Wenn der Ehemann aus Afrika kommt

Lieben und leiden

Angela Lemmermann und Regine, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung nennen möchte, führen glückliche Ehen. Sie fühlen sich aber häufig ausgrenzt - ihre Männer kommen aus Nigeria und Kamerun.
29.01.2020, 16:32
Lesedauer: 4 Min
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Von Helke Diers
Lieben und leiden

Angela Lemmermann (rechts) und Regine (links), die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung nennen möchte, sind mit afrikanischen Männern verheiratet. Sie führen glückliche Ehen, bedauern es aber, dass sie im alltäglichen Leben als Familie oft ausgegrenzt ­werden.

Helke Diers

Regine und Israel gehen seit etwa 30 Jahren regelmäßig zum Frühstück beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften (IAF). Er ist schon in Rente, sie hat noch ein paar Jahre zu arbeiten. „Unsere Kinder sind hier mit groß geworden“, beschreibt Regine die zurückliegenden Jahre. Früher tobten ihre Kinder durch die IAF-Flure. Heute ist es der Nachwuchs der jüngeren Eltern, der kichernd von Tür zu Tür rennt.

Der Verband bietet monatlich ein offenes Frühstück für binationale Paare und Familien an. Es findet jeden vierten Sonntag im Monat von 11 bis 14 Uhr in der Aßmannshauser Straße 54 in der Neustadt statt. Barbro Krüger, die Leiterin der Bremer Geschäftsstelle, beschreibt ihre Arbeit so: „Wir sind eine Beratungsstelle für rechtliche Fragen.“ Es gehe meistens um Eheschließung, Aufenthaltsrecht, Familiennachzug und Einbürgerung. Der Verband bemüht sich außerdem um die Förderung von Mehrsprachigkeit und Antirassismusarbeit. Das sonntägliche Frühstück solle eine Möglichkeit des Zusammenkommens und Kennenlernens darstellen.

Regine und Israel sind eine der binationalen Familien, die im Verband aktiv sind. Sie wohnen in Huckelriede und sind seit 40 Jahren verheiratet. „Glücklich verheiratet“, betont Israel. Kennengelernt haben sie sich in Braunschweig, anschließend zogen sie frisch verheiratet für elf Jahre nach Lagos in Nigeria. Seit mehr als 30 Jahren leben Regine und Israel in Bremen. Sie kennen das Herkunftsland des jeweiligen Partners und sprechen Deutsch und Englisch miteinander. „Wir mischen die Wörter, wie es gerade so kommt“, sagt Regine. Die beiden Töchter sind in Nigeria geboren und heute längst erwachsen.

Ebenfalls seit vielen Jahren kommt Angela Lemmermann (52) zu Veranstaltungen in das gelbe IAF-Haus im Flüsseviertel. Meistens ist auch ihr Mann Amadou dabei. An diesem Sonntag muss er arbeiten. Die beiden haben sich im Studentenwohnheim kennengelernt und leben seither in Bremen. Sie ist Erzieherin, er ist Informatiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Angela Lemmermann sagt: „Das erste Mal beim IAF ging es für uns um eine Beratung zum Aufenthaltsrecht. Die einzige Möglichkeit, um nach sieben Jahren noch zusammen bleiben zu können, war die Heirat. Das war 1996.“

Beim Verband binationaler Familien suchen die Frauen Austausch und Vernetzung. Teile der Familie auf einem anderen Kontinent zu haben, gestaltet das Leben anders, als wenn die Verwandtschaft in Deutschland lebt. Zweimal im Jahr fliegt Israel nach Nigeria, Regine begleitet ihn dabei einmal. „Das Schicksal der binationalen Familien“, sagt Regine mit einem Schmunzeln. Die 92-jährige Großmutter in Nigeria wünsche sich natürlich, ihre Kinder und Enkelkinder häufig zu sehen. Die Familie sei „über die ganze Welt verstreut“, sagt Israel. Für ihre Zukunft als Rentner planen Regine und er die Pendelei zwischen Deutschland und Nigeria. „Wir haben mehr als eine Heimat. Deutschland und Nigeria sind unsere Heimatländer.“

Angela Lemmermanns Mann Amadou ist in Kamerun geboren. „Die Verbindung mit ihm ist zum Teil sehr schwierig. Die Elterngeneration stirbt langsam, die Nachbarn gibt es nicht mehr. Die Menschen, die in den letzten 30 Jahren nachgewachsen sind, kennt man nicht mehr.“ Ihr Mann fliegt alle drei Jahre in das afrikanische Land. Mit den Kindern sind sie letztmalig vor rund zehn Jahren in Kamerun gewesen. Die Flugtickets und die Weiterreise vor Ort sind teuer, sagt Lemmermann, und die Zeit zwischen den Besuchen ist lang.

In ihrem deutschen Alltag ist Rassismus für beide Familien ein Thema. Es geht nicht nur um Abwertung im Allgemeinen, sondern um viele alltägliche Erfahrungen. Angela Lemmermann erzählt beispielsweise eine Episode aus dem Kleinkindalter ihrer Tochter. Sie hatte damals lockige Haare. „Ihr erster Satz war oft: ‚Nein, nicht anfassen!’, weil die Leute ihr immer mit der Hand durch die Haare gestrichen haben. Das haben andere Eltern ihren Kindern einfach erlaubt. Ich dachte, unser Kind braucht mehr Unterstützung als nur ihre Eltern.“ So kam die Familie zum Spielkreis des IAF. „Es gibt einfach Dinge, die wir Frauen aus binationalen Ehen alle gleich erleben“, sagt die Mutter von zwei Töchtern zum Erfahrungsaustausch mit anderen afrodeutschen Familien.

Die drei Erwachsenen erzählen von Diskriminierung, beispielsweise in der Schule. „Meine Erfahrung ist, es wird immer zuerst nach Namen sortiert. Die Kinder haben extra meinen Nachnamen, damit sie nicht gleich kategorisiert werden“, sagt Angela Lemmermann. Als binationale Familie stehe man immer im Fokus, berichtet auch Regine. „Je ausländischer der Partner aussieht, desto fokussierter wird das.“ Besonders für das Selbstbewusstsein der Kinder war der IAF wichtig. „Damals gab es noch nicht so viele Afrikaner und Afrodeutsche hier“, sagt Regine. „Ich habe auch gemerkt, dass meine Kinder davon in der Schule und im Kindergarten betroffen waren.“ Ihr Mann Israel erzählt: „Da waren Sachen, um die wir jeden Tag kämpfen mussten.“ Alle drei berichten von Abwertungen und abfälligen Bemerkungen. „Das zieht sich durch alle Bildungsbereiche und Altersschichten“, sagt Lemmermann. Sie erzählt, sie werde häufig gefragt, ob die Kinder vom selben Vater wären und ob er sie auch ernähren könne. „Unsere Kinder haben gelernt, dass wir uns wehren müssen.“

Der IAF steht an der Seite der binationalen Familien. „Gleiche Rechte“ wünscht sich Geschäftsführerin Krüger. „Die Eheschließung ist viel zu bürokratisch. Der Familiennachzug sollte selbstverständlich sein. Oder Besuche von Verwandten aus dem Ausland. Der Alltag ist: Was für deutsche Familien selbstverständlich ist, gilt für binationale nicht in jeder Hinsicht.“ Auch Regine und Israel wünschen sich, ihre Familien sollten es einfacher haben, um sich gegenseitig besuchen zu können. „Wir hatten immer Schwierigkeiten, wenn mal Nichten oder Neffen zu uns kommen wollten“, sagt Regine, wir haben unsere Familie nun mal nicht um die Ecke wohnen.“

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