Stadtplaner weisen Kritik an Bebauung zurück Friedhofskultur bleibt unberührt

Häuser auf dem Friedhofsgelände in Huckelriede - das wollen Anwohnerschaft und die Neustädter Stadtteilpolitik verhindern. Die Baudeputation könnte den Plänen an diesem Donnerstag trotzdem zustimmen.
22.04.2021, 05:00
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Friedhofskultur bleibt unberührt
Von Karin Mörtel

Der Protest gegen das geplante Baurecht für zwei Mehrfamilienhäuser auf dem nordwestlichen Gelände des Huckelrieder Friedhofs ebbt nicht ab. Im Gegenteil: Kurz vor der Sitzung der Baudeputation, die an diesem Donnerstag über den strittigen Bebauungsplan abstimmen wird, haben Anwohnerschaft und Beirat ihrer Kritik an den Plänen erneut Nachdruck verliehen.

Im Kern geht es um einen kleinen Teilbereich des Bebauungsplans, der für elf geplante Wohnblöcke der Gewoba auf einem frei gewordenen Teil des Scharnhorstkasernen-Geländes am Werdersee aufgelegt wurde. Die Gewoba-Pläne sind unstrittig und werden im Stadtteil und darüber hinaus hoch gelobt für ihre Gestaltung.

Für das Gelände auf dem Friedhof soll Baurecht geschaffen werden

Doch dass darüber hinaus auch für das derzeit noch als Erdlager genutzte Gelände des Umweltbetriebs auf dem Huckelrieder Friedhof Baurecht geschaffen werden soll, stößt im Stadtteil auf heftigen Widerstand.

Das Neustädter Stadtteilparlament sei enttäuscht darüber, dass die Stadt trotz des ablehnenden Beirats-Votums an der Bebauung des Friedhofsgeländes festhalte, schreibt Beiratssprecher Ingo Mose an die Baudeputierten in einem aktuellen Brief.

Der Beirat habe „nicht das geringste Verständnis dafür, dass das betreffende Areal nicht als Teil des Friedhofs angesehen wird.“ Schon im Oktober 2020 hatte der Beirat die von der Stadt beabsichtigte Bebauung des Erdlagers abgelehnt.

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Die Stadt argumentiert wiederum wie berichtet, der Mangel an bezahlbarem Wohnraum wiege schwerer als der Erhalt einer Friedhofsfläche, die nie für Grabstellen genutzt worden sei. Außerdem würden die vier und fünf Stockwerke der beiden möglichen Gebäude gut von einer dichten Baumreihe hin zum Gräberfeld abgeschirmt.

Das wiederum sieht die Architektenkammer anders, die sich ebenfalls kritisch zu den Plänen geäußert hat. Sie verweist auf die fünf bis sechs Monate im Jahr, in denen das fehlende Laub auch aus größerer Entfernung einen freien Blick auf die Gebäude gewährt.

Kritik an der Höhe des geplanten Gebäudes

„In diesem Zusammenhang kann eine Gebäudehöhe von vier und fünf Geschossen nicht als 'behutsam' bezeichnet werden“, schreibt die Architektenkammer. Eine derartige Dominanz und Präsenz sei „städtebaulich und freiraumplanerisch nicht vertretbar“.

Die Interessenvertretung empfiehlt eine Alternative: Angemessener sei es, die östliche Teilfläche des B-Plans beim Huckelrieder Friedhof zu belassen und beispielsweise als Parkbereich des Friedhofs aufzuwerten.

Eine Idee, die auch die Bürgerinitiative „Pro Huckelriede“ bereits vorgetragen hatte, die sich für eine maßvolle Bebauung des Ortsteils einsetzt. Die Initiative hat ihrerseits ebenfalls einen Brief an die Baudeputierten sowie die Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne) versendet, um die Entscheidung zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

„Mit Bestürzung mussten wir erfahren, dass am Donnerstag der Bebauungsplan durchgewunken werden soll“, schreiben Anwohnerin Oda von Meding und ihre Mitstreiter. Generell befürworte die Initiative die geplante Bebauung des Scharnhorstgeländes am Werdersee durch die Gewoba mit elf Wohnblöcken. Doch die im B-Plan enthaltene Erlaubnis der Stadt, auch das benachbarte Friedhofsareal bebauen zu dürfen, hielten die Initiativen-Mitglieder weiterhin für falsch.

„Pro Huckelriede“: Ergebnisse der Bürgerbeteiligung werden ignoriert

Zum einen würden mit dieser Entscheidung „die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung schlicht ignoriert“, so von Meding. Als neues Argument führt sie an, das der Friedhof erst 2020 zum „immateriellen Kulturerbe der Unesco“ ernannt worden sei. „Es ist eine Ungeheuerlichkeit, dass jetzt dieses zusammenhängende Friedhofsgelände durch Geschosswohnungsbau zerstört wird“, steht in dem Schreiben.

In der Baubehörde lässt man dieses Argument allerdings nicht zählen. „Die deutsche Friedhofskultur als solche wurde zum immateriellen Unesco Kulturerbe erklärt, ebenso wie der italienische Geigenbau und der kubanische Rumba“, so Behördensprecher Jens Tittmann. Das habe mit der fraglichen Örtlichkeit in Huckelriede nichts zu tun, „denn dort befinden sich keine Gräber.“

Darüber hinaus halte die Stadtplanung an ihrer Einschätzung fest, dass das Gelände trotz der geäußerten Vorbehalte für eine Bebauung geeignet sei.

Falk Wagner (SPD), Sprecher der Baudeputation, betont: „Die Koalition ist sich zu 100 Prozent einig, dass das Projekt auf dem Scharnhorstkasernengelände sehr gut und sinnvoll ist.“ Er gehe davon aus, dass die Deputierten dem B-Plan wie vorgelegt zustimmen werden.

Sprecher der Baudeputation: Bezahlbare Wohnungen direkt am Wasser

Besonders wichtig für Bremen sei es, „dass dort Wohnungen direkt am Wasser in hoher Qualität entstehen für Menschen, die sich nicht am Werdersee ein Reihenhaus mit Garten leisten können“, so Wagner.

Das Baurecht auf dem Erdlager sei für ihn in diesem Zuge vertretbar. „Bei Friedhofsbebauung denken viele gleich an Häuser auf Gräbern, das ist aber nicht der Fall“, sagt der Sprecher der Baudeputation.

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