Die Rückertstraße

Junge Leute in alten Häusern

Neustadt. Die große Tafelrunde im 'Kunstraum' ist ein ziemlich bunter Mix. Am Tisch sitzen Künstler, Theatertherapeuten, Bauzeichner, Ingenieure - Junge wie Alte. Auf den ersten Blick haben sie nicht viel gemeinsam. Aber die Begeisterung von Ute Seifert eint sie und hat sie an einen Tisch gebracht.
20.01.2010, 08:22
Lesedauer: 7 Min
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Von Christian Meyer
Junge Leute in alten Häusern

Hohe Decken, große Fenster, Altbremer Häuser mit viel Flair und das in Citynähe – die Rückertstraße ist ein begehr

Walter Gerbracht

Neustadt. Die große Tafelrunde im 'Kunstraum' ist ein ziemlich bunter Mix. Am Tisch sitzen Künstler, Theatertherapeuten, Bauzeichner, Ingenieure - Junge wie Alte. Auf den ersten Blick haben sie nicht viel gemeinsam. Aber die Begeisterung von Ute Seifert eint sie und hat sie an einen Tisch gebracht. Der 'Kunstraum' ist so etwas wie das Herz der Rückertstraße. Und Ute Seifert sorgt dafür, dass es immer schlägt.

Seit mehr als 20 Jahren gehört ihr die kleine Galerie, und die ist nicht nur geografischer sondern auch gesellschaftlicher Mittelpunkt der Straße. Seifert bietet außer wechselnden Ausstellungen verschiedene Kurse (alle Infos unter www.kunstraum-bremen.de). Eigentlich ist die 53-Jährige diplomierte Betriebswirtin. 'Mir war aber gleich nach dem Studium klar, dass ich das nicht werden will.' Also schob sie ein zweites Studium hinterher - Malerei und Kunsttherapie in Ottersberg.

'Den Raum hier in der Rückertstraße habe ich über befreundete Ärzte gefunden', erzählt Seifert. Im Nachhinein sei es schon ein toller Glücksfall gewesen, dass sie mit ihrer Galerie in der Alten Neustadt gelandet sei. 'Die Lage ist topp. Vor allem die Nähe zum Flüsseviertel und zum anderen Weserufer.' Viele Künstler, die bei ihr ausstellen, wohnen so fast nebenan. 'Ich denke, der Kunstraum hat schon eine wichtige Funktion für die Kunstszene in der Neustadt', sagt Seifert nicht ohne Stolz in der Stimme.

Laster brachte sie zusammen

Dass Rauchen der Gesundheit nicht zuträglich ist, würde auch in der Rückertstraße niemand bestreiten. Allein: Der Gemeinschaft im Quartier hat das Laster bislang nicht geschadet - ganz im Gegenteil. Ute Seifert und Jessica Makowski pflegen ihre Rauchpausen. 'Wir haben uns beim Rauchen vor der Tür kennengelernt', lacht die Bauzeichnerin Makowski. Ihr Büro ist direkt gegenüber vom Kunstraum. 'Ich habe die Ute immer auf der Treppe sitzen und rauchen sehen. Sie hat immer so freundlich gegrüßt.' Irgendwann habe sie dann zurück gegrüßt. 'Ja, und so sind wir ins Gespräch gekommen', ergänzt Seifert.

Daraus entwickelte sich ein reger Austausch - auch mit anderen Nachbarn. Die Kunstraum-Betreiberin verteilte Handzettel, telefonierte rum. Dieses Mal hat sie so etwa 20 Anwohner und Freunde um den großen Tisch in der Galerie versammelt - so viele wie noch nie. 'Wir versuchen schon, uns regelmäßig zu treffen', sagt Seifert.

Treibende Kraft

'Die Ute ist eine ganz offene und herzliche Person', heißt es unisono am Tisch. Sie sei auf jeden Fall die treibende Kraft in der Nachbarschafts-Runde und nehme vieles selbst in die Hand. Wie zum Beispiel die Organisation eines Straßenfestes. Das hatte die Künstlerin vor etwa eineinhalb Jahren gemeinsam mit der Lebensmittelkooperative 'Maiskolben' auf die Beine gestellt. Der 'Maiskolben' verkauft seit bald 25 Jahren ökologische Lebensmittel an etwa 75 Mitglieder. 'Wie viele unserer Mitglieder in der Rückertstraße wohnen, weiß ich gar nicht', sagt Kooperativen-Mitglied Angela Dippel, 'aber einige sind es schon.' Weil viele junge Leute im Quartier wohnen, gebe es natürlich auch eine große Fluktuation, erklärt Dippel.

Die Lebensmittelkooperative hinter einem mit Efeu zugerankten Eckhaus an der Kreuzung Rolandstraße/Große Annenstraße, ist kein herkömmlicher Supermarkt, der ökologisch korrekt angebaute Lebensmittel verkauft. 'Bei uns können nur Mitglieder einkaufen', erklärt Axel Nauber das Prinzip. Wer mindestens fünf Euro zahlt und im Laden mitarbeitet, also zum Beispiel die Buchhaltung macht, der kann Obst, Gemüse oder Milch zu besseren Konditionen als im Supermarkt kaufen. Viele Produkte, die es im 'Maiskolben' gibt, werden in der Region angebaut. 'Uns ist wichtig, dass wir wissen, wo unsere Sachen herkommen', betont Nauber. Außerdem wolle man die Landwirtschaft vor Ort unterstützen.

Noch vor 25 Jahren eher zugeknöpft

Einmal in der Woche fährt Ute Seifert aus ihrem Wohnort Ottersberg nach Bremen, um in der Rückertstraße nach dem Rechten zu schauen. Am besten gefällt ihr dort die freundliche Atmosphäre. Immer wieder würden Menschen einfach so - aus Neugierde oder für ein kurzes Schwätzchen - in den 'Kunstraum' reinschauen. 'Das ist schon toll!' Gerade, wenn man bedenke, dass sich die Straße noch vor 20 Jahren eher zugeknöpft gegeben habe und zugezogene Gardinen an den vielen hohen Fenstern der schmucken Altbremer Häuser das Bild prägten. 'Ich glaube, die vielen Jungen hier haben schon einiges verändert', so Seifert.

Mit einem Durchschnittsalter von 32,1 Jahren zählt die Rückertstraße tatsächlich zu den jüngeren auf der linken Weserseite. Hannah und David wohnen seit etwa einem Dreiviertel Jahr in Bremen - in einer Wohngemeinschaft. Gerade im Sommer, wenn viele Fenster offen stehen, merke man schon, dass es in Rückertstraße etwas anders zugehe, als in anderen Straßen. 'Da hört man schon viel Musik, oder es sitzt jemand im Fenster und raucht.' Dem 21-jährigen Architekturstudenten David gefällt das. 'Das ist ein gutes Flair. Diese alten Häuser, die jungen Leute - das ist doch super.' Dass es David in die Rückertstraße verschlagen hat, verdankt er vollem seinem Instinkt und einer Stadtkarte. Im Sommer ist er aus dem Ruhrgebiet hierher gezogen. Als Neu-Bremer habe er keine Ahnung gehabt, wo es sich in der Hansestadt am besten lebe. 'Ich habe einfach auf einer Karte geschaut, welche Viertel nicht zu weit von der Stadt und der Hochschule weg sind.' Da sei er bei der WG-Suche 'wie von selbst in der Rückertstraße gelandet.' Ein Volltreffer, findet David.

Nachbar-WG hat immer was übrig

'Bei uns im Haus wohnen eigentlich nur Studenten', erzählt die 22-jährige Hannah, die an der Hochschule, keine 500 Meter Luftlinie von ihrer Wohnung entfernt, im vierten Semester soziale Arbeit studiert. Salz, Milch. Eier - egal, was gerade so in der Küche fehlt: 'Die Nachbar-WG hat eigentlich immer was übrig. So zu wohnen ist schon ein absoluter Glücksfall', bekräftigt Hannah Davids Eindruck.

Ein voller Kühlschrank ist zwar gut, noch besser aber, da sind sich die zwei einig, sei die Toleranz im Quartier. 'Laut Musik hören, Freunde einladen oder mal feiern - das ist hier eigentlich kein Problem. Das machen ja alle', beschreibt Hannah, wie es sich in einem Haus voller Studenten lebt.

Nicht nur Partytage sind Festtage in der Studenten-WG. Auch, wenn in der Straße der Sperrmüll rausgestellt wird, geht bei Hannah und David der Puls nach oben. Und Sperrmülltage sind in der Rückertstraße nichts Ungewöhnliches. Ein Viertel aller Anlieger-Haushalte haben im vergangenen Jahr alte Möbel und anderes vor die Tür gestellt. Mit diesem Wert liegt die Straße in der Alten Neustadt deutlich über dem Bremer Durchschnitt von 18 Prozent.

'Die hier stand vor ein paar Wochen direkt vor unserer Tür', berichtet Hannah und zeigt mit ihrem Finger auf eine beigefarbene Kommode. 'Jetzt sind da meine Socken drinne.' Studenten seien halt eher sparsam, wenn sie ihre Wohnung einrichten, erklärt David. Deswegen sei gegen das ein oder andere Stück vom Sperrmüll nichts einzuwenden... 'solange es gut aussieht und nicht müffelt.'

Auch die Gruppe, die Ute Seifert an der 'Kunstraum'-Tafel versammelt hat, kann einiges über den besonders regen Secondhand-Handel vor der Haustür erzählen. 'Wenn hier die Sachen rausgestellt werden, dauert es nur ein paar Minuten, dann sind schon die ersten da', beschreibt Karen Hilbourg den regelmäßigen 'Sperrmüll-Run' in der Straße.

Verliebt in die eigene Wohnung

Sie hat ihre eigenen vier Wände direkt über dem Kunstraum. 'Ich habe mich sofort in die Wohnung verliebt', erinnert sich Hilbourg. Noch bevor sie den Besichtigungstermin gehabt habe, sei sie durch die Straße gelaufen, um sich ein Bild zu machen. 'Ich habe die Wohnung ja nur von außen gesehen.' Aber das habe schon gereicht, um sie zu begeistern. Die hohen Decken und großen Fenster könne man ja auch so sehen. 'Und drinnen wurde es dann noch mal besser.' Holzboden, tolle alte und gut erhaltene Kacheln im Bad - perfekt für mich.'

Kunst, WGs, Altbremer Flair und - Fahrräder! Überall Fahrräder! Wo auch immer sich etwas anschließen oder anlehnen lässt, ist ein Drahtesel geparkt. 'Sogar direkt vor unserem Büro schließen die welche an. Wie die das schaffen, wundert mich immer wieder", schmunzelt Jessica Makowskis Kollege Jan Kautzsch. Das Staunen ist angebracht: Direkt vor dem Eingang zum Bauzeichner-Büro steht nämlich kein Laternenmast, sondern ein Stützpfeiler - Durchmesser gut und gerne ein Meter.

Fahrrad-Parkplätze Mangelware

Einige Bewohner in der Straße versuchen, das Abstellproblem für ihr Tretross auf eigene Faust baulich zu lösen - mit einem in der Hauswand verankerten Haken. Doch die Sache hat einen zweiten Haken: Die selbstgeschaffenen Luxus-Parkplätze mit Anschließ-Möglichkeit sind natürlich hochbegehrt - und deshalb schnell von anderen besetzt.

'Es gibt einfach viel zu wenig Möglichkeiten, sein Fahrrad anzuschließen', bringt Makowski das augenscheinlichste Problem der Rückertstraße auf den Punkt. Die Runde im Kunstraum stimmt ihr nickend zu. Es müsse mehr Fahrradbügel geben. Sonst werde sich die Situation nicht bessern. 'Etliche Fahrräder stehen im Weg oder blockieren die Parkplätze für Autos', sagt Kautzsch. Und die seien ohnehin knapp.

'Hier gibt es sehr viel Park und Ride', hat Jessica Makowski beobachtet. Wenn die Anwohner selbst morgens mit dem Auto zur Arbeit fahren, ist der freie Abstellplatz nur Minuten später schon wieder belegt - von einem Pendler. 'Die stellen hier ihr Auto ab und laufen zu Fuß zur Arbeit.' Schließlich liege die Rückertstraße perfekt. 'In die Stadt ist es ein Katzensprung, und die Bahn ist auch nicht weit', erklärt die Bauzeichnerin.

Angst vor Preisanstieg

Die Parkplatzsorgen sind ein Thema in der Straße. Verena Krezdorn plagen noch andere. 'Ich habe ein bisschen Angst, dass hier alles teurer werden könnte in den nächsten Jahren', sagt sie. Sie wohnt nun seit fast fünf Jahren in der Rückertstraße. Noch sei der Wohnraum im Vergleich zum Viertel oder zum Flüsseviertel bezahlbar. 'Aber immer mehr Leute suchen mit Aushängen gezielt nach Wohnungen in und um die Rückertstraße', beschreibt Krezdorn, wie beliebt das Quartier in den vergangenen Jahren geworden ist. Da sei abzusehen, dass Immobilienhändler Häuser oder Wohnungen aufkaufen, sie aufwändig sanieren und dann wieder teurer unters Volk bringen. 'Die Wohnungen hier würden das auf jeden Fall hergeben', so Krezdorn. Die meisten Häuser seien Altbauten mit hohen Decken, oft mit Stuck und Holzdielen. 'Danach lecken sich viele die Finger', ist sich Krezdorn sicher.

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