Neuer Besitzer wie untergetaucht

Ein Hilferuf der Hellweg-Mitarbeiter

Seit August haben die Mitarbeiter des Hellweg-Centrums kein Gehalt mehr bekommen. Der neue Besitzer des Fachmarktes ist seit Wochen nicht zu erreichen. Das Amtsgericht spricht inzwischen von Ungereimtheiten.
17.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Ein Hilferuf der Hellweg-Mitarbeiter
Von Florian Schwiegershausen
Ein Hilferuf der Hellweg-Mitarbeiter

Das Hellweg-Centrum in der Stresemannstraße wird wohl nicht mehr öffnen. Seit August haben die Mitarbeiter kein Gehalt bekommen.

Florian Schwiegershausen

Der Eintrag auf Facebook ist noch frisch. Eine Mitarbeiterin des Hellweg-Centrums schreibt: „Ich und meine Kollegen sind ganz übel in den Arsch getreten worden, und es ist wirklich eine schlimme Sache passiert, die wir alle nicht verdient haben. Von jetzt auf gleich Schluss und aus.“ Im Weiteren ist die Rede von Enttäuschung, weil ihnen keiner zuhört und sie keine Hilfe bekommen. In der Tat hängen die 39 Mitarbeiter des Hellweg-Centrums in der Stresemannstraße immer noch in der Luft. Doch langsam kommt Bewegung in die Sache. Es könnte auch ein Fall für die Staatsanwaltschaft werden.

Was ist passiert? Noch Ende August verkündete im WESER-KURIER Johannes von der Linde, der damalige Geschäftsführer des Fachgeschäfts für Groß- und Einzelhandel, nur ein „Wunder von der Weser passieren“ könne das Hellweg-Aus verhindern. Es wäre die zweite Insolvenz innerhalb von eineinhalb Jahren gewesen. Dazu gab es auch Gespräche mit dem Bremer Wirtschaftsressort.

Lesen Sie auch

Doch Anfang September verkündete von der Linde den versammelten Mitarbeitern, dass das Unternehmen an Stefan Rosenkilde aus Hamburg verkauft sei. Danach haben die Mitarbeiter persönlich nichts mehr vom mutmaßlich neuen Geschäftsführer gehört. Sie erhielten von ihm eine Freistellung von der Arbeit, am Hellweg-Eingang prangt seitdem der Zettel „Heute leider geschlossen“. Der neue Besitzer ist nicht mehr zu erreichen.

Verkauf an einen „Firmenbestatter“

Inzwischen scheint klar, dass es das Ende des Hellweg-Centrums bedeutet. Die Mitarbeiter hatten nicht mal Gelegenheit, persönliche Sachen aus dem Gebäude zu holen. Seit August gab es kein Gehalt mehr. Recherchen im Internet ergeben, dass es sich beim neuen Besitzer um einen mutmaßlichen „Firmenbestatter“ handelt. Allgemein funktioniert das Geschäft so: Ein Firmenbestatter übernimmt ein Unternehmen in finanzieller Not. Dafür lässt er sich bezahlen. Im Gespräch sind Summen ab 5000 und 10.000 Euro aufwärts. Der neue Besitzer schaut, was sich im Betrieb noch zu Geld machen lässt. Wenn das geschehen ist, lässt er die Firma sterben. So lang weder Miete oder Gehälter zu zahlen sind, lässt sich die Firma eine Zeit lang weiterführen. Und der bisherige Besitzer ist damit all seine Sorgen los.

Wenn der neue Besitzer einen Insolvenzantrag gestellt hätte, könnten die betroffenen Mitarbeiter für drei Monate Insolvenzgeld von der Arbeitsagentur erhalten. Doch wie ein Mitarbeiter berichtet, hängt dieser Antrag beim Amtsgericht fest. Ebenso ist das Hellweg-Centrum auch nach eineinhalb Monaten der Betriebsübergabe noch nicht mit dem neuen Geschäftsführer ins Handelsregister eingetragen. Gerichtssprecherin Cosima Freter sagt: „Es gibt weiterhin Ungereimtheiten.“

Lesen Sie auch

Es sieht danach aus, dass die nun ein Fall für den Staatsanwalt werden könnten. Denn wenn der bisherige Geschäftsführer das Unternehmen veräußert hat, obwohl er eigentlich hätte Insolvenz beantragen müssen, drohen ihm Ermittlungen wegen Insolvenzverschleppung. Das Problem sei, so Malte Köster, Insolvenzexperte von der im norddeutschen Raum tätigen Kanzlei Willmer Köster: „Ein Insolvenzantrag kann nicht erzwungen werden. Und ohne Insolvenzantrag kein Insolvenzverfahren.“

Die Situation im Hellweg-Centrum mache Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) betroffen: "Wir hatten noch im September mit dem damaligen Eigentümer über mögliche Hilfen gesprochen. Über den anstehenden Verkauf wurden wir nicht informiert.“ Vogt bezeichnete das alles als inakzeptabel. Wenn die Lohnzahlung nicht mehr möglich sei, gehöre sich für den Besitzer wenigstens die ordnungsgemäße Zusammenarbeit mit Amtsgericht und Arbeitsagentur. Sie wolle die Beschäftigten zusammen mit der Arbeitsagentur zeitnah unterstützen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Mustafa Güngör reagiert verärgert: „Da ist dringend die Arbeitsagentur gefragt, den Mitarbeitern auch wirklich zielführend zu helfen. Und da sind dann auch Amtsgericht und womöglich die Staatsanwaltschaft gefragt, hier Licht ins Dunkel zu bringen.“ Güngör gehört selbst zum langjährigen Hellweg-Kundenstamm und schätzt die Mitarbeiter wegen ihres exzellenten Fachwissens.

Um alle Hellweg-Kollegen kümmern

Mit der Freistellung versuchten die Hellweg-Mitarbeiter Arbeitslosengeld I zu beantragen. Dies wurde bei einigen von der Arbeitsagentur bewilligt, bei anderen nicht. So lautete die Bitte, ob sich denn nicht ein oder zwei Agentur-Mitarbeiter konzentriert um alle Hellweg-Kollegen kümmern könnten. Dies Anliegen schickte der WESER-KURIER an die Arbeitsagentur. Sprecher Jörg Nowag gab dies an die Leistungsabteilung weiter.

Er sagt, dass bisher kein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt worden sei und man den Arbeitgeber nicht erreichen könne: „Das bedeutet, dass wir keine Liste der betroffenen Mitarbeiter haben.“ Da man nicht alle Beschäftigten aktiv erreichen könne, sollen sie sich unter der Telefonnummer 0421 / 17 82 535. melden. In einem Fall wie diesem könne eine Bewilligung von Arbeitslosengeld auch auf Grundlage von Gehaltsnachweisen oder Meldungen zur Sozialversicherung möglich sein. Es klingt nach einem ersten Schritt der Hilfe für die Hellweg-Mitarbeiter. Der nächste Schritt wird für sie sein, einen neuen Arbeitgeber zu finden, der ihr Fachwissen zu schätzen weiß.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+