Rüdiger Lubricht hat 25 Jahre nach der Tschernobly-Katastrophe vor Ort fotografiert Gefährliche Mission

Buntentor. Leere Spielplätze, auf denen Schaukeln vor sich hinrosten, verwüstete Klassenräume, in denen umgeworfene Stühle stehen, zerrissene Schulbücher neben Gasmasken auf dem Boden, verlassene Wohnhäuser und leere Fabrikhallen, an deren Außenfassaden Unkraut und grüne Sträucher in die Höhe wachsen - so sieht es 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl in vielen benachbarten Dörfern und Städten aus. Bilder, die der Worpsweder Fotograf Rüdiger Lubricht vor Ort gemacht hat und kürzlich in der Schwankhalle zeigte.
26.05.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von VOLKER ALTHOFF

Buntentor. Leere Spielplätze, auf denen Schaukeln vor sich hinrosten, verwüstete Klassenräume, in denen umgeworfene Stühle stehen, zerrissene Schulbücher neben Gasmasken auf dem Boden, verlassene Wohnhäuser und leere Fabrikhallen, an deren Außenfassaden Unkraut und grüne Sträucher in die Höhe wachsen - so sieht es 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl in vielen benachbarten Dörfern und Städten aus. Bilder, die der Worpsweder Fotograf Rüdiger Lubricht vor Ort gemacht hat und kürzlich in der Schwankhalle zeigte.

Anwesend war auch die Journalistin Merle Hilbk, die über ihr Buch "Tschernobyl Baby - wie wir lernten, das Atom zu lieben" sprach sowie der russische Hubschrauberpilot und Zeitzeuge Andrej Misko, der zurzeit des Unglücks mit seiner Mannschaft über den Atommeiler flog, um größere Explosionen zu verhindern.

In 200 Metern Höhe über dem brennenden Reaktor kreiste der 44 Tonnen schwere Hubschrauber. An Bord waren neben Andrej Misko zahlreiche Liquidatoren, die eine gefährliche Mission erfüllen mussten. "Ihre Aufgabe war es, schädliche Emissionen, die aus dem Reaktor stießen, zu reduzieren", erklärt der ehemalige Leutnant und Oberst der Reserve Misko. Dafür beluden sie zuvor ihr schweres Fluggerät mit Sand und Blei auf einem Platz, der sich etwa zwölf Kilometer vom Meiler entfernt befand. Von dort aus ging es dann voll beladen in Richtung des Unglücksortes. Misko konnte sich noch genau erinnern: "Wir sind mit einer mittleren Geschwindigkeit von 100 bis 130 Kilometern pro Stunde darüber geflogen. Am Bug waren kleine Schiebe- beziehungsweise Klapptüren, die wir aufmachten. Nur so konnten wir in dem dichten Qualm sehen, wo der Reaktor ist. Dann haben die Liquidatoren rund eine Tonne Blei abgeworfen. Danach sind wir zurück zum Beladungsplatz geflogen." Es sei für alle Beteiligten ein riskanter

und gefährlicher Einsatz gewesen, was auch die Helfer vorher geahnt hätten, so Misko. "Wenn sie es vorher gewusst hätten, dann hätten sie es trotzdem gemacht, weil es ihre Pflicht war. Wir alle haben einen Eid für unsere Heimat abgelegt, und somit mussten wir diese schwere Aufgabe erfüllen." Dabei hätten sie immer im Hinterkopf gehabt, dass sie damit "Millionen hilfloser Menschen" das Leben retten könnten.

Viele wohnen in Geisterstädten

Eine Aktion, die insgesamt 22 Tage dauerte. "Und zuerst hatte der Kommandeur gesagt, ihr fliegt nur drei Tage", erinnerte sich Misko. Wenn er und etliche andere Liquidatoren nicht gewesen wären, dann hätte es fast eine Wasserstoffexplosion gegeben und das gesamte Kraftwerk wäre in die Luft gegangen. Eine Vorstellung, an die Rüdiger Lubricht auch 25 Jahre nach dem Unglück nicht denken mag. Insofern lobte der Fotograf zu Beginn des Abends, der die in der Kirche Unser Lieber Frauen stattfindenden Wanderausstellung "25 Jahre nach Tschernobyl. Menschen - Orte - Solidarität" ergänzte, den Piloten Misko. Man dürfe die Arbeit der Einsatzkräfte nicht vergessen, forderte Lubricht. Schließlich hätten dadurch viele Menschen ihr Leben behalten, auch wenn sie nicht mehr in ihre Städte, Dörfer und Wohnhäuser zurückkehren konnten. Nur viele ältere Frauen und Männer seien in ihrer Heimat geblieben und wohnen heute noch in Geisterstädten wie Pripjat. Die Stadt in der Ukraine

liegt etwa vier Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt und befindet sich somit in der 30 Kilometer-Sperrzone. Sie gehört zu einem der vielen "verlorenen Orte" in Weißrussland und der Ukraine, die in den 1990er-Jahren evakuiert und dem Erdboden gleichgemacht wurden. Im März war Lubricht mit einem Fernsehteam der ARD dort und hat mehrere Bilder von leeren Wohnhäusern und verwahrlosten Gegenden, Spielplätzen, Parks, Schulen, Kindergärten aber auch von älteren Menschen aufgenommen, die sehr liebevoll und gastfreundlich waren. "Sie haben mir ihr Zuhause gezeigt und waren so offen zu mir und das in dem Bewusstsein, dass man ganz arme Menschen vor sich hat."

Die Journalistin Merle Hilbk ergänzte den Bildervortrag und die Erzählungen von Andrej Misko. In ihrem Buch erzählt sie die Geschichte von Mascha: Das junge Mädchen wurde im Unglücksjahr 1986 in der verstrahlten Region geboren und gehört deshalb zu den "Tschernobyl-Babys". Sie besuchte in den 1990er-Jahren Gastfamilien in Deutschland, um sich zu erholen. Auf diesem Weg lernte sie die Autorin Hilbk kennen und schilderte ihr, wie sie die Katastrophe erlebt hat. "Ich wollte erfahren, wie die unterschiedlichen Sichtweisen zustande kommen. Dabei hat mir die Freundschaft zu Mascha sehr geholfen, mit der ich eine gemeinsame Geschichte habe", so Hilbk. Abschließend äußerte sie ihren Wunsch: "Mir ist es wichtig, dass man die Betroffenen nicht vergisst, sondern sich sozial und psychologisch mit ihnen befasst. Das gilt auch für die Leute, die nach dem Unglück von Fukushima in den Turnhallen saßen."

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