Nach 65 Jahren im Kleingartengebiet "Helgoland-Westerland" geben Ilse und Heinz die Parzelle an ihre Tochter Müllers haben ihre eigene Haltestelle

Jetzt ist Schluss für Heinrich Müller. Nach 65 Jahren im "Helgoland-Westerland" Kleingärtnerverein e.V. gibt er seine Parzelle an seine Tochter Gisela weiter. Seine Gartenfreunde haben ihm zum Abschied ein kleines Denkmal gesetzt. Dort, wo er immer mit seiner Frau Ilse auf der Bank sitzt, haben sie ihm einen Haltestellenmast mit dem Schild "Müllers Haltestelle" aufgestellt.
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Jetzt ist Schluss für Heinrich Müller. Nach 65 Jahren im "Helgoland-Westerland" Kleingärtnerverein e.V. gibt er seine Parzelle an seine Tochter Gisela weiter. Seine Gartenfreunde haben ihm zum Abschied ein kleines Denkmal gesetzt. Dort, wo er immer mit seiner Frau Ilse auf der Bank sitzt, haben sie ihm einen Haltestellenmast mit dem Schild "Müllers Haltestelle" aufgestellt.

Von Edwin Platt

Neustadt. Seit dem 1. November 1946 ist Heinrich Müller, genannt Heinz, Pächter eines Kleingartens im "Helgoland-Westerland" Kleingärtnerverein e.V. im Wangerooger Weg im Ortsteil Neuenland. Über der Pforte prangte ehemals ein Schild mit der Aufschrift "Sweeten un ackern, mit Quecken afrackern - Kopp in'ne Höcht und jümmers vergnögt". Das Schild hat sein Vater, Vorbesitzer des Gartens, angebracht. Die Aufschrift kann immer noch als Heinz Müllers Lebensmotto gelten. Nach 65 Jahren Vereinslebens soll jetzt Schluss sein. Tochter Gisela wird den Garten übernehmen und ist damit die dritte Generation.

Heinz Müller wurde in der Wiesbadener Straße geboren und lebt noch heute dort. Als er 1941 mit seiner Gruppe als Erntehelfer ins Bremer Umland zog und ein Foto von der Gruppe gemacht werden sollte, fragte er Ilse, ob sie fotografieren kann. Sie konnte, und das sollte Folgen haben.

Aber zunächst fuhr Müller vier Jahre mit der Handelsmarine zur See und kam mit Kriegsende unbeschadet vom norwegischen Narvik zurück. Jetzt heiratete er seine Ilse, die in Walle in einem 700 Quadratmeter Garten aufgewachsen war. Gemeinsam pachteten sie einen Kleingarten, in dem Ilse Müller heute mit ihrem freundlichen, wachen Blick sagt: "Das Bild ist gut geworden." Worauf Heinz Müller sagt: "Mein Garten darf nicht größer sein, wie meine Frau ihn bearbeiten kann." Ihre Rollen sind traditionell verteilt.

Mit 22 und 24 Jahren waren sie 1946 die jüngsten Kleingärtner. Der Verein hatte auf seinem großen Gelände 570 Mitglieder. Bremens Bürgermeister Wilhelm Kaisen erlaubte den Bremern, sich aus Trümmern zu bedienen, um aus Kleingartenlauben feste Unterkünfte zu bauen.

1958 wählten die Kleingärtner im Verein Helgoland-Westerland Heinz Müller zum Delegierten für den Landesverband. 1959 wurde er stellvertretender Vereinsvorsitzender. Damit war Müller das erste Vorstandsmitglied, das nicht fester Bewohner, sondern nur Parzellist im Verein war. Ein Streit entbrannte unter Bremens Kleingärtnern. Besitzer der einst nicht legal bebauten Gärten wollten die Parzellisten vertreiben. Die Gartenvereine sollten zu Wohngebieten mit Wasser-, Kanal und Stromanschluss werden. Das hätte ihr Gartenland in den Stand von Wohngebieten erhoben und erhebliche Wertsteigerungen mit sich gebracht. Die Parzellisten andererseits wollten die preiswerten Gärten nicht aufgeben und störten sich jetzt an den Briefkästen auf Parzellenpforten und über schaumige Abwässer vom Wäschewaschen in ihren Entwässerungsgräben. Müller, immer Parzellist gewesen, hängten "Halblegale" Unkraut an die Pforte. Drohungen wie "Du bist der Erste, der an der Laterne hängt" erinnerten ihn an den Krieg.

Ehrenvorsitzender geworden

Heinz Müller begann die Flucht nach vorn, ging zu Parteien, wie der KPD, um für das Bestehen der günstigen Parzellen zu werben. Er sammelte Unterschriften, während seine Ilse sich um Obst und Gemüse im Garten kümmerte und die kleine Gisela versorgte. Schließlich wurde der Bebauungsplan 581 kassiert und die Zukunft der Kleingartenkultur Bremens war gesichert. Das Vereinsgelände Helgoland-Westerland teilte sich. Müllers behielten ihre Parzelle.

1969 wurde Heinz Müller erster Vereinsvorsitzender und blieb es bis 1986, anschließend wurde er Ehrenvorsitzender. Nun sollten die engen Wege zwischen den Gärten entsprechend dem neuen Bebauungsplan breiter werden. Alle Gärten sollten vorne eineinhalb Meter verlieren und Hecken zum Weg bekommen, während hinten zwei Meter dazu kommen sollten, indem jeder direkt an den Graben rückte. Das umzusetzen, kostete den Vorsitzenden Müller viel Kraft. Wieder gab es Streit. Vor dem Bebauungsplan zählten die halbe Wegbreite und der halbe Graben mit zum Grundstück, jetzt zählte nur der umzäunte Garten. Statt angegebenen 430 Quadratmetern hatten Pächter nur noch 380 Quadratmeter und wollten auch nicht mehr bezahlen. Heinz Müller brauchte für die wenigen Meter vom Vereinsparkplatz zu seiner Parzelle regelmäßig 20 Minuten, immer gab es etwas zu besprechen auf dem kurzen Weg. Zur Mittagsruhe kamen regelmäßig Pächter, die für nur mal eine Frage, nach einer Stunde gehen.

1968/69 bauen sich die Skandinavienfans eine neue Laube. Schwedenrot das Haus, dunkle Fensterrahmen, weiß abgesetzt, ein Schmuckstück, mit einem Holzküchenofen, auch nach 42 Jahren. In der zuständigen Behörde wird zu der Zeit über einen Erlass nachgedacht, nach dem alle Dächer von Gartenlauben schwarz werden sollen. Müller sieht neue Gewitterwolken aufziehen. Sie ziehen vorbei, denn der Erlass kommt nicht.

Am ursprünglichen Gedanken, ein Teil Rasen, ein Teil Laube und Terrasse und ein Teil Obst und Gemüse hält Heinz Müller als gute Grundlage für freundschaftliches Miteinander im Verein fest. "Wenn du hier Mitglied wirst und eine Parzelle hast, kriegst du gleich 200 Freunde dazu", so Müller. Doch er und seine Kaffeegäste vom Vorstand, Vorsitzender Udo van Boxem und erste Kassiererin Brigitte Naatz, wissen auch von der Entwicklung zum Hobbygarten mit Kinderrutsche, Sandkiste und nicht immer leisen Grillfeten.

Heinz und Ilse Müller übergeben ihren Garten an Tochter Gisela. Ilse Müller hat dabei eine Träne im Knopfloch und hängt besonders an einem Gemüsebeet mit Kohlrabi. Durch das Weiterreichen des Gartens sichern sich Müllers ihr Besuchsrecht. Anderes hat niemand von Heinz Müller erwarten können, der mit fast 90 sagt: "Wir haben soviel gemütliche Stimmung im Verein gehabt", als wären die Probleme, die er über Jahrzehnte bewältigte, an ihm abgeperlt. Dabei blickt er seinen Flaggenmast empor, wo zur Feier die Helgoländer Flagge weht. Wenn Müllers aus dem Garten gehen, setzen sie sich auf die Bank auf der gegenüberliegenden Seite des Weges. Dort holt ihre Tochter sie ab und dort haben die Gärtner ihnen ein kleines Denkmal gesetzt, einen Haltestellenmast mit einem Schild "Müllers Haltestelle".

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