„Neusi's“-Repaircafé

Ein Zentrum rund ums Fahrrad

Das „Neusi's“-Repaircafé an der Hochschule Bremen bietet neben Werkstatt und Gastronomiebetrieb bald auch Workshops an. Die Betreiber wollen den Diskurs um nachhaltige Mobilität in der Stadt vorantreiben.
29.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gerald Weßel

An einen Drahtesel muss ab und an Hand angelegt werden, aber die nötige Fachkenntnis hat nicht jeder, der gerne Rad fährt und nicht alle Arbeiten schafft einer allein. „Manchmal braucht es wen, der mit anfasst“, sagt Jens Sandmann. Und er muss wissen, wovon er spricht. Sandmann ist der Fahrradmechaniker des „Neusi’s“an der Hochschule Bremen. Der moderne Bau ist seit wenigen Wochen die neue Heimat des Fahrrad-Repaircafés – eine Mischung aus Fahrradwerkstatt und Gastronomiebetrieb. Pächter und Betreiber ist die Firma Gesellschaft für nachhaltige Mobilität UG.

Eine zentrale Komponente neben dem regulären Werkstattbetrieb ist die Selbsthilfewerkstatt. Ein Besuch hier kostet fünf Euro pro halbe Stunde (plus eventuelle Ersatzteile) und dafür bekommen die Besucher nicht nur die benötigten Werkzeuge zur freien Verfügung und einen Platz zum Arbeiten, sondern auf Nachfrage auch die Unterstützung des Mechanikers.

„Die meisten Leute brauchen Hilfe bei der Gangschaltung“, sagt er über die Besucher, die mittlerweile immer zahlreicher kämen. „Es spricht sich langsam herum“, meint Sandmann. Auch sein Chef Jens Heeren ist zufrieden: „Ich bin angesichts der aktuellen Situation positiv überrascht.“ Zusätzlich zu dem Alltagsbetrieb möchte man gerne in Zukunft auch noch Workshops anbieten.

„Wir sind hier am richtigen Ort. Das „Neusi’s“ hat eine tolle Heimat gefunden und von hier können wir viel bewegen“, sagt Heeren. Von diesem Standort aus wolle man zusammen mit den Bremer Bürgern etwas für die Gesellschaft und die Umwelt voranbringen. Das Repaircafé ist eine Mischung aus Gastronomie, Veranstaltungslocation und Fahrradwerkstatt und es liegt mitten im Fahrrad-Modellquartier. „Das ist der Referenzort für unsere Pläne in Sachen nachhaltige Mobilität“, erklärt Heeren. Es ginge ihm und seinem Team darum, Zukunftskonzepte in Sachen städtischer Mobilität mit dem Schwerpunkt Fahrrad zu entwickeln. „Wir sind nicht nur eine Fahrradwerkstatt oder nur ein Café oder selbst nur eine Kombination aus beiden“, wirbt er für das Neusi’s. Dies allein sei in Bremen schon einzigartig. „Wir sind ja auch ein Themenzentrum rund ums Fahrrad.“

Damit gemeint sind angedachte Lesungen, Filmvorführungen, Übertragungen von Fahrradrennen sowie Diskussionsrunden. All das könnte hier bald stattfinden. „Momentan ist das natürlich schwierig“, gesteht er mit Blick auf alle Aktivitäten jenseits des aktuell noch eingeschränkten gastronomischen Betriebes ein. Doch für das kommende Jahr habe man so einige Pläne – wenn es die pandemische Lage denn zulasse. Der Biergarten böte hier zum Beispiel großes Potenzial.

Allein der Bau an sich sei ein Hauptgewinn: „Das, was uns umtreibt, ist zwar die nachhaltige Mobilität, aber umso schöner tut es das in einem passenden Gebäude“, verweist Heeren auf den besonderen Charakter des Gebäudes und seine Entstehungsgeschichte. Die Glasfassade wirkt nicht nur schick, auch Nachhaltigkeit steht bei diesem Gebäude im Vordergrund: Konstruktion als Holzfaltwerk, begrüntes Retentionsdach, das für einen Kühlungseffekt durch Verdunstung von Regenwasser sorgt, regenerative Stromnutzung durch eine Kombination aus integriertem Batteriespeicher und Pellet-Ofen sowie Mobiliar aus recyceltem Material eines regionalen Herstellers. An dem Projekt der School of Architecture an der Hochschule Bremen haben mehr als zehn Fachbereiche mitgewirkt: von Architektur über Bau, Statik, integrale Planung bis hin zur Umwelttechnik. Auch die Studentenschaft war im Rahmen von Abschlussarbeiten und Ideenwettbewerben an der Konzeption beteiligt.

Ein großes Thema, das auch räumlich über das „Neusi’s“hinausgeht, sind die geplanten Verleihstationen für Lastenfahrräder. „Im Prinzip ist das vergleichbar mit den Mobilpoints von Cambio und Co“, ordnet der Geschäftsführer ein. „So ähnlich möchten wir das mit Lastenfahrrädern und auch mit Pedelecs machen.“ Also einfach online anmelden, hingehen, mieten, losfahren und wieder abgeben. Doch derzeit sei dies noch ein sehr manuelles Verfahren, bei dem nur wenig digital erfolge und ein Mensch zur Übergabe unabdingbar ist. Doch das soll sich ab Anfang kommenden Jahres ändern. Und auch an anderen Orten in Bremen möchte man auf diese Weise Lücken in Mobilitätsketten schließen, kündigt Heeren an.

Zudem möchte das „Neusi’s“Unternehmen gewinnen, die solche Stationen in ihren Betriebsalltag und in die eigenen Mobilitätskonzepte einbinden – komplett digital vernetzt. All dies sei kein nobler Traum, bekräftigt Jens Heeren die Ideen. „Das ist ein bereits laufender Prozess.“ Billig ist die Idee für ihn allerdings nicht, denn eine Station koste einen fünfstelligen Betrag. Aber er verspricht sich viel von dem groß angelegten Projekt und dem „Neusi’s“als Ganzes.

„Bremen und alle anderen Städte müssen sich überlegen, wie ihre Bürger in Zukunft von A nach B kommen sollen.“ Da möchte er mit seinem Team einen vielfältigen Beitrag leisten. So oder so sei die Hansestadt an der Weser ein tolles Pflaster für das Zweirad.

„Bei den Großstädten liegt Bremen in Sachen Akzeptanz des Fahrrads als Transportmittel ganz oben.“ Dies sei toll, nicht nur für das „Neusi’s“, sondern stelle auch Anforderungen an die örtliche Infrastruktur und damit an die dafür verantwortliche Politik. „Wir möchten Interessen rund ums Rad bündeln“, fasst er zusammen. Die Selbstverständlichkeit von Flächenfraß durch Autos, wie er es nennt, werde zunehmend hinterfragt. „Wir sind weit mehr als nur versprengte Einzelkämpfer.“

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