Zirkuszelt aufgebaut

Ein Zirkuszelt für Huckelriede

Fast ein Jahrzehnt lang plante die Zirkusschule Jokes ein Zirkuszelt in Huckelriede, jetzt steht es endlich. Ein Meilenstein auf dem Weg zur offenen Jugendarbeit ist bewältigt.
03.06.2020, 17:32
Lesedauer: 5 Min
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Von Helke Diers

Huckelriede. Mit strahlendem Gesicht steht Dietmar Hatesuer unter der Kuppel des Zirkuszeltes. Über ihm der blaue Zelthimmel mit gelben Sternen. Vor wenigen Minuten haben zahlreiche Helferinnen und Helfer die Spitze in luftige Höhen gezogen. „Wir stoßen an, auf unser wunderbares Zelt!“, ruft Hatesuer, ganz der Zirkusdirektor. Die Umstehenden klatschen, und es gibt Sekt im Sonnenschein. Erleichterung und Freude sind deutlich auf den Gesichtern zu sehen, einige Tränen fließen. Fast ein Jahrzehnt plante die Zirkusschule Jokes ein Zirkuszelt in Huckelriede. Ein Meilenstein auf dem Weg zur offenen Jugendarbeit ist bewältigt: Das Zelt steht.

Dietmar Hatesuer ist Geschäftsführer der Zirkusschule und seit dem frühen Morgen auf dem Gelände der Bezirkssportanlage Süd neben der Wilhelm-Kaisen-Oberschule auf den Beinen. Er organisiert, telefoniert, scherzt, kennt alle mit Namen. Den Zeltaufbau koordinieren zwei Mitarbeiter der Zeltfirma Raap aus Hamburg. Helfer in festen Schuhen laufen über den Platz, es wird gegrillt und die Videogruppe des Zirkus filmt. Der warme Tag im Freien wird Hatesuer am Abend einen Sonnenbrand bescheren.

Hatesuer erzählt vom langen Atem, den es brauchte, einen eigenen Spielort zu finden.“Wir waren ein Turnhallenzirkus. Wir haben immer nach einem Ort gesucht, wo wir ein zu Hause finden.“ Vor rund neun Jahren kaufte Jokes den Bestand des Zirkus „Rämmi-Dämmi“ – Kostüme, Kulissen und ein Zelt. Der Traum: Im Stadtteil Huckelriede ein Projekt auf die Beine stellen. Als Trainingsraum und für Jugendliche, die es im Leben schwerer haben als andere.

Das lila-gelbe Zelt auf der Wiese ist nicht das ursprünglich gekaufte. Das Rämmi-Dämmi-Zelt entsprach nicht den heutigen Anforderungen für Schneelast, Windsicherheit und Brandschutz. Ein neues Zelt musste her, es kostete 75 000 Euro, berichtet Hatesuer. Die Kosten für das Zelt haben sich Sozialressort und Bauressort geteilt, erklärt Marc Vobker. Er ist Quartiersmanager in Huckelriede. Außerdem wurde die Fläche saniert, belasteter Bodenbelag entfernt. Feste Einbauten kommen hinzu, Strom, Gas, eine Heizung. „Das Geld kommt aus der Städtebauförderung“, erläutert Vobker. Auch er ist den ganzen Tag vor Ort und begleitet den Aufbau. „Es ist eine Aufwertung für den ganzen Stadtteil, wenn wir Brachflächen neu beleben und hier so einen magischen Diamanten hinstellen“, bekräftigt er.

Dietmar Hatesuer hat viele Ideen dafür, was im Zelt laufen soll. Als „Jugendzentrum unterm Zelt“, beschreibt er das Konzept. Die fünf Jokes-Gruppen, die bereits in Huckelrieder Schulen und Kindergärten trainieren, sollen hierher umziehen. Das Zelt wird beheizbar, „aber das ist natürlich wenig ökologisch“, sagt er. Deshalb sollen die Kinder und Jugendlichen in den kalten Wintermonaten weiter in Turnhallen auf Bällen laufen und am Trapez schwingen. Neben Clownerie, akrobatischen Übungen und Jonglage als klassischem Zirkusprogramm, soll es einen Garten geben. Ein Lehmofen könne gebaut werden und regelmäßige Kochprojekte entstehen, erzählt Hatesuer. Eine Videogruppe von Jugendlichen gibt es schon jetzt, sie filmen den Aufbau.

In der Stunde vor der ersten Ansprache im neuen Zuhause schaut Zirkusdirektor Hatesuer zu, wie die Zeltspitze mit einem Hebelzug von vier Helfern Zentimeter um Zentimeter nach oben gezogen wird. „Der Moment, wo die Kuppel dort hängt, das ist schon großartig“, freut er sich schon Minuten vorher. „Ein Zelt ist nicht einfach ein Raum. Es ist ein Stück Kultur, was da steht. Die Kinder bekommen gleich leuchtende Augen, wenn sie hineingehen.“ Ein Mitarbeiter der Zeltfirma gibt Anweisungen, welche Seite schneller angezogen werden soll. Endlich ist die Spitze des Zeltes oben, die übermannshohen Zeltstangen werden durch die Ösen geschoben. Dabei packt auch Hatesuer mit an. Der Geruch nach neuem Kunststoff breitet sich aus – schließlich ist das Zelt aus lichtundurchlässigem PVC, wie ein Mitarbeiter der Zeltfirma erklärt.

Etwa elf Meter hoch ist das Zelt, es soll offen sein für alle – und das schätzt besonders Quartiersmanager Vobker. „Angesichts der Erosion des Vereinswesens und von Bewegungsmangel“, findet er artistische Übungen „das richtige Angebot.“ Auch, weil niemand Mitglied werden müsse. Geplant sind Kooperationen mit Schulen und Kindergärten. Das könnten Projektwochen oder Ferienprogramm sein. „Die Schule freut sich auch, wenn hier ein Ferien- oder Wochenendangebot ist“, sagt er. Die Wilhelm-Kaisen-Oberschule samt Kindergarten, die Helene-Kaisen-Grundschule und die KiTa Kornstraße liegen in unmittelbarer Nähe.

Philipp ist 14 Jahre alt und sitzt mit der Videogruppe oben auf einem Container, wo die Kamera läuft. Der Jugendliche im sportlichen Kapuzenpullover übt vier mal pro Woche bei Jokes das Diabolo-Spiel. „Ich freu mich über das Zelt. Es ist ein viel besseres Zirkusfeeling, als wenn man in einer Turnhalle trainiert.“ Philipp ist seit vier Jahren dabei und erzählt von seinen volljährigen Schwestern, über die er bereits zuvor von der Zeltidee gehört hatte. Er, der kleine Bruder, erlebt jetzt die Umsetzung. Der lange Weg, da wird er wieder spürbar. Philipp gehört zu den rund 500 Jugendlichen, die wöchentlich schon jetzt die Jokes-Angebote nutzen. Diese Zahl schätzt Hatesuer.

Sozialarbeiter und Hausmeister für den laufenden Betrieb müssen bezahlt werden. Woher dafür das Geld kommt, ist noch nicht abschließend geklärt. „Die Angebote für den Platz sind überhaupt noch nicht abgesichert. Wir sind seit langer Zeit mit Frau Stahmann am verhandeln“, sagt Hatesuer. Es gäbe seitens der grünen Sozialsenatorin Zuspruch und positive Signale, aber es fehle an konkreten Zusagen. „Es sind neue Töpfe für stadtteilübergreifende Projekte geplant. Da sollen wir wohl auch mit rein. Aber was und wie genau, wissen wir nicht.“

Der Platz brauche rund 106 000 Euro für die offene Jugendarbeit. „Das ist schon sehr eng geschnitten.“ Hatesuer ist jedoch guter Hoffnung, die benötigte Finanzierung zu bekommen. Optimistisch gibt sich auch Quartiersmanager Vobker. „Wir wissen, dass es einen neuen Topf gibt und Jokes darin berücksichtigt werden soll. Dafür sind wir sehr dankbar. Alles weitere bleibt abzuwarten.“ Die Mittel für die stadtteilübergreifende Jugendarbeit sollen laut Büro der Sozialsenatorin auf Antrag vergeben werden, das genaue Verfahren werde derzeit erarbeitet.

Loslegen mit dem Zirkus im Zelt würde Hatesuer am Liebsten sofort. Und auch seine Helfer necken sich gegenseitig, schon mal die eine oder andere Übung in der Aufbaueuphorie zu versuchen. Man plane ein „vorsichtiges Herantasten“, vielleicht sei es möglich, mit kleinen Gruppen das Zelt von außen schon zu besichtigen, sagt Hatesuer. Diese Idee wird der Jokes-Vorstand am Abend besprechen. Denn der will seine erste Sitzung vor Ort im Kreis auf der Wiese abhalten. Hatesuer wird erst den Heimweg antreten, wenn es dunkel ist. Er hofft, im Sommer die Bauarbeiten zu beenden. Ob es dann tatsächlich losgehen kann? „Da entscheidet noch jemand anderes mit - Covid-19."

„Wir würden gerne mit einem großen Feuerwerk starten und ein großes Zirkusfest machen.“ Aber er weiß auch: Sicher planen kann in diesen Tagen niemand. Die Freude über das Zelt trübt das möglicherweise ausfallende Fest dennoch nicht. „Ich habe jetzt acht Jahre Warten auf das Zelt überstanden. Ich werde auch ein paar Monate, ein halbes Jahr oder weiteres Jahr überstehen.“

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