Garteninitiative verschönert Leibnizplatz

Ein Hotel für Insekten

Viele Ritzen, Röhren und Spalten gefüllt mit Naturmaterialien, laden alles was kreucht und fleucht zum Verweilen ein. Mit ihrem Insektenhotel will eine Garteninitiative Raum für Natur in der Stadt schaffen.
10.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gerald Weßel
Ein Hotel für Insekten

Stadtteil-Gärtner bei der Arbeit: Michael Berthold (l.), Dorit Koc und Silke Berthold.

Roland Scheitz

Eine Garteninitiative von Ehrenamtlichen baut am Leibnizplatz bei den Rosenbeeten ein Insektenhotel. Die Handgriffe sitzen, niemand muss lange überlegen, was er oder sie zu tun hat. Die Blume wird in das gegrabene Loch im lockeren Mutterboden gesetzt, die Wurzeln oberflächlich mit Erde bedeckt, während von weiter unten dumpfes Klopfen die bereits gesetzten Nachbarpflanzen zum Wackeln bringt. Der Holzklotz ist bockig, er will trotz regen Bemühens von Silke Berthold nicht so recht in die Lücke in der Palette. Beim zweiten Versuch klappt es dann doch. Der Klotz knirscht in das für ihn reservierte Fach. Angelika Timmermann hilft ihrem zweieinhalbjährigen Enkel Amelian währenddessen, die neue Heimstätte für die Kleinsten auszustaffieren. Einiges bleibt noch zu tun, aber das neue Insektenhotel bei den Rosenbeeten zwischen dem Theater und der Schule am Leibnizplatz nähert sich seiner Fertigstellung.

„Bald können die Gäste einziehen“, blickt Michael Berthold, 63 Jahre alt, einer der Initiatoren und ehemaliger Schulleiter der KGS Tarmstedt in die nahe Zukunft. Doch was ist ein Insektenhotel eigentlich? „Das ist eine Wohn- und Brutstätte für Insekten, die hier ihren Lebensraum wiederfinden können, den sie in der vom Menschen geschaffenen Umgebung mitunter kaum oder gar nicht mehr in ausreichendem Maße haben.“

Dabei ist das Insektenhotel, das er mit seinen Mitstreitern dank der Unterstützung des Baumarktes Hornbach, des Beirates Neustadt/Woltmershausen und mit dem Segen des Ortsamtes und des Umweltbetriebs der Stadt Bremen errichtet hat, bereits die Erweiterung eines bestehenden Projektes. „Wir betreuen das Rosenbeet hier am Leibnizplatz“, sagt er und zeigt auf die unübersehbare Bepflanzung, durch die sich kleinere und größere Wege ziehen. Während all der Zeit, die sie mit diesem Herzensprojekt zubrachten, sei ihnen immer wieder aufgefallen, wie viele Insekten die Blüten anlocken. Und das während einer Zeit, wo immer wieder zu lesen und zu hören ist, wie sehr die Existenz vieler Arten gefährdet ist. „Es gibt ja kaum eine Art von fliegendem Insekt, das nicht bedroht ist“, so der 63-Jährige. Ein Schritt zur Lösung des Problems: „Wenn man pflanzt, kommen die Insekten.“ Und seine Ehefrau, Silke Berthold, 57, fügt hinzu: „Das ist aber einfach auch ein schönes Projekt für die Nachbarschaft, für die Umwelt und für den Stadtteil als Ganzes.“ Sie beschlossen, zu versuchen, die Gartenlandschaft durch einen Zufluchtsort für Insekten zu erweitern. Sie schrieben Anträge, denen schließlich stattgegeben wurde, und fanden auch Hilfe aus der Bremer Kaufmannschaft.

Als Vertreterin des Sponsors, die bei der Gelegenheit auch gleich mithilft, ist Dorit Koc, 38 Jahre alt, mit von der Partie. Die Verkäuferin bei Hornbach schildert, wie es zu der Zusammenarbeit beim Insektenhotel kam: „Als wir die Anfrage bekamen, haben wir uns intern beraten und sagten schließlich die Hilfe in Form des erbetenen Materials und dem Transporter zur Lieferung zu.“ So kamen zum Beispiel neben Pflanzen auch die Paletten, die das Grundgerüst des Insektenhotels bilden, zum Leibnizplatz. „Viele Kinder kennen ja kaum noch Insekten im Alltag, sondern sehen sie mehr in Lehrbüchern.“ Deshalb sei es keine schwierige Entscheidung gewesen, zu helfen. „Nun können hier hoffentlich viele diese Tiere in aller ihrer wahren Form, Größe und Vielfalt erleben.“

„Wir bauen ein Integrationsmodell für Insekten“, bringt Michael Berthold das Gemeinschaftsprojekt auf den Punkt. Beim Aufbau eines Insektenhotels ist einiges zu beachten: „Es braucht Ritzen, Röhren und Spalten sowie generell viele unbehandelte Naturmaterialien, die dazu einladen, zu nisten und zu verweilen“, zählt seine Frau auf. Leider sei dies bei oft bei fertig gekauften Insektenhotels nicht gegeben.

„Das Hotel darf auch nicht die meiste Zeit über im Schatten stehen“, erklärt Michael Berthold. „Eine der Seiten, in denen die Insekten nisten können, muss nach Süden ausgerichtet sein.“ Das hat schlicht mit der Temperatur zu tun. „Die Insekten mögen es warm.“ Die West- und Nordseite sind bei dem Neustädter Exemplar mit Bambus verdeckt, Osten und Süden sind für die Insekten frei zugänglich und mit verschieden großen Nistgelegenheiten versehen. „Wir haben in den Hölzern Löcher mit Durchmessern von drei bis neun Millimeter“, präzisiert Berthold und verweist auch hierbei auf die unterschiedlichen Insektenarten, für die sie das krabblige Hotel eingerichtet haben. Doch immer wenn etwas geschnitten oder gebohrt wird, entstehen auch Kanten und diese haben die ehrenamtlichen Stadtteil-Gärtner allesamt abgeschliffen. „So wird sich kein Insekt die dünnen Flügel verletzen“, freut sich Silke Berthold.

Das neue Hotel habe alles, was es für unterschiedliche Arten von Insekten braucht: Verschiedene Zimmer, eine Esslounge und eine Trinkhalle sowie eine Dachterrasse. Die drei letzteren Bereiche werden laut Berthold von der Fläche oben auf dem Dach, wo das Team Sukkulenten gepflanzt hat, erfüllt. „Das ist ein Magerboden, der zudem dank eines Gefälles natürlich entwässert wird“, beschreibt Silke Berthold und zeigt bei dieser Gelegenheit, wie viel sich die Gruppe angelesen hat, um möglichst alles richtig hinzubekommen. Mit dem begrünten Dach gibt das Hotel zudem die Bodenfläche für die Tierwelt zurück, den es durch den Bau ja erst mal wegnimmt.

Selbst auf dem Balkon zuhause könne man problemlos ein Mini-Insektenhotel bauen: „Das geht auch in ganz klein“, erläutert der einstige Lehrer. Man könne einfach ein Regal aus Pappe bauen und da Naturmaterialien, wie Kiefernzapfen, Steine mit gebohrten Löchern oder Bambusstöcke hineinlegen. „Man muss sich nur halt überlegen, ob man wirklich Insekten eine Heimat auf dem heimischen Balkon bieten möchte“, versieht Berthold seine Bauempfehlung sicherheitshalber noch mit einem Warnhinweis.

Ehe sich das Ehepaar Berthold wieder an die Arbeit macht, um die letzten Handgriffe am Insektenhotel zu tun, möchte Michael Berthold aber noch etwas loswerden: „Es wäre hocherfreulich, wenn jüngere Leute freitags zwischen zehn und zwölf Lust und Zeit hätten, regelmäßig vorbeizuschauen und an Rosenbeet und Hotel zu helfen.“ Noch seien er und seine Frau zwar mit allen Kräften Woche für Woche dabei, aber „irgendwann werden wir die Arbeit übergeben müssen“, sagt der ehemalige Schulleiter. „Man kann hier auch mit Enkeln mithelfen“, wirft Silke Berthold mit Blick auf Amelian und seine Großmutter ein. Aber dann wird auch bereits wieder gegärtnert und die letzten Nistblöcke in die Fächer gesetzt.

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