Auf dem Weg zum Werdersee

Naturschützer gehen auf Kohltour – und sammeln säckeweise Müll ein

Müll einsammeln, Rhabarbersaft und Limonade, ein Naturquiz und schließlich eine vegane Mahlzeit - der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat eine alternative Kohltour unternommen.
12.02.2020, 22:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Naturschützer gehen auf Kohltour – und sammeln säckeweise Müll ein

Die Karawane der BUND-Kohlfahrer bricht in Richtung Werdersee auf. Stets Ausschau nach Müll haltend, beteiligten sich etwa 30 Personen an der Tour.

PETRA STUBBE

„Am Werdersee gibt es im Februar bis zu 80 Kohltouren“, sagt Isabelle Maus vom Bremer Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Die Wanderungen sind in der Nähe von Gewässern besonders beliebt. In der Region Bremen bewegen sich Karawanen sogenannter Kohlfahrer häufig an Lesum, Weser, Wümme und Ochtum – an Bord ihrer Bollerwagen ist in der Regel viel Alkohol. Meistens auch leistungsstarke Musikanlagen, die die Vögel verschrecken.

Menschen, die einen ruhigen Spaziergang genießen möchten, ärgern sich nicht selten über angetrunkene Kohlfahrer – und über den Müll, den sie hinterlassen. Wie es auch anders geht, zeigte der BUND am vergangenen Wochenende mit einer alternativen Kohltour. Es verbanden sich gute Laune, Umweltbewusstsein und hoher Erlebniswert. Das Meeresschutzbüro des BUND und die BUND-Jugend boten die alternative Kohlfahrt an, um auf das Müllproblem aufmerksam zu machen. Außerdem sammelten die Teilnehmer fleißig Müll ein.

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Dass die Abteilung Meeresschutz des Bremer BUND eine Kohltour veranstaltet, hat seinen guten Grund: „Aus der Weser gelangt der Müll direkt in die Nordsee und belastet das Ökosystem erheblich“, sagt Isabelle Maus vom BUND. Auch Kohltouren können zur Müllproblematik beitragen: Die Zahl der Becher aus Einwegplastik, Zigarettenkippen, Kronkorken und Flaschen, die auf dem Boden landen, ist bei vielen Touren hoch – wobei die Müllmenge in der Regel mit dem Alkoholkonsum steigt.

Sobald ein Sturm die Überreste der fröhlichen Kohltouren in den Fluss gelangen lässt, ist Schluss mit lustig: Zigarettenfilter zum Beispiel belasten das Wasser mit Giftstoffen, und Plastikbecher brauchen mehr als 100 Jahre, bis sie zersetzt sind. Sie landen oft in den Mägen von Seevögeln, Schweinswalen und Fischen. Etwa 30 Menschen haben sich an der Haltestelle Huckelriede um die drei Bollerwagen des BUND versammelt. Wären da nicht die grünen Leuchtjacken des Umweltverbandes, könnte man sie kaum von herkömmlichen Kohlfahrern unterscheiden.

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Es gibt Bier und Schnaps, aber auch Rhabarbersaft und Limonade. Doch anders als auf einer Standard-Kohltour, sieht es hier sehr nach Arbeit aus: Bereits im Huckelrieder Park bücken sich die meist jungen Leute oder heben mit langen Greifzangen Zigarettenkippen, Scherben und jede Menge Kronkorken vom Boden auf. „Weil es für die wertvollen Kronkorken Sammelinitiativen gibt, die zum Beispiel Krankenversicherungen für Kinder in Ghana finanzieren, sammeln wir sie in gesonderten Behältern und spenden sie“, erklärt Isabelle Maus den BUND-Kohlfahrern. „Wer am meisten Müll gesammelt hat, darf sich am Ende der Tour eine Krone aus Kronkorken aufsetzen.“

Jeder Teilnehmer hat sich einen großen Plastiksack genommen und ein Paar Handschuhe, denn nicht alles, was da aufgesammelt wird, ist appetitlich: braun gewordene Bananenschalen, Alufolien, in denen Essensreste eingewickelt sind, oder halb geleerte Weinflaschen mit fauligem Inhalt. Und ganz ungefährlich ist diese Kohlfahrt auch nicht: „An Scherben kann man sich die Finger verletzen, und die Steine am Ufer des Werdersees sind glitschig. Man muss aufpassen, nicht ins eiskalte Wasser zu fallen“, warnt Isabelle Maus.

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Am Quartier Huckelriede steigt die Zahl der weggeworfenen Zigarettenkippen rapide in die Höhe. Dort liegen weitaus mehr, als die BUND-Gruppe aufsammeln kann. Am Straßenbegleitgrün unter hohen Eichen werden die Teilnehmer Augenzeugen des Klimawandels: Die ersten Krokusse blühen schon, und auch das Scharbockskraut ist in Massen aus dem Erdreich geschossen – Zeigerpflanzen für den Vorfrühling, für den es am zweiten Februar-Wochenende eigentlich zu früh ist. Der meiste Müll, der eingesammelt wird, ist eher kleinteilig: Bonbonpapier, Scherben, Papiertaschentücher – und immer wieder Zigarettenkippen. Bei einem Haufen Pistazienschalen ist man sich nicht einig, ob das nun Müll ist oder nicht.

Als der Werdersee erreicht ist, wird der Blick weit. Er geht über den kleinen Strand am anderen Ufer zum St.-Petri-Dom und den Fernsehturm in der Ferne. Auf den großen Rasenflächen vor der Kleinen Weser verteilt sich der Müll, doch weniger wird er nicht. Große Mengen liegen an den Sitzbänken entlang des Weges. Wer Kronkorken sucht, wird hier schnell fündig. Am gegenüber liegenden Ufer des Sees ist ebenfalls eine Kohlfahrer-Kolonne unterwegs – allerdings mit dem Unterschied, dass die Bässe aus der Musikbox tüchtig dröhnen.

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Während einer Pause teilen sich die BUND-Teilnehmer in Gruppen auf, die sich Wale, Wasserflöhe und Wattwürmer nennen und einen Wettbewerb veranstalten. Die Gruppe, die die meisten pantomimischen Darstellungen von bestimmten Sorten Müll oder Meerestieren errät, hat gewonnen. Einen Kronkorken oder eine Meeresschildkröte darzustellen, ist dabei eine echte Herausforderung. Zum Abschluss der fantasievoll gestalteten Tour gibt es das obligatorische Kohlessen.

Allerdings ist auch das anders als sonst: Auf Kochwurst, Pinkel und Kassler wird verzichtet. Es gibt nur Kohl – vegan versteht sich. Für eine umweltverträgliche Kohltour gibt Isabelle Maus Nachahmern gerne ein paar Tipps: keine Einwegbecher verwenden und sich ein Schnapsglas um den Hals hängen. Ein Taschenaschenbecher für die Zigarettenstummel und ein Müllbeutel an Bord des Bollerwagens. So bleiben die Wege sauber.

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