Erinnerungs-Lehrpfad zu Naziverbrechen

Jung und Alt gegen das Vergessen

In der Bremer Neustadt wächst ein stattlicher Erinnerungs-Lehrpfad mit Denkorten zu Naziverbrechen heran. Am 29. Januar stellen Schüler und Zeitzeugen ihren persönlichen Blick auf das Geschichts-Projekt vor.
05.01.2019, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Jung und Alt gegen das Vergessen

Vor dem Eingang der Wilhelm-Kaisen-Oberschule erklären die Schüler Mikka Seidel und Bent de Boer (von links) ihren Lehrern sowie Mitgliedern der Denk-Orte-Initiative, welche Erinnerungsorte sie ansteuern wollen.

Walter Gerbracht

Es soll vor der Bürgerschaftswahl ein Statement gegen den aktuellen Rechtsruck in der Gesellschaft sein: Unter dem Motto „Die Neustadt unterm Hakenkreuz - Erinnerungskultur im Stadtteil“ lädt die Denkorte-Initiative Neustadt Ende Januar zu einer Informationsveranstaltung ein (siehe unten). Dort erwarten die Besucher Denkanstöße und Freiraum für Diskussionen darüber, welche Schlussfolgerungen für die heutige Zeit aus dem Unrechtsregime der Nationalsozialisten zu ziehen sind. „Wir wollen den Rechtspopulisten historisch fundiert etwas entgegensetzen und ihnen zeigen, dass sie nicht willkommen sind“, erklärt Horst Otto von der Initiative die Idee.

Jugendliche machen mit

Als Gastredner werden die Literaturwissenschaftlerin und Dozentin für politische und kulturelle Bildung, Christine Holzner-Rabe, sowie der Journalist und Bundesverdienstkreuz-Träger Kurt Nelhiebel sprechen. Außerdem werden auch Schüler der Wilhelm-Kaisen-Oberschule ihre eigene Sicht auf das Thema mit einem Schattenspiel zeigen. Dass auch junge Menschen beteiligt sind, ist den Aktiven der Denkorte-Initiative besonders wichtig: „Wir freuen uns, dass wir mit der Oberschule in Huckelriede einen verlässlichen Kooperationspartner gefunden haben, über den wir gezielt Jugendliche in unsere Erinnerungsarbeit einbeziehen können“, sagt Otto.

Wie gut das klappt, stellen Mikka Seidel und Bent de Boer während eines kurzen Rundgangs im Umfeld ihrer Schule unter Beweis. Sie haben in ihrer Geschichts-AG zusammen mit ihrem Lehrer Bastian Billen beispielsweise historische Details zu einer ehemaligen jüdischen Badeanstalt zusammengetragen, die nur wenige Gehminuten von der Schule entfernt liegt. Dazu haben die 14-Jährigen mit ihren Mitschülern nicht nur das Mikwe genannte Haus nachgebaut, sondern können mittlerweile auch während Führungen für Besuchergruppen und Mitschüler mit reichlich historischem Wissen zum Zwangsverkauf im Jahr 1939 durch die Nationalsozialisten punkten. „Wir planen in der AG bereits, weitere Stationen des Erinnerungslehrpfades mit in die Schüler-Führungen aufzunehmen“, sagt Billen, der vom Engagement seiner Schüler begeistert ist.

Broschüre mit Infos zu Erinnerungsorten

Wo genau im Stadtteil weitere Spuren von Naziverbrechen zu finden sind, stellt die Intiative während des Informationsabends mit einer Broschüre vor, die sie über den Erinnerungs-Lehrpfad zur NS-Schreckensherrschaft erstellt haben. Für die Schüler bereits eine wichtige Grundlage im Geschichtsunterricht. „Den Schülern hilft es sehr, dass sie die Gelegenheit bekommen, das Unfassbare anhand von konkreten Beispielen aus dem Stadtteil greifbar machen zu können“, weiß der Geschichtslehrer Billen. Zwölf Stationen sind bereits fertiggestellt und in der Broschüre beschrieben.

Sie weisen auf Ereignisse hin, die aus Sicht der Initiative signifikant für die Zeit der NS-Diktatur im Stadtteil waren. So zum Beispiel die Zerschlagung des politischen Widerstandes im „Roten Haus“ am Buntentorsteinweg sowie der Terror gegen die jüdische Bevölkerung anhand des Stolpersteins für den Mord an Heinrich Rosenblum an der Thedinghauser Straße.

Ebenso ins Puzzle der Schreckensherrschaft gehört das Thema Kriegsvorbereitung, das auf dem Friedhof Buntentor am Grab des Kampffliegers Gustav Schade deutlich wird. Dieser starb 1938 während seines Einsatzes für die „Legion Condor“, die verdeckt an der Seite der spanischen Putschisten Francos kämpfte und zugleich das deutsche Flugzeugmaterial für zukünftige kriegerische Aufgaben erprobte. Am Isenbergheim gibt es Einzelheiten zum Schicksal junger Mädchen zu erfahren, die dort unterdrückt und eingesperrt wurden, weil sie nicht in das Menschenbild der Nazis passten.

Zwangsarbeit und Bombenangriff

Über die Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen lohnt sich ein Abstecher zum Gedenkstein, der am Huckelrieder Friedensweg in der Nähe einer ehemaligen Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme errichtet wurde. Am Erdbunker in den Neustadtswallanlagen wird schließlich deutlich, was der von den Deutschen begonnene Krieg für die eigene Bevölkerung bedeutete: Dort kamen 1943 66 Menschen bei einem Bombenangriff der Alliierten ums Leben.

Die Broschüre mit diesen und einigen weiteren Orten richtet sich insbesondere an Menschen, die das gesammelte Wissen des Lehrpfades weitervermitteln möchten. „Die erste Auflage von 500 Stück ist bereits vergriffen, daher haben wir nachdrucken lassen“, freut sich Horst Otto von der Denkorte-Initiative über die positive Resonanz auf das 43 Seiten starke Heft. Finanziert wird es durch Fördermittel aus dem Programm „Wohnen in Nachbarschaft“.

Otto hofft gemeinsam mit Mitveranstalter John Gerardú vom Verein „Erinnern für die Zukunft“ auf viele Besucher und einen interessanten Abend. Gerardú: „Wer Krieg sät, wird Bomben ernten - am Beispiel der Neustadt können wir auf kleinem Raum diesen großen Zusammenhang zeigen.“ Gemeinsam mit Otto wünsche er sich, dass der Infoabend, die Broschüre sowie der Erinnerungs-Lehrpfad insbesondere jungen Menschen politische Zusammenhänge vermitteln, „aus denen sie faktenbasierte Schlussfolgerungen für die Zukunft ziehen können.“

Der Infoabend „Die Neustadt unterm Hakenkreuz – Erinnerungskultur im Stadtteil“ findet am Dienstag, 29. Januar, ab 19 Uhr in der Bibliothek der Wilhelm-Kaisen-Oberschule, Valckenburghstraße 1-3, statt. Im Sekretariat der Schule ist die Broschüre „Denkorte Neustadt“ nach vorheriger Anmeldung unter Telefon 36 15 93 30 erhältlich. Nähere Infos unter www.spurensuche-bremen.de

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