Leidenschaft auf der Kartbahn entdeckt

Der Sicherheit verpflichtet

Der 32-jährige Martin Schirmer ist begeisterter Fahrzeugingenieur und neuer Chef der Tüv-Station in der Neustadt
19.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gerald Weßel
Der Sicherheit verpflichtet

Der 32-jährige Martin Schirmer schraubt selbst mit Leidenschaft an Fahrzeugen.

Roland Scheitz

Wenn die Motoren dröhnen und Fahrzeuge über eine Hügelkuppe sausen, dann fühlt er sich wohl: Martin Schirmer, studierter Maschinenbauingenieur, Prüfingenieur für die Fahrzeugabnahme und schon lange Auto-Nerd. Und obendrein nicht nur glühender Fan des Motorsports, sondern ehrenamtlicher technischer Kommissar bei nationalen Rallye-Veranstaltungen.

Im Alltag wird Schirmer dem einem oder anderen Bremer in Zukunft als neuer Chef der Tüv-Nord-Station Bremen-Neustadt an der Industriestraße begegnen. Im Herbst hat der 32-Jährige den neuen Job angetreten, doch das Arbeitsumfeld ist ihm vertraut. Kennengelernt hat Martin Schirmer sein berufliches Zuhause bereits im Oktober 2017, als er das Praxissemester seines Maschinenbaustudiums begann. Dieses schloss an die Zeit nach der Bundeswehr als Zeitsoldat an. Nach Ablauf dieser studentischen Schnupperzeit blieb er auf Einladung als studentische Hilfskraft vor Ort. Nach Studienabschluss begann er an gleicher Stelle 2019 seine achtmonatige Ausbildung zum Prüfingenieur. „In dieser Zeit bin ich viel im Außendienst gewesen und habe den gesamten Bereich des Tüv-Nord kennengelernt.“ Dieser reiche weit, von Cuxhaven über Diepholz, Nienburg oder Oldenburg. Diese Zeit bot ihm die Chance, viele verschiedene Fahrzeuge kennenzulernen. „Wir sehen beim Tüv ja quasi alles, was auf den deutschen Straßen so fleucht und kreucht.“ In Bremen seien dies vor allem Kleinwagen, aber „auch Wohnmobile haben wir viele“. Während der kurzen Ausbildung auf Grundlage seines Studiums hatte er die Chance, auch an Treckern zu arbeiten. Seit dem Sommer darf er nach erfolgreicher Prüfung im Auftrag des Tüv als Prüfingenieur arbeiten.

Seine Leidenschaft für den Motorsport begann, als der Zwölfjährige mit einem Freund aus seinem Kindheitswohnort Achim für einen Nachmittag in Walle die Kartbahn besuchte. „Im Laufe der kommenden Wochen konnte ich gar nicht aufhören, über dieses Erlebnis zu sprechen“, erzählt er. Diese Begeisterung brachte ihn zum AC-Verden, wo er begann, Kart-Slalom zu fahren. „Dabei muss jeder Teilnehmer des Wettbewerbs mit dem gleichen Kart eine Slalom-Strecke abfahren, die Uhr ist der Hauptgegner. Das war ein toller und auch günstiger Einstieg in den Rennsport, aber irgendwann kam ich über meinen Vater zu Rally-Events.“ Dort half er als Streckenposten aus.

Als sich der Weg zum Tüv aufzeigte, wechselte er auch zum technischen Kommissar an der Rennstrecke. So achtet er jetzt bereits seit einiger Zeit darauf, dass alle teilnehmenden Fahrzeugen bei den Autorennen dem Reglement entsprechen – der Fokus liegt auf der Sicherheit. „Bei den Fahrzeugen der professionellen Fahrer macht der Blick unter die Haube auch wirklich Spaß“, sagt er. Dabei kommt dem begeisterten Autoschrauber so manches Schmuckstück unter. Gerne würde er auch in diesem Bereich vorankommen, um schließlich irgendwann bei großen Meisterschaften dabei zu sein, aber die Pandemie sorge derzeit für viele Absagen. „Ich mag den Geruch von Benzin und finde die alten Dinosaurier wirklich toll“, schwärmt er allgemein für Motorsport. „Wenn da solch ein Monster von Rennwagen am absoluten Limit des technischen Vermögens auf der Rennstrecke unterwegs ist, da geht einem das Herz auf.“ Ein Spielplatz der Technologie.

Er selbst bewegt sich in seinem Berufsalltag selten am Limit der Technik, aber doch durchaus an der Grenze zwischen zulässig und verboten. „Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass jedes Fahrzeug, das wir zur Abnahme reinbekommen, verkehrssicher ist“, erklärt er. Dies habe Priorität. „Das Grundgeschäft dabei ist natürlich die Haupt- und Abgasuntersuchung“, aber „die Änderungsabnahmen sind das Salz in der Suppe“. Der Tüv muss seinen Segen zu und den Stempel auf der Zulassung für alle Veränderungen an Fahrzeugen geben, die nicht einfach ein Austausch sind.

Der einfachste Fall sei ein Tausch der Felgen. „Das geht schnell und ist meist problemlos, aber es stellt halt eine Änderung jenseits eines simplen Ersatzes dar“, erläutert Schirmer. Bei den üblichen Verschleißteilen haftet dann der Hersteller dieser Ersatzbauteile für eine sachgemäße Funktionsweise unter den angegebenen Belastungen. Ein mitunter unüberhörbarer Fall ist aber zum Beispiel ein neuer Auspuff. „Wenn hier der Schalldämpfer nur noch Zierde ist und man seinen Arm in den Auspuff stecken kann, dann wird dieser Auspuff potenziell zu laut“, erläutert der Tüv-Chef. Man sei nämlich nicht nur für die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer, sondern auch für den Schutz der Umwelt zuständig.

Manch ein Auftrag ist aber weit mehr als nur eine kleine Modifikation: Martin Schirmer erinnert sich da vor allem an einen Kunden, der sich für seine geplante Weltreise einen alten LKW zu einem Wohnmobil umbauen lassen wollte. „Ich kannte das Modell aus meiner Zeit bei der Bundeswehr sehr gut.“ Da habe sein Herz direkt höher geschlagen, als er sah, womit er und sein Team sich befassen durften. Er brachte seine Erfahrung aus privater Hand nur zu gerne ein und so konnte der Kunde mit komplett legalem Fahrzeug zur Weltreise aufbrechen. Solche Spezialfälle zeigen für ihn vor allem eines: „Ich bin nicht der Einzige mit einer Leidenschaft. Wir alle im Team begeistern uns besonders für irgendeine spezielle Art von Fahrzeug. In der Summe der Fachkompetenzen können wir so einiges möglich machen.“

Den nächsten Schritt in seiner persönlichen Karriere hat Schirmer für das kommende Jahr im Blick. Dann möchte er die Prüfung zum amtlich anerkannten Sachverständigen ablegen. „Dann kann man auf eigenem Namen arbeiten.“ Als Sachverständiger trägt man selber noch deutlich mehr Verantwortung“, sagt Schirmer. Doch das Beste sei: „Man darf quasi alles im Fahrzeugbereich machen.“

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