Umgang mit offener Drogenszene an der "Piepe" gilt als Erfolgsmodell Polizei setzt auf Druck und Kooperation

Knapp 30 Polizisten haben eine Razzia bei der offenen Drogenszene an der Neustädter "Piepe" durchgeführt. Doch regelmäßige Kontrollen und Strafen sind nur ein Baustein im Kampf gegen das Ausufern des geduldeten Milieus. In Kooperation mit Behörden, Ortsamt, örtlicher Wirtschaft und den betroffenen Drogenabhängigen hat die Polizei eine Strategie entwickelt, die alle Beteiligten als Vorbild für ganz Bremen bezeichnen. Das Ziel: Nicht die Vertreibung, sondern engmaschige Kontrolle der Szene mit festen Spielregeln.
29.03.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel

Knapp 30 Polizisten haben eine Razzia bei der offenen Drogenszene an der Neustädter "Piepe" durchgeführt. Doch regelmäßige Kontrollen und Strafen sind nur ein Baustein im Kampf gegen das Ausufern des geduldeten Milieus. In Kooperation mit Behörden, Ortsamt, örtlicher Wirtschaft und den betroffenen Drogenabhängigen hat die Polizei eine Strategie entwickelt, die alle Beteiligten als Vorbild für ganz Bremen bezeichnen. Das Ziel: Nicht die Vertreibung, sondern engmaschige Kontrolle der Szene mit festen Spielregeln.

Neustadt. Blaulicht an der "Piepe". In acht Sekunden sprinten die Uniformierten aus den Autos zu den Sitzbänken. In einer Reihe rennen die 30 jungen Männer und Frauen einmal um den Kiosk und die kleine Sitzgruppe. Die zehn Personen vor Ort sind umstellt, zwei Fluchtversuche enden in den Armen der Ordnungshüter. "Mist, warum war ich nicht schneller!", ärgert sich ein schwarzhaariger Mann mit Schirmmütze. Der polizeibekannte Straßendealer kleinerer Mengen Betäubungsmittel nimmt es dennoch gelassen: Kontrollen sind alle regelmäßigen Besucher der offenen Drogenszene an der Kreuzung Osterstraße und Buntentorsteinweg gewohnt. Nacheinander müssen alle Anwesenden ihre Taschen leeren, Polizisten tasten sie ab und suchen sogar in den Haaren nach Heroin und Cannabis sowie verschreibungspflichtigen Schlaf- und Schmerzmitteln. Man kennt sich untereinander, der Umgangston ist überwiegend freundlich. "Die meisten Menschen, die sich hier treffen, kommen aus der Neustadt und betrachten

diesen Platz als ihr Wohnzimmer", berichtet der Neustädter Revierleiter Volkmar Sattler.

Vor wenigen Jahren sah die Situation nicht so entspannt aus. Damals lag der Stammplatz der Szene noch 30 Meter weiter direkt an der Straße. Pöbeleien gegen Passanten, Müll und Exkremente sowie Drogenkonsum hinter dichten Hecken prägten das unerfreuliche Erscheinungsbild an der "Piepe". "Die Beschwerden häuften sich, die Szene hat sich massiv ausgeweitet, die Situation drohte zu eskalieren", umschreibt Sattler die Zustände. Intensivere Kontrollen und ein Strategiewechsel führte seit 2008 schließlich zu dem, was heute als Erfolgskonzept gilt: Gemeinsam mit Lokalpolitikern, Behörden und örtlicher Wirtschaft entwickelte die Polizei in Absprache mit den Drogenabhängigen vor Ort den heutigen Stammplatz hinter dem Kiosk, an dem die Szene sich aufhalten darf - sofern sie gewisse Spielregeln beachtet. Keine Belästigungen von Fußgängern, kein Dealen, kein öffentlicher Drogenkonsum und Urinieren. Ebenso verboten sind Straftaten in angrenzenden Gebäuden - besonders im Hinblick auf das angrenzende

Rotes Kreuz Krankenhaus. "Wenn das nicht streng eingehalten wird, betrachten wir das als Kriegserklärung und greifen sofort entsprechend härter durch, das weiß die Szene ganz genau", sagt der Revierleiter.

Vor der Razzia erklären Beamte des Zivilen Einsatzdienstes (ZED) angehenden Polizisten genau, worauf es bei dem Einsatz ankommt. Bilder von bekannten Dealern kreisen ebenso durch den Besprechungsraum des Neustädter Reviers wie Verkaufspäckchen mit Heroin. "Wir wollen den Studenten der Hochschule die Gelegenheit geben, derartige Zugriffe kennenzulernen", erklärt Ralph Dziemba vom ZED. Erfahrene Kollegen in Zivil und Uniform ergänzen die Einsatzgruppe, die später an der "Piepe" auch den Boden und Fahrräder genauestens unter die Lupe nimmt.

Von dort werden schließlich vier Personen auf das Revier gebracht und noch genauer von Kopf bis Fuß auf Drogen durchsucht. An diesem Tag finden die Polizisten jedoch nichts. Das erste Mal seit der Einführung der Schwerpunktkontrollen. Volkmar Sattler ist zufrieden: "Das zeigt, dass wir mit unserer Strategie auf dem richtigen Weg sind." Lediglich ein Mann muss bis zum Abend in der Zelle bleiben. Er hat sich nicht an einen Platzverweis gehalten, den die Polizei ihm für zwei Wochen ausgesprochen hat, weil er gegen die Regeln verstoßen hat. Wiederholungstätern droht vom Amtsgericht ein einjähriges Betretungsverbot des Areals.

"Unser größtes Problem haben wir mit auswärtigen Konsumenten und Dealern", berichtet Sattler. Im vergangenen Jahr haben Dealer aus Osterholz zum Teil mit Gewalt versucht, den Platz für sich zu beanspruchen. "Darauf hat sogar die lokale Drogenszene mit regelrechten Hilferufen an uns reagiert", berichtet Dziemba. Die Antwort der Sicherheitskräfte folgte prompt: Mehr als eine Verdoppelung der Einsatzstunden auf 1869 im Jahr 2011 habe dazu geführt, dass inzwischen an der "Piepe" wieder Ruhe eingekehrt sei. Zumindest vorläufig. "Wenn wir nur eine Woche nachlassen, macht sich das negativ bemerkbar", urteilt Sattler. Der Kontaktpolizist Heinz-Jürgen Linke sorgt zusätzlich mit täglichen Besuchen präventiv für Ordnung auf dem Platz.

"Vorbild für andere Stadtteile"

Selbst lokale Wirtschaftsvertreter, die sich am Dienstag erneut mit Behördenmitarbeitern, Lokalpolitikern und Polizei zu dem Thema ausgetauscht haben, sind zufrieden mit der positiven Entwicklung an der "Piepe". "Die Polizei spielt hier vor Ort in der Champions-League, daran können sich andere Bremer Stadtteile ein Vorbild nehmen", lobte Thomas Hasselmann vom Wirtschaftsinteressenring Neustadt die sichtbaren Erfolge. Auch Burkhard Cordes vom Rotes Kreuz Krankenhaus ist froh, dass die Szene durch den neu gestalteten Platz nicht mehr verteilt auf mehrere Bereiche für Unruhe sorgt. Bürgerschaftsmitglied Renate Möbius (SPD) und die stellvertretende Ortsamtsleiterin Gudrun Junghans plädierten indes nochmals eindringlich für die Akzeptanz dieser Randgruppe und deren Platz in der Gesellschaft. "Jedoch darf es auch nicht zu gemütlich werden bei uns an der Piepe", gab Junghans zu bedenken. Schließlich müsse das Konzept auch langfristig in Einklang mit den anstehenden

Umbaumaßnahmen in der Osterstraße und am Buntentorsteinweg gebracht werden.

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