Mit Tatkraft gegen die Krise

Kontaktsport ohne Kontakt

Das Team der Kampfsportschule Grapple & Strike hat eine Außenfläche aus dem Boden gestampft, um den Mitgliedern das Training zu ermöglichen. An die Politik richtet Inhaber Henning Bode deutliche Worte.
13.07.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Leoni Hentschel
Kontaktsport ohne Kontakt

Kampfsporttrainer Till Stritter (links) achtet darauf, dass die Übungen sauber ausgeführt werden und der Abstand zwischen den Teilnehmern stimmt. Deshalb wurde die Außenfläche gebaut.

Roland Scheitz

Bereits in der Einfahrt der Kampfsportschule in der Richard-Dunkel-Straße sind laute Stimmen zu hören. Schnell wird deutlich, warum: Das Training findet unter freiem Himmel statt. Während die Mitglieder von Grapple & Strike beim Intervalltraining ins Schwitzen kommen, stoppt Trainer Till Stritter die Zeit und gibt Kommandos. Normalerweise würden sie das in der Halle tun, doch die Außenfläche macht es leichter, auf Distanz zu bleiben. Um den Mitgliedern des Vereins während der Corona-Pandemie das Sporttreiben zu ermöglichen, hat Inhaber Henning Bode seine Ersparnisse in den neuen Outdoor-Trainingsplatz investiert, sagt er.

Es ist ein Training der besonderen Art: Keine Berührungen, jeder hält zwei Meter Abstand zum Nächsten ein. Seit Mitte Juni geht das so. Davor hatten sie geschlossen – wie alle anderen Sportstätten – nur hatte Bode sich bereits vor dem offiziellen Lockdown freiwillig zu dieser harten Maßnahme entschieden.

Da es sich beim Kampfsport um Kontaktsport handelt, stellt die Einhaltung des Mindestabstands eine besondere Herausforderung dar. „Das ist bei uns so, als würde man beim Tischtennis den Ball weglassen“, bringt Bode es auf den Punkt. Es galt, das sportliche Angebot so zu entwickeln, dass die Übungen unter Einhaltung der Distanz durchführbar sind. Kontaktsport ohne Kontakt – um zu realisieren, was eigentlich kaum möglich ist, hat Bode einen Übergangsplan erstellt. Der ist vor allem auf Konditions- und Koordinationstraining ausgelegt, und bildet damit nur einen kleinen Teil des eigentlichen Programms ab. „Wir haben uns überlegt, wie wir wieder trainieren und das Risiko für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Trainierenden gering halten können“, sagt der 46-Jährige.

SUD Neustadt Richard-Dunkel-Straße Verein Kampfsport Grapple & Strike

Henning Bode, Inhaber von Grapple & Strike.

Foto: Roland Scheitz

Gemeinsam mit seinem Team und der Firma Baumhausbau hat er innerhalb von einer Woche die Außenfläche aus dem Boden gestampft. 200 Quadratmeter Gummigranulatmatten haben sie verlegt. Mit dieser Maßnahme konnte nach drei Monaten Schließung das Training unter Corona-Auflagen wieder ermöglicht werden. Sinn und Zweck der Übung: Auf der weitläufigen Außenfläche können sich die Sportler besser verteilen. Und nicht nur das. „An der frischen Luft ist das Übertragungsrisiko niedrig“, weiß Bode.

Aber es ist nur eine Notlösung, denn Kampfsport erfordert nicht nur, dem Gegenüber sehr nahe zu kommen, sondern auch einen Untergrund aus Matten. „Das kann man eine Zeit lang alles machen, aber irgendwann wird es schwierig“, sagt Bode. Dass die Sportbegeisterten auch unter erschwerten Bedingungen weiterhin trainieren wollen, ist an diesem Tag deutlich spürbar. Es ist windig und es regnet, nichtsdestotrotz herrscht auf dem Platz volle Konzentration unter den Teilnehmern. Krafttraining steht auf dem Programm, genauer gesagt: Strength and Mobility. „Das sind Übungen, die die Muskulatur stärken und mit den Hygienevorschriften leicht vereinbar sind“, erklärt Bode. Aber es bedeutet: Jeder trainiert für sich.

Dass mittlerweile wieder bis zu zehn Personen drinnen Sport treiben dürfen, ist für den Inhaber eine erste Erleichterung. Denn er steht vor dem Problem, seinen Mitgliedern das Kernprogramm „Kampfsport“ nicht bieten zu können – aber ungeachtet dessen laufen die Kosten derweil stetig weiter. Für den Bau der Außenfläche hat Bode seine Rücklagen aufgebraucht, parallel dazu wurde in der Halle die Lüftungsanlage erneuert. Seit Februar hat sich der Inhaber kein Gehalt mehr ausgezahlt, fasst er seine wirtschaftliche Situation zusammen.

Seine Enttäuschung gilt vor allem der Politik. Das Bundesprogramm für Corona-Soforthilfe ermöglichte es kleinen Unternehmen finanzielle Zuschüsse zu beantragen. Um den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten, sei das aber nicht genug gewesen: „Das Geld, das vom Staat gekommen ist, hat nur für die Miete gereicht.“ Abgesehen davon gab es die Zweckbindung. Für Bode ist deshalb klar: „Die finanzielle Unterstützung der Politik war eine Unterstützung für die Immobilienbranche.“

Um weiterhin als Kampfsportschule bestehen zu können, musste sich der 46-Jährige zwischenzeitlich von allen Mitarbeitern trennen, die als Honorarkräfte oder Minijobber tätig sind. Lediglich die drei Festangestellten konnten während der Corona-Zeit bleiben. Abgesehen von der finanziellen Unterstützung, die er für zu gering hält, hat es Bode an Perspektiven von Seiten der Politik gemangelt. „Ich hätte mir klarere Abläufe gewünscht“, sagt er. „Ein Konzept, das beispielsweise aus verschiedenen Phasen der Wiederöffnung besteht, hätte uns Sportvereinen eine Orientierung gegeben.“

Der Inhaber kritisiert außerdem eine zu einseitige Sichtweise. „Ich halte es für einen Fehler, dass der Sport nur unter dem Aspekt des Infektionsrisikos betrachtet wird. Sport hat neben diesem Risiko, das natürlich vorhanden ist, auch viele Vorteile während einer Pandemie“, sagt Bode. „Für die Psyche ist es wichtig, mit anderen Menschen zusammenzukommen, und auch Krankheiten können durch Sport vorgebeugt werden.“ Außerdem sei die Nachverfolgung von Kontakten innerhalb eines Sportvereins leicht möglich, da immer klar sei, wer mit wem zusammen gewesen sei. „Den Sport nur aus ökonomischer Sicht zu betrachten, greift für mich zu kurz. Ein Abwägen zwischen Vor- und Nachteilen wäre gerade bei einer langfristigen Schließung sinnvoll gewesen.“

Seit dem 1. Juli dürfen offiziell die Duschen und Umkleiden wieder öffnen. Um das Ansteckungsrisiko weiterhin gering zu halten, hat sich Bode jedoch von sich aus gegen eine Wiederöffnung dieser Räume entschieden. Obwohl sie nun wieder zu zehnt in die Halle dürfen – ein Großteil des Trainings wird weiterhin unter freiem Himmel stattfinden. Aber es geht voran: Mittlerweile konnte der reguläre Trainingsplan wieder aufgenommen werden und damit waren die kurzzeitig entlassenen Mitarbeiter wieder im Boot.

Der reguläre Betrieb wird langsam wieder hochgefahren, aber die Einnahmeverluste aus den vergangenen Monaten bleiben bestehen. Und nicht nur das: Bode rechnet auch künftig mit einem Rückgang der Mitgliederzahlen, vielen sei der Kontaktsport zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch zu riskant. Zwar habe die Mehrzahl der Mitglieder während der Schließung weiterhin pünktlich den monatlichen Beitrag gezahlt, aber das ändere nichts daran, dass die finanziellen Ressourcen fast aufgebraucht seien. „Eine zweite Welle inklusive Lockdown würden wir nicht überleben“, sagt Bode. Dennoch versuche er, optimistisch zu bleiben. Mit den neuen Regelungen sei der erste Schritt getan, aber bis zum Vor-Krisen-Niveau seien noch weitere nötig. Bis dahin können die Mitglieder von Grapple & Strike sich fit halten – drinnen und draußen.

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