auch weil die Zahlen in ganz Deutschland seit Jahren stagnieren würden. Also interviewte sie Aktivistinnen, führte ein Videotagebuch, analysierte die Verkehrsleitlinien der Städte und befragte auch Verkehrsplaner und -politiker zu dem Thema.

Straßen sind für Pendler ausgelegt

Ihr Ergebnis dazu, warum Aktivistinnen schwer vorankommen, ist für beide Städte ernüchternd: „Unsere Straßen werden technisch für die Pendlerwege gestaltet, selbst wenn 80 Prozent der Wege anders zurückgelegt werden“, sagt sie. Die meisten Fahrten seien nämlich nicht zur Arbeit hin- und dann wieder zurück, sondern vielmehr Versorgungswege. Damit meint Leyendecker die Fahrt zum Supermarkt, zur Schule, zu den Großeltern und zu Freunden.

Hier kommt der Aspekt Gender ins Spiel, denn diese Aufgaben werden in Großbritannien wie in Deutschland auch, hauptsächlich von Frauen übernommen. Für ihre Wege plane aber die Stadt keinen öffentlichen Raum ein. Das läge zum einen an den Technikern, also den Verkehrsplanern, schlussfolgert Leyendecker, weil sie auf Anstöße der Politik warteten. Zum anderen bei den Verkehrspolitikern, die sich hauptsächlich auf die Pendler konzentrieren würden, und nicht bereit wären, für den Radverkehr etwa Parkplätze zu opfern.

Zum Ende ihres Vortrages hin gab Leyendecker noch einmal klare Empfehlungen ab. Wenn man mehr Menschen zum Radfahren bewegen möchte, müssten mehr Radwege her, und zwar solche, die vom Autoverkehr getrennt sind. Auf dem Bordstein, oder mit andere räumlicher Trennung, nur eine farbliche Abgrenzung reichten ihr nicht.

Radwege am besten räumlich trennen

Ob sie mit ihren Schlussfolgerungen letztendlich richtigliegt, ist umstritten. Der Bremer ADFC beispielsweise ist mit dem von Leyendecker interviewten Bremer Verkehrspolitiker auf einer Wellenlänge und in den letzten Jahren stark für das Radfahren auf der Fahrbahn aufgetreten. Auch die Gründe hinter dieser Ansicht lassen sich nachvollziehen: der Radfahrer bleibt dem Autofahrer präsent und geht nicht hinter Büschen und parkenden Fahrzeugen unter, die Baukosten sind geringer, es gibt keine Konflikte zwischen Fußgängern und dem Radverkehr. Auch seien Kreuzungen und Einmündungen so für den Radler viel sicherer zu navigieren.

„Man muss einfach gucken, was wo geht“, sagt Sven Eckert, der Geschäftsführer des Bremer ADFC. Grundsätzlich seien die geschützten Fahrstreifen toll, die auch Leyendecker präferiert, nur auf den schmalen Bremer Straßen eben nicht immer realisierbar. Wenn aber die Wahl besteht zwischen Radfahren auf dem Bordsteinradweg, neben den Fußgängern, und einem farblich abgegrenzten Weg auf der Fahrbahn, plädiert Eckert für Letzteres.

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