Erinnerungskultur in der Neustadt

Langemarck-Denkmal zieht um

Die Geschichte des „Ehrenmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs“ vor der Hochschule Bremen illustriert, wie sich die Erinnerungskultur in 80 Jahren verändert hat. Jetzt wechselt es seinen Standort.
31.07.2019, 16:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Jakob Milzner

Das sogenannte Langemarck-Denkmal, das über 80 Jahre lang an der Langemarckstraße vor der Hochschule Bremen stand, wird an einen neuen Standort verlegt. Derzeit wird der Gedenkstein in einer Steinmetzwerkstatt restauriert, bevor er voraussichtlich im November in der Nähe des Hallenbads Süd neu aufgestellt wird – nur rund 50 Meter Luftlinie von dem alten Platz entfernt. Das Denkmal weicht dem neuen Pavillon des Fahrradquartiers in der Neustadt am alten Standort.

Der Beirat Neustadt hat 5000 Euro für den Denkmal-Umzug bereitgestellt. Zusätzliche Mittel stammen von privaten Spendern. Zur Begründung verlas Beiratssprecher Jens Oppermann (SPD) beim entsprechenden Beschluss im Herbst vorigen Jahres eine Erklärung, die den geschichtlichen Hintergrund des Denkmals in Erinnerung ruft: „Die Nationalsozialisten haben den Mythos Langemarck in verbrecherischer Weise eingesetzt, um junge Menschen in den Krieg und den Tod zu schicken“, heißt es in dem einstimmig verabschiedeten Papier.

Mythos von Langemarck

Der Umzug des Langemarck-Denkmals schlägt ein neues Kapitel in der Geschichte des ehemaligen Ehrenmals für deutsche Gefallene im Ersten Weltkrieg auf. Seit der Sandsteinblock mit daraufliegendem Ehrenkranz und Soldatenhelm im Februar 1934 aufgestellt worden war, musste dessen Bedeutung mehrfach neu ausgehandelt werden. Ursprünglich von Professoren und Verbindungsstudenten zum Gedenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Angehörigen der Hochschule Bremen finanziert, wurde das Denkmal schon bei dessen Einweihung für die nationalsozialistische Propaganda der neuen Machthaber instrumentalisiert.

Der historische Hintergrund des Denkmals, ein verlustreiches Gefecht im Ersten Weltkrieg, das in der Nähe des belgischen Ortes Langemarck ausgetragen wurde, entwickelte sich bereits in der zeitgenössischen Kriegsberichterstattung der Obersten Heeresleitung zu einem politischen Mythos. Dieser wurde später immer wieder von rechten Bewegungen aufgegriffen. Das eigentliche Gefecht fand am 10. November 1914 statt. Nachdem der deutsche Vormarsch auf Paris gestoppt worden war, definierten die deutschen Generäle als neues Ziel, die britischen Truppen von ihren Versorgungslinien abzuschneiden. Was später als Langemarck-Schlacht Eingang in deutsche Geschichtsbücher fand, war ein von Anfang an zum Scheitern verurteilter Angriff eines deutschen Reserveregiments auf die Reihen der Alliierten.

Unter den deutschen Angreifern befanden sich kaum altgediente Soldaten, größtenteils setzten sich die Verbände aus Studenten, Lehrlingen und Schülern zusammen, die sich im Rahmen der anfänglichen Kriegsbegeisterung freiwillig gemeldet hatten. Die französische Armee konnte den Angriff zurückschlagen, etwa 2000 Soldaten fielen allein auf deutscher Seite. Wenige Tage später stellten die deutschen Truppen die Angriffe ein, ohne, dass bedeutende Geländegewinne erzielt worden waren. Dennoch wurde der vergebliche Angriff in einem Bericht der Obersten Heeresleitung zu einem patriotischen Aufbäumen der deutschen Jugend hochstilisiert.

Auseinandersetzungen seit Ende der 80er Jahre

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt der Gedenkstein zunächst wenig Beachtung, bis er im Jahr 1988 von Unbekannten von seinem Sockel gestoßen wurde. Mehrere Jahre lang wurde über die Zukunft des Denkmals diskutiert, bevor im Jahr 1993 beschlossen wurde, den Gedenkstein in seiner umgekippten Form zu belassen und in ein Mahnmal für die Schrecken des Krieges umzudeuten. Dazu wurde eine Tafel mit Informationen zur Geschichte des Denkmals aufgestellt. Ursprünglich sollte auch die Langemarckstraße umbenannt werden, das Vorhaben scheiterte aber an dem Widerstand von Händlern und Anwohnern, für die eine Adressänderung einen großen bürokratischen Aufwand bedeutet hätte.

In seiner umgekippten Form solle das Denkmal auch am neuen Standort wieder aufgestellt werden, erzählt Horst Otto von der Initiative Denkorte Neustadt, die sich dafür einsetzt, Verbrechen im Nationalsozialismus sichtbar zu machen. „Nur so hat es die Symbolik, die es haben soll“, sagt Otto, und weiter: „Kriegerdenkmäler haben wir genug im Land, davon brauchen wir nicht mehr.“ Auch an dem neuen Standort wird eine Stele aufgestellt, die über die Instrumentalisierung des Langemarck-Mythos durch die Nationalsozialisten informieren soll.

„Gleichzeitig mit der massiven Aufrüstung der Wehrmacht wurde die nationalsozialistische Propaganda zur Förderung der Kriegsbereitschaft umgehend verstärkt. Dazu wurde auch der Mythos um die Schlacht bei Langemarck im November 1914 genutzt“, heißt es in dem vorläufigen Text, der dem WESER-KURIER vorliegt.

Aktuell wird der Gedenkstein in einer Steinmetzwerkstatt repariert. Unbekannte haben den Soldatenhelm im Frühjahr mit einem massiven Gegenstand zertrümmert. Der Vorfall kam zur Unzeit, da das Denkmal eigentlich nur einige Meter hätte bewegt werden müssen. So wird es bis zum Herbst dauern, bis das Mahnmal wieder aufgestellt werden kann. Für die Einweihung peile man den 9. November an, erzählt Otto. Das Datum soll an die Novemberrevolution 1918/19 erinnern, die zum Sturz der Monarchie in Deutschland und zum Ende des Ersten Weltkriegs beitrug.

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