Präzise Malerei

Bilder bergen Geheimnisse

Sybille Hentschel präsentiert in der Galerie Brandt Credo „Illusionen und Träume“. Die Stimmung wirkt durchweg meditativ.
15.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Bilder bergen Geheimnisse

Sybille Hentschel vor einem ihrer großformatigen Ölbilder, die sie unter dem Titel "Illusionen und Träume" ausstellt.

Roland Scheitz

Trotz seiner relativ kleinen Galerieräume lässt Jürgen Brandt wieder Besucher ein – allerdings immer nur wenige zur gleichen Zeit und unter Beachtung der Hygieneauflagen. Er sagt: „Seit sieben Monaten haben wir coronabedingt keine Ausstellung mehr gemacht.“

Jürgen Brandts Neustart beginnt mit der Künstlerin Sybille Hentschel, die bereits in der Galerie Brandt Credo vertreten war. Sie zeigt neuere großformatige Arbeiten unter dem Titel „Illusionen und Träume“.

Auf fast allen ihrer Bilder sind junge Frauen in Rückenansichten zu sehen, mit oft monochromen Hintergründen, vor denen einzelne Dinge auftauchen: ein startendes Flugzeug, ein Cello, ein wehender Hut oder auch eine antike Figur. Und einmal sitzt Sybille Hentschel auch selbst meditierend auf einer Bank: „Da hat mich mein Mann aufgenommen, doch ich habe das Foto stark verfremdet“, sagt sie.

Die Gegenstände stehen in einer geheimen Beziehung zu den Menschen im Vordergrund und lassen das freie Spiel der Phantasie zu, sie könnten Sinnbilder für Wünsche und Träume sein, die auch im Betrachter anklingen. Die Bilder mit Menschen, die in ihre eigenen Betrachtungen und Gedanken versunken sind – bei steter Präsenz einzelner Dinge - strahlen Ruhe aus und laden zum längeren Verweilen vor jedem Werk ein. Denn die Stimmung ist durchweg meditativ und wirkt nicht, wenn der Besucher sie nur kurz und flüchtig betrachtet.

Schauen, was passiert

„Ich flaniere durch die Stadt und gucke, was dort passiert“, sagt Sybille Hentschel, „ich mache Fotos, und zuhause treffe ich eine Auswahl. Mit geschlossenen Augen entstehen dann Vorstellungen, die ich in das Bild umsetze.“ Da sie bei ihren neuen Bildern mit Ölfarben gearbeitet hat, ist der Entstehungsprozess der Gemälde langwierig: „Etwa einen Monat arbeite ich an einem Werk, denn erst wenn die Farben durchgetrocknet sind, kann ich die nächste Schicht auftragen, um zum Beispiel helle Lichter auf die Kleidung zu setzen“, sagt sie. So arbeitet sie sich vom Dunkel allmählich ins Helle, gibt äußerst differenziert das Spiel von Licht und Schatten in den Falten einer Jacke oder im blonden Haar einer jungen Frau wieder. „Besonders geeignet ist das grelle Licht, das plötzlich hinter den Wolken hervorschießt“, sagt Sybille Hentschel, „dann zeigt sich das intensive Weiß der Reflexionen, die ich festzuhalten versuche.“ Mit größter Aufmerksamkeit und Sorgfalt hat sie diese zum Beispiel in der Kleidung studiert.

SUD Neustadt Galerie Brandt Credo Ausstellung Sybille Hentschel

Gegenstände stehen in einer geheimen Beziehung zu den jungen Frauen, deren Gesichter verborgen bleiben.

Foto: Roland Scheitz

Sybille Hentschel, 1956 in Friedland geboren, hat ihr Handwerk an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee gelernt, wo sie im Jahre 1980 ihr Studium als Modedesignerin abschloss. Doch ihr Interesse galt neben dem Design immer auch der Malerei, der sie sich seit dem Jahr 2000 ganz widmet, obwohl sie auch vorher schon gemalt hat. Seit 2008 hat sie einzeln oder in Gruppen in Deutschland und international ausgestellt und dabei viel Beachtung gefunden.

Bei der präzisen, nahezu fotorealistischen Art zu malen, die höchstes technisches Können erfordert, arbeitet sie auch die Strukturen von Dingen und Menschen genau heraus: das schimmernde Holz eines Cellos ebenso wie den glänzenden Stoff von Jacken. Doch bei aller Genauigkeit haben ihre Bilder dennoch etwas Traumartiges, das den Betrachter in eine andere, stillere Welt entführt. Denn das technische Können soll nicht vorrangig abbilden, sondern eine Atmosphäre aufbauen, die voller Geheimnis und Rätselhaftigkeit steckt, wie Galerist Jürgen Brandt sagt.

Mit den Menschen, in Rückenansicht dargestellt, sind Anklänge an die Bilder von Caspar David Friedrich unverkennbar. Doch statt Nebelmeeren in Gebirgen, Eisschollen oder Kirchenruinen zeigt Sybille Hentschel moderne Menschen in der Stadt in Betrachtung einzelner Objekte, denen ihre ganze Aufmerksamkeit gilt. Indem die Figuren nicht ihre Gesichter präsentieren, sondern von hinten dargestellt sind, ziehen sie den Betrachter auf magische Weise ins Bild hinein. Außer mit Caspar David Friedrich hat sich Sybille Hentschel schon an der Hochschule in Ostberlin intensiv mit Rembrandt beschäftigt und war von seiner Lichtführung fasziniert – was man ihren Gemälden mit den subtilen Licht-Schatten-Effekten durchaus ansieht.

Doch nicht alle Bilder in der Ausstellung zeigen Menschen: In dem Werk „Zeit“ schwebt, schlängelt und dreht sich ein Band vor einer Lichtquelle, und weil das Band weder Anfang noch Ende hat, entsteht der Eindruck von Endlosigkeit – eine Illusion, die gut zu den traumhaften Atmosphären passt, die von den anderen Bildern ausgeht.

Weitere Informationen

Die Arbeiten der Ausstellung „Illusionen und Träume“ von Sybille Hentschel können bis Sonntag, 20. Dezember, im Atelier Brandt Credo, Meyerstraße 145, jeweils sonntags von 16 bis 18 Uhr besichtigt werden. Individuelle Besichtigungstermine sind nach Absprache unter Telefon 55 84 55 jederzeit möglich. Der Eintritt ist frei.

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