Bremer Kunstszene Kunst in Quarantäne

Die Bremer Künstlerin Sarah Lüdemann (beauham) hat innerhalb kurzer Zeit während der Corona-Krise mehrere Skulpturen geschaffen, die an Menschen und Gesellschaft in Isolation erinnern.
24.05.2020, 09:33
Lesedauer: 5 Min
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Von Olga Gala

Eingeschnürt, zusammengedrückt und verbogen liegt die alte Matratze da. Ein Gurt hält den Stoff unter Spannung. Ein rotbrauner Schopf lugt zwischen dem türkisfarbenen Schaumstoff hervor. Die Skulptur ist Teil der Serie „Bodies in quarantine“ von Sarah Lüdemann (beauham). Zurzeit gehören vier Figuren dazu, Lüdemann arbeitet aber bereits an der fünften Figur. Geschaffen hat die Künstlerin ihre vier Werke Anfang Mai, unter Eindruck der Corona-Krise, verbunden mit Kontaktbeschränkungen und Lockdown in zahlreichen Ländern.

Geplant war das nicht. „Ich hatte vorher nicht gedacht, ich mache was zum Thema Quarantäne“, sagt Lüdemann. Die Serie sei beim Improvisieren entstanden. Innerhalb weniger Stunden waren die Skulpturen fertig. „Wie aus einem Affekt heraus.“ Hauptbestandteil der meisten Skulpturen der Reihe ist Schaumstoff. Zusammengehalten wird er mit Zurrbändern. Doch zuerst waren die alten Matratzen da. Schon vor Monaten habe Lüdemann angefangen, sie zu sammeln. Eine bestimmte Arbeit hatte die Künstlerin zu diesem Zeitpunkt nicht im Kopf. Lüdemann verwendet oft gebrauchte Gegenstände für ihre Werke, bewahrt Utensilien lange auf, bis sie irgendwann ihren festen Platz in einem Kunstwerk finden. „Ich arbeite total gern mit gefundenen Sachen, die tragen Gebrauchsspuren. Eine Matratze auf der ganz lange jemand gelegen hat, hat fast etwas Zeichnerisches.“ Deshalb habe sie auch das türkisfarbene Exemplar in der Reihe „Bodies in quarantine“ nicht bearbeitet, sondern die gelblichen Flecken, die Dellen und die kleinen Risse beibehalten. „Es war klar, dass sie so bleibt. Wenn ich sie anmale, dann male ich auch die Gebrauchsspuren über.“ Dabei seien gerade diese so wichtig. Für eine Matratze seien diese „fast wie eine Charaktereigenschaft eines Menschen“, sagt Lüdemann.

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Anfang Mai stapelten sich die Matratzen in Lüdemanns Atelier im Künstlerhaus Bremen in der Neustadt. Irgendwann überlegte sie: „Was ist, wenn ich sie mit dem Zurrband fest zusammenschnüre?“ Und während sie sich mit der ganzen Last ihres eigenen Körpers auf die Matratzen legte („das sind so widerspenstige Dinger“), sie zusammendrückte und schnürte, kam Lüdemann die Idee, dass der zusammengedrückte Schaumstoff wie ein Körper sei, der nicht in einer bestimmten Form verweilen wolle. In ihrer Arbeit stecke das Gefühl „Ich will raus, aber ich darf nicht.“ Schaumstoff sei ein weiches Material, das sanft sei, sagt Lüdemann. Als Teil einer Verpackung schütze es oft etwas. In das Kunstwerk geschnürt sei der Stoff aber nicht mehr sanft und weich, sondern verkrampft und in eine unnatürliche Haltung gebracht – so wie Menschen, die eigentlich soziale Wesen seien und durch das Virus nun auf Distanz gehen müssen. „Das Gefühl eingeschnürt zu sein, haben gerade viele Menschen“, sagt Lüdemann. „Ich möchte dieses Gefühl von Eingeengtsein transportieren.“

Lüdemann habe mit ihrem Atelier einen Rückzugsort außerhalb der eigenen Wohnung und könne dort an ihrer Kunst arbeiten. Auch ihre Tätigkeit als Dozentin an der Uni Bremen gehe weiter. Ihre Studierenden sieht sie allerdings nur noch virtuell. Das sei schade, sagt Lüdemann. Sie vermisse den direkten Austausch und den persönlichen Kontakt. Trotzdem sagt sie: „Ich gehöre zu den Menschen, die Glück haben. Die Krise hat keine riesengroßen Auswirkungen auf meine finanzielle Situation und ich kann weiter meiner Arbeit nachgehen.“ Eingeschnürt habe sie sich hingegen schon in anderen Lebenssituationen gefühlt – im falschen Job, in Beziehungen, die nicht guttaten. Daher habe sie beim Titel ihrer Arbeit bewusst auf den Begriff Corona verzichtet. Eine feste Interpretation für ihre Arbeit möchte Lüdemann nicht vorgeben. Jeder könne seine individuelle (Corona-)Geschichte in der Arbeit erkennen.

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Haare kommen in allen vier Skulpturen der Serie vor – mal deutlich sichtbar wie auf dem abgebildeten Werk, mal versteckt, in die Ritzen des Stoffs gedrängt und kaum erkennbar und mal mit Acryl auf ein Blatt Papier gemalt. Geplant waren sie nicht: „Das ist etwas, das ich später festgestellt habe – die haben ja alle Haare.“ Die rotbraunen Haare der Skulptur mit der türkisfarbenen Matratze hat Lüdemann sich mal selbst als Extensions gekauft. „Ich hatte eine Videoarbeit gemacht mit diesen Haaren, danach lagen sie elf Jahre in der Tüte.“ Während der Arbeit an „Bodies in quarantine“ beschloss sie, es mit dem Haarteil zu versuchen. Obwohl nicht geplant, haben die Haare nun eine wichtige Funktion für ihre Serie, sagt Lüdemann. „Ein Körper, der Haare hat, hat immer etwas Menschliches. Vor allem geflochtene Haare haben mit Kultur zu tun.“

Körper und Fleisch sind zentrale Aspekte der Arbeit von Lüdemann. So arbeitet die Künstlerin viel mit einer Farbe, die sie „fleischfarben“ nennt. Die Mischung aus pastellrosa und einem Hauch von beige findet sich in vielen ihrer Werke. „Das ist eine Farbe, an der ich mich festgebissen habe. Sie trägt dieses Körperliche so gut“, sagt Lüdemann. „Selbst wenn ich damit ein Stück Holz bearbeite, bekommt es etwas Körperliches.“

Deshalb hat sie auch eine der Skulpturen der Serie „Bodies in quarantine“ mit „fleischfarbenen“ Acryl bestrichen. Die Auseinandersetzung mit Körperlichkeit begleitet Lüdemann schon lange. Sie selbst sieht sich vor allem als Bildhauerin. „Skulpturen haben immer mit Körper im Raum zu tun und mit der Atmosphäre im Raum.“

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Lüdemann denkt viel über Körper und Systeme nach. Wie sind Menschen und ihre Körper geschaffen? Welchen Anteil nehmen Genetik, welchen Sozialisation und Elternhaus ein? Wie verhalten sich Menschen und warum? Die Fragen nach dem Warum des menschlichen Handelns haben Lüdemann auch bei ihrer aktuellen Arbeit angetrieben. In Zeiten von Corona sei es faszinierend zu beobachten, wie sich das System Mensch, Körper und auch Gesellschaft verhalten, sagt Lüdemann und betont, wie wichtig es sei, sich der eigenen Privilegien bewusst zu sein. Vielen Kunstschaffenden gehe es anders als ihr, viele bangen um ihre Existenz. „Kunst spielt eine so essenzielle Rolle in unserer Gesellschaft und es ist so traurig, dass Kunst so an den Rand gedrückt wird“, sagt Lüdemann. Sie meint, Kunst bedeute kritische Auseinandersetzung mit der Welt und sei wichtig, um kritisches Denken zu fördern.

Info

Zur Person

Sarah Lüdemann (beauham) ist 38 Jahre alt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Bremen. Zudem ist sie als Dozentin an der Universität Bremen tätig und unterrichtet Studierende am Institut für Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik.

Den Namenszusatz (beauham) hat sich die Künstlerin vor zwei Jahren zugelegt, zusammen mit ihrem bürgerlichen Namen ist das ihr Künstlername. Der Begriff ergibt sich aus beau, also schön, und dem englischen Wort für Schinken – ham. Vom Klang her erinnere der Begriff an das Wort Bohème.

In Köln geboren und in einem kleinen Ort in Norddeutschland aufgewachsen, studierte Lüdemann zunächst Englisch, Kunst und Psychologie auf Lehramt. Nach ihrem Abschluss lebte sie in den Niederlanden, Italien, Norwegen und England, arbeitete dort als Dozentin, machte Kunst und lernte Sprachen. Besonders dem Englischen ist die Künstlerin eng verbunden.

2010 erhielt Lüdemann den South Square Trust Award und studierte den Master in Freier Kunst am Central Saint Martins in London.

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