Musik auf der Werderinsel

Heiratsantrag vor Publikum

Flo Mega hält beim Auftritt am Kuhhirten um die Hand seiner Freundin an – Konzertreihe Lila Laube geht weiter
27.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Chantal Moll

Sitzen statt Tanzen: In dem Nachtklub „Lila Eule“ können die Gäste normalerweise am Wochenende bis in die Morgenstunden tanzen oder Konzerte besuchen. Auch für Studenten-Partys ist der Keller-Club bekannt. Da dies alles derzeit an dem Standort im Viertel aufgrund der Corona-Krise nicht möglich ist, hat sich Geschäftsführer Michael Pietsch eine Alternative ausgedacht. „Lila Laube“ heißt die Konzertreihe Am Kuhhirten auf der Werderinsel.

„Wir wollten nicht still und leise abtreten und mit solch einem traditionsreichen Klub von der soziokulturellen Bremer Landschaft verschwinden“, sagt Geschäftsführer Pietsch. Das erste Wochenende sei „hervorragend“ gelaufen. „Ein Wunder, da wir ja sehr spät mit dem Booking und der Promo beginnen konnten, aber die Bremer sind treue Seelen“, freut er sich. Am vergangenen Wochenende ging es in dem Sommergarten dann schon in die zweite Runde. Dass sich die Bremer das Tanzen auch nicht im Sitzen nehmen lassen, bewiesen sie bei dem Konzert des Bremer Musikers Flo Mega am Sonnabend. An den kommenden drei Wochenenden präsentiert die Lila Laube noch mehr Konzerte.

Bei dem ausverkauften Konzert von Flo Mega fanden 188 Zuschauer Platz an den Tischen. Bei anderen Konzerten der Lila Laube könne die Anzahl an Zuschauer auch geringer ausfallen. „Bei einem Jazz-Konzert müssten wir beispielsweise mindestens die erste Reihe streichen, damit die Band genug Platz hat“, erklärt Pietsch. Normalerweise sei in dem Biergarten an der Werderinsel Platz für bis zu 500 Gäste. Doch an der Nachfrage liege die geringe Anzahl an Besucher im Vergleich nicht – es handle sich um die üblichen Hygienevorschriften. Dazu gehören auch der Service am Tisch und die Maskenpflicht beim Verlassen des Sitzplatzes. Der Service am Tisch sorgt dafür, dass die Besucher sich nicht schlangenweise an dem Getränkestand oder dem Essensstand von Simple Burger anstellen müssen und es nicht zu Schwierigkeiten mit den Abstandsregeln kommt.

„Wir sind hier am Kuhhirten mit offenen Armen in Empfang genommen worden“, erzählt Pietsch. Er plane, die Lila Laube kommendes Jahr in eine neue Saison zu schicken. Dann kann auch die niederländische Band „Kuhn Fu“ ihr am vergangenen Freitag ausgefallenes Konzert nachholen.

Aufgrund des Wetters hatte der Geschäftsführer sich dazu entschieden, den Auftritt ausfallen zu lassen. Bei dem Wolkenbruch hätten sie den Platz räumen müssen. „Kosten, die sich weder Musiker noch Veranstalter zu Corona-Zeiten erlauben können“, erklärt er. Doch die Umsetzung einer weiteren Laube-Saison hänge allein von der wirtschaftlichen Lage ab. „Ohne Zuschüsse geht es nicht“, stellt der Geschäftsführer klar. Die Lila Eule habe zwar Zuschüsse bekommen, jedoch zu wenig. Das liege an der Anzahl von in Vollzeit angestellten Mitarbeitern. Der Keller-Klub habe zwar in Vollzeit Angestellte, aber nicht so viele wie andere im Vergleich. Daneben auch einige Mini-Jobber, somit fiel der Zuschuss für die Lila Eule geringer aus als bei anderen Betroffenen mit mehr in Vollzeitangestellten, wie Pietsch erklärt.

Seinen Klub habe er schon eine Woche vor dem Lockdown für Gäste geschlossen. „Das Risiko wollte ich nicht eingehen“, sagt er. Der Keller stand voll mit Getränken, die nicht verkauft werden konnten, und damit habe die Lila Eule schon einen hohen Verlust gehabt. „Ich bin nicht in Panik, für mich war von Anfang an klar, dass diese Sache länger dauert“, stellt Pietsch klar. Doch aufgeben kommt für den Geschäftsführer nicht in Frage. „Wir wollen, dass die Leute nicht vergessen, dass es so etwas gibt“, sagt er. Mit dem Livemusik-Projekt an der Werderinsel gehe die Lila Eule finanzielle Risiken ein, jedoch gehe es auch darum, der Politik zu zeigen, dass Kultur etwas kostet. „Da wir trotz großer politischer Reden bei Weitem nicht die finanziellen Zuschüsse bekommen, die wir zum Überleben bräuchten, machen wir noch mal das, was wir am besten können: den Bremern ein paar schöne Stunden mit Livemusik bieten“, betont Pietsch.

Die Lila Laube ziehe genau das gleiche Publikum an wie auch der Klub im Viertel. Hier seien die 60-Jährigen mit ihrem Rotwein dabei und auch die 20-jährigen Studierenden. Umgeben von Bäumen und Lichterketten in einer schon fast romantischen Umgebung, tanzen die Gäste eben im Sitzen

„Wir sind sonst diejenigen, die in der ersten Reihe stehen“, erklärt Magdalene Schulte über sich und ihren Verlobten. Jetzt sitzen sie an einem Tisch in der dritten Reihe. „Es ist zwar nicht das Gleiche, aber wenigstens etwas“, sagt sie. Schulte und ihrem Verlobten gehe es vor allem darum, die Künstler und die Bremer Kulturszene weiterhin zu unterstützen.

Musikalische Unterstützung bekamen „Flo Mega & The Subremers“ vorweg von Singer-Songwriter David Gaffney, der eine halbe Stunde lang spielte. Wie romantisch die Atmosphäre in der Lila Laube sein kann, bewies Sänger Flo Mega selbst, indem er auf der Bühne um die Hand seiner Freundin anhielt – sie hat Ja gesagt.

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